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Gesellschaft | William Drozdiak: Der Zerfall. Europas Krisen und das Schicksal des Westens

Zerfall. Schön und gut. Wenn allerdings später im Text von einem »ungewissen Ausgang des Streits um den Aufbau des vereinten Europa« die Rede ist, entsteht der Eindruck, dass es William Drozdiak bzw. dem Verlag bei dem Titel darum geht, mit einer kräftigen Prise Alarm eine Menge Staub aufzuwirbeln. Von WOLF SENFF

William Drozdiak, Chefkorrespondent der Washington Post u.a. für Berlin und Paris, ist honoriges politisches Establishment der USA, und leider zieht sich der effekthaschende dramatische Duktus durch die gesamte Darstellung; erst im letzten Kapitel kommt es zu erfreulich unmissverständlichen Aussagen. Das ist dann wohl so.

Im Fokus die EU

William Drozdiak - 9783280056523Klar und überzeugend werden uns die Rivalitäten beschrieben zwischen der Europäischen Kommission und deren Präsidenten Jean-Claude Juncker sowie Donald Tusk, dem Präsidenten des Ministerrats, dem die nationalen Regierungschefs angehören.

Generell bedauert Drozdiak die Macht der EU-Behörden, auf wirtschaftliche Abläufe Einfluss zu nehmen, und nennt Mario Monti, den Wettbewerbskommissar, der die Übernahme von Honeywell durch General Electric untersagte, und kritisiert das regulierende Vorgehen gegen die US-amerikanischen Technologiegiganten Apple und Google – internationale Kartellverfahren würden zu einem Konfliktfeld, und William Drozdiaks Argumente weisen ihn als einen Befürworter von neoliberalen Grundsätzen aus.

Katastrophe und Desaster

Wahrscheinlich darf man nichts anderes erwarten, Drozdiak vertritt genuin konservative Positionen der USA. Der Kalte Krieg reüssiert, wenn Drozdiak von einer neuen Aggressivität Russlands spricht, höhere Investitionen für die Rüstung der NATO einfordert, und mehr noch, er redet von »hausgemachtem« Terrorismus durch Sympathisanten des IS und übergeht hier stillschweigend die militärischen Invasionen der USA als Geburtshilfe für den militanten Islamismus.

Das ist wenig erfreulich. Drozdiak entwirft Bedrohungsszenarien wie etwa das Schmelzen der polaren Eiskappen und die zu erwarteten Rivalitäten um neue Schifffahrtswege. Kriege, Hungersnöte, Dürren. Er beschwört eine Katastrophenstimmung herauf, in der die »Hard Power« der NATO unverzichtbar sei. Niemand benötigt eine Sonderration Hirnschmalz, um zu verstehen, worauf das hinausläuft. Man hat über weite Strecken den Eindruck, bei William Drozdiak selbst handelt es sich um das Desaster, das er so wortreich beschreibt.

Zweifelhafte Kompetenz

Es ist bedenklich, wenn diejenigen, die im Glashaus sitzen, anderen Ratschläge erteilen. Die USA sind in ihrem eigenen Land eine hochgerüstete Nation, und beinahe wöchentlich zeigt sich wieder, was in den Städten mit der jeweils neuesten Waffentechnologie angerichtet wird. Diesen Standard sollen wir nun unter auch den Nationen der Welt anstreben?

Diese Haltung ist nicht nachvollziehbar. Wir lesen das geradezu lächerliche Klischee von »Europas großzügigen Sozialsystemen« und sollen dennoch glauben, dass es sich um einen sachkundigen Autor handelt. Wir lesen von erstarkenden radikalen Linken Südeuropas und gleichzeitig vom weiteren politischen Zerfall in ganz Europa. Der Autor vermutet Zusammenhänge? Dann soll er sie bitte formulieren.

Krise, EU-Krise, Autonomiekrise

Es sind die steinalten Klischees eines stockkonservativen politischen Establishments, das seine Felle davonschwimmen sieht. Europa droht ihm zu entgleiten. Die EU-Institutionen in Brüssel seien ein Beispiel »supranationaler Herrschaft« bzw. der Bürokratie eines europäischen Superstaats. Diese Wortwahl scheint von der deutschen AfD oder dem französischen Front National abgeschrieben.

Im Zusammenhang der katalonischen Autonomiebewegung erwähnt er »andere EU-Regierungen, die mit vergleichbaren Autonomiebestrebungen zu kämpfen haben, etwa Italien, Belgien und Deutschland«. Als Rezensent reibt man sich die Augen. Wie dünn darf eine Faktenlage sein? In den genannten Nationen gibt es keine »vergleichbaren« Bestrebungen, nicht einmal – wie William Drozdiak behauptet – in Bayern. So werden Krisen herbeigeredet, und nein, wir leiten daraus keine Folgerungen über die dünnhäutige Psyche der USA-Eliten ab.

Hysterie & Panik

Er malt oft monochrom, wie auch anders, schwarz. In Italien, so die Italiener selbst, müsse das komplette herrschende Establishment ersetzt werden, in Ungarn und Polen werde die liberale Version der Demokratie für gescheitert erklärt, man sei gegen Gender-Politik, vertrete klassische Positionen der Linken im Kampf gegen Globalisierung und grenze sich scharf gegen die EU ab, wenngleich man keineswegs die Absicht habe, sie zu verlassen.

