ptolemäus von der konsumgaststätte

Lyrik | Maik Lippert: im rauchglas des himmels überm gewerbegebiet

Nach seinem kleinen, 2003 in der Kölner parasitenpresse veröffentlichten Debütband ›fahrten ins sediment‹ erschien mit ›im rauchglas des himmels überm gewerbegebiet‹ 2007 in der ›Edition Thaleia‹ erstmals und überfällig eine umfangreiche Gedichtsammlung von Maik Lippert. Von ACHIM WAGNER

Lippert - RauchglasLyrische Arbeiten aus 15 Jahren (von 1990 – 2005) in chronologischer Abfolge, auf 145 Seiten, was in dieser Mengenerscheinung an den hier nur kurz erwähnten, aber ebenfalls sehr empfehlenswerten Band ›hard cover‹ (Bücher der Nyland-Stiftung, Neue Westfälische Literatur, 2006) von Nicolai Kobus erinnert. Lippert – wie Kobus Förderpreisträger beim Literarischen März – filtert Existenzielles aus alltäglichen Beobachtungen, alltäglichen Begebenheiten, auf Bahnsteigen, in Supermärkten, unter der Dusche.

Die Arbeiten fußen durchwegs im Realen, ohne bloßes Abbild zu sein. Es sind kleine, eigenwillige Verschiebungen, mit denen Lippert arbeitet, manchmal durch Versatzstücke aus der Chemie erzeugt:

»wissen die kinder in dindigul / die zu den häuten ins gerbfass kriechen / unsere adresse / geliebte / ich kenne sie nicht / nur namen / aus bollywoodfilmen / kann ich dir schreiben / die schöne formel / zerstörerischer kristalle / C6CI5OH« (aus: »geliebte du bleibst«).

Zwar zieht sich eine melancholische Grundhaltung durch dieses Kompendium, doch finden sich immer wieder verschmitzte, fast humoristische Einsprengsel, die diese Haltung aufbrechen, eine weitere Ebene einführen.

Lippert arbeitet mit dem freien Vers, er ist dabei stilsicher, das handwerkliche Niveau ist gleichbleibend hoch, wobei in den frühen Arbeiten das Gerüst für die späteren Stücke erkennbar ist, das Aufbrechen der Syntax, die Gegenläufigkeit der Zeilen, die auch in dieser freien Form geglückten Ableitungen ins Liedhafte.

Kindheits- und Jugenderinnerungen blitzen auf, verschwimmen in der Landschaft, die hinter der mit dem Ärmel freigewischten Scheibe in einem Zugabteil fragmentarisch sichtbar wird, aus der Landschaft schält sich das Gesicht der Geliebten, deren Nähe immer wieder gesucht wird, in kritischer Affirmation:

»wie tief / deine mundwinkel hängen / das traurige maul / einer lachsin / wie nach dem ablaichen / denke ich / kann es noch zärteln / an meinen brustwarzen / einreden ist alles / wenn ich du sage / sind das nur selbstgespräche / eines müden milchers / denn bestimmung gibt es ja / für dich und für mich / nicht / zum glück fehlt uns der kompass / im hirn / der die lachse landeinwärts treibt / zur quelle zurück« (»verlieben ist einrede«) oder »küss mich… / auch wenn die zahnreihen schief sind« (aus: »spür die verwerfungen«).

| ACHIM WAGNER

Titelangaben
Maik Lippert: im rauchglas des himmels überm gewerbegebiet
Gedichte 1990-2005
St. Ingbert: Edition Thaleia 2007
145 Seiten, 13 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Halskette aus Haaren

Nächster Artikel

Die Verwandlung in Newark

Weitere Artikel der Kategorie »Lyrik«

Nimm und lies

Lyrik | Martina Weber: Erinnerungen an einen Rohstoff Martina Weber, Jahrgang ’66, Lyrikerin, Juristin. Heinrich-Vetter-Preis, Georg-K.-Glaser-Förderpreis, Frankfurter Autorenstipendium. Zahlreiche Veröffentlichungen von Lyrik in renommierten Zeitschriften und Anthologien. Verfasserin eines Standardwerks zum Schreiben und Vermarkten von Lyrik. Erinnerung an einen Rohstoff ist ihr erster Gedichtband (Poetenladen, Leipzig, 2013). Von CHRISTOPH SCHWARZ

Lyrische Viten in melancholischem Sound

Lyrik | Jan Skudlarek: elektrosmog STEFAN HEUER rezensiert Jan Skudlareks neue Lyriksammlung elektrosmog. Der bei Luxbooks erschienene Band wurde von Simone Kornappel illustriert.

Das Grollen in den Träumen

Lyrik | Sascha Kokot: Zwei Gedichte

vor uns der Sandur im tiefen Frost
liegt die Ringstraße auf schwarzem Quarz
halb abgeräumt vor dem Ozean verkeilt
der Sockel vom Gletscherlauf aufgezehrt
gelangen wir nicht mehr zu den Kaltblütern
um sie in die geschützten Gehege zu führen
und uns vor dem Wintereinbruch einzudecken
so setzen wir zu den letzten Nachbarn über
senden von dort Anweisungen auf Kurzwelle
bis wir etwas erreichen das Plateau wieder offen ist
jagen die Meuten durch die Frequenzen und
lassen uns in den ewigen Nächten nicht schlafen
weil wir nicht sicher sein können
ob das nur die Sturmfront ist oder uns
schon das Rufen der Jährlinge durchfährt

Zwei Gedichte

Textfeld | Christian Saalberg: Zwei Gedichte GESTERN MORGEN PFIFF DER WIND SO, daß ich Angst hatte, er würde die schlafenden Krieger Wecken. Sie wollten nicht mehr leben, wer will das schon.

Drei Gedichte

Lyrik | Peter Engel: Drei Gedichte

Als Gärtner

Ich ziehe die Wortblumen auf,
aber nicht die unmögliche blaue,
sondern die nicht welkenden,
die ihre volle Schönheit
entfalten beim inneren Sehen.