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Inszenierungsvergleich

Platte | Johann Wolfgang von Goethe: Zweimal Torquato Tasso

Eine Idee, die so plausibel ist, dass sie den Alltag des Theaterliebhabers ohne viel Aufhebens bereichern müsste. THOMAS ROTHSCHILDS CD-Tipp

Ein Mann, der einen Loorberkranz auf dem Kopf trägtDie Idee ist so plausibel, dass man sich fragen muss, wieso sie nicht schon längst vielfach realisiert wurde. Ein Drama ist nicht für die Lektüre bestimmt. Es kommt erst zu sich, wenn die Rollen von Schauspielern verkörpert, wenn die Dialoge gesprochen und die Vorgänge szenisch umgesetzt werden. Deshalb ist jede Inszenierung ein eigenständiges Kunstwerk, und alle Polemiken gegen das Regietheater verkennen die Tatsache, dass es eine »authentische« Aufführung, dass es Texttreue im strengen Verständnis auf dem Theater nicht geben kann. Was es freilich gibt, und nicht zu selten, ist eine dumme Regie, die hinter der Textvorlage zurückbleibt, sind schlechte Schauspieler, die ihre Rollen nicht begriffen haben.

Zu den legendären Inszenierungen des Regietheaters im besten Sinne gehört Peter Steins Bremer „Torquato Tasso“ aus dem Jahre 1969 mit Bruno Ganz in der Titelrolle. Aber Goethes Drama war immer schon eine Herausforderung für Bühnenstars, es gehört seit seiner Entstehung zum deutschen Repertoire. Wie sehr sich das Theater in den sechziger Jahren gewandelt hat, erfährt man nun, wenn man Steins Inszenierung mit einer nur acht Jahre älteren Studioproduktion vergleicht. Die Leitung hatte der bewährte Regisseur Leopold Lindtberg, als Tasso war der Publikumsliebling Will Quadflieg zu hören, für die weiteren Rollen standen Schauspieler zur Verfügung, die als repräsentativ für das Wiener Burgtheater jener Jahre gelten können, allen voran Ewald Balser als Alfons II. Und das Medium der CD (für die ältere Aufführung) und der DVD (für Peter Steins Version) bietet sich an für einen überall abrufbaren Vergleich. Eine Idee, wie gesagt, die so plausibel ist, dass sie den Alltag des Theaterliebhabers ohne viel Aufhebens bereichern müsste.

Der deklamatorische Singsang der älteren Aufnahme klingt heute erstaunlich fremd und schon wieder auf eine merkwürdige Weise faszinierend. Dass Artikulation auf der Bühne keine Selbstverständlichkeit mehr ist, weiß jeder passionierte Theaterbesucher. Aber zum Sprechstil der Nachkriegszeit gehört nicht nur Deutlichkeit, sondern auch eine klassizistische Schönheit, die sich über Brüche und Widersprüche in den Charakteren hinwegsetzt. Alles erscheint als gleichermaßen edel und weihevoll. Die neueren Inszenierungen, eingeleitet durch Peter Steins Bremer Arbeit, haben gerade im Tasso den modernen Künstler oder Intellektuellen erkannt, seine komplexe Beziehung zur Macht, seine unterschiedlich interpretierbare moralische und politische Haltung.

Die Posen, die Bruno Ganz als Tasso gleich zu Beginn ausprobiert, sind zugleich eine Parodie auf das posierende Spiel des veralteten Theaters. Steins Inszenierung ist – nach wie vor – modern, artifiziell und der gegenwärtigen Realität angenähert zugleich. Seine Figuren sind durch die Erfahrungen der Psychologie und der Soziologie hindurchgegangen, aber sie sind niemals fotografische Abbilder einer vulgär aufgeschlüsselten „Wirklichkeit“ jenseits der Kunst. Sie behalten ihre dichterische Würde, auch wo ihr Verhalten – durchaus im Sinne Brechts – kritisierbar gemacht wird. Es wäre ungerecht, würde man in diesem Zusammenhang nicht das gesamte Ensemble rühmen, neben Bruno Ganz allen voran Edith Clever und Jutta Lampe als die beiden Leonoren