Deutlich wird auch wieder in seinen Kapiteln über die skandinavischen Länder und über Lettland, dass Europa aus einer Vielfalt nationaler Kulturen und Politiken geprägt ist. Doch das zu Europas Krisen zu erklären und von einem Zerfall zu reden, kommt als Alarmismus an, als Hang zu Hysterie, zu Panik.

Nachbarschaftspolitik

Er ist schrill. Im Lettland-Kapitel spielt er diverse Kriegsszenarien durch, selbstredend mit russischen Invasoren – dass man sich fragt, welche Chuzpe ein US-Bürger aufbringt, dessen Land mit der Invasion in den Irak das Desaster im Nahen und Mittleren Osten herbeigeführt hat. Da fehlen die Maßstäbe für ein abgewogenes politisches Urteil.

Russland, Türkei, Maghreb – für William Drozdiak ist die europäische Politik eines friedlichen Ausgleichs mit den Nachbarn gescheitert. Putin, der den Brexit und den Front National unterstützt, unterstellt er eine Strategie der Destabilisierung des Westens, will aber dennoch Anzeichen für eine sich anbahnende neue Ära der Entspannung erkennen.

Russlandfreundlich, russlandfeindlich

Anders die Türkei. Sie soll tendenziell als Verbündeter auftreten, der eine Barriere gegen Flüchtlingsströme bildet, jedoch von einem Beitritt zur EU ist das Land weit entfernt, und für die Beziehung zu Nordafrika und die absehbaren Flüchtlingsströme gibt es bislang keine politischen Vereinbarungen. Die EU als ein verlässlicher, ruhender Pol – das will William Drozdiak offenbar sagen – gehöre der Vergangenheit an.

Nach einem kurzen Rückblick auf die Geschichte warnt er vor der Politik Donald Trumps als einer Rückkehr zu einem verhängnisvollen Isolationismus, der die Jahrzehnte zwischen den Weltkriegen geprägt habe. Trumps russlandfreundliche Haltung unterminiere den westlichen Zusammenhalt und gefährde tendenziell die Stabilität Europas. Schon diese Begrifflichkeit ist irreführend; es kann weder um eine russlandfreundliche noch -feindliche Haltung gehen, sondern allein um realistische Positionen der Diplomatie.

Trump-Doktrin

Andererseits spart er nicht mit Kritik an den USA. Die USA handelten eigenmächtig, so mit den Invasionen in den Irak und Libyen, und er warnt davor, weiterhin zum eigenen Vorteil internationales Recht zu brechen. Die USA seien Verpflichtungen eingegangen, aus denen sie bei veränderter Stimmungslage nicht einfach aussteigen könnten, das betreffe das Klimaabkommen von Paris ebenso wie das Atomabkommen mit dem Iran.

Für Donald Trump sei die Welt keine globale Gemeinschaft – Drozdiak zitiert Vertraute des Präsidenten und spricht von einer Trump-Doktrin –, sondern eine Arena, in der Nationen, nichtstaatliche Akteure und Unternehmen gegeneinander anträten und jeder für sich Vorteile herauszuholen suche.

Nun kann Europa doch

Drozdiak warnt vor der Gefahr einer gespaltenen USA und eines zerrissenen Europa und sieht die Welt vor einer Weichenstellung zum Frieden oder zum Untergang. Das ist erneut der apokalyptisch eingefärbte Tonfall, und der Leser vermisst realistische alternative Strategien. Da fehlt’s.

Er spricht jetzt aber nicht mehr von der NATO, sondern von der Notwendigkeit einer effektiven, genuin europäischen Sicherheits- und Verteidigungsstrategie, die auch Thema der öffentlichen Debatte werden müsse. Wie geht das mit der zuvor durchgespielten zentralen Rolle der NATO zusammen? Er schreibt der deutsch-französischen Kooperation einen zentralen Stellenwert zu. Es gehe um die Bewahrung einer freiheitlichen internationalen Ordnung.

Noch-nie-Dagewesenes als Normalfall

Wir lesen die kenntnisreiche Darstellung eines Autors, der letztlich selbst nicht wirklich von seiner These einer zerfallenden Weltordnung überzeugt zu sein scheint.

Was bei dieser und ähnlichen nett zu lesenden polit-strategischen Darstellungen – Donald Trump wird zum Retter des Verlagswesens – ausgeklammert bleibt, ist jene sich zuspitzende klimatische Veränderung, die sich vor allem im Noch-nie-Dagewesenen zeigt, also den verheerendsten Waldbränden, den beispiellosen Überflutungen und desaströsen Stürmen einschließlich weitreichender regionaler Stromausfälle, und überhaupt niemand spricht von dem nächsten zu erwartenden nuklearen Desaster. Das ist die Ebene, auf der sich der Zerfall abspielt.

| WOLF SENFF

Titelangaben
William Drozdiak: Der Zerfall
Europas Krisen und das Schicksal des Westens
(Fractured Continent. Europe’s Crises and the Fate of the West
New York/London 2017, übersetzt von Astrid Gravert und Hans-Peter Remmler)
Zürich: orell füssli 2017
328 Seiten, 24 Euro
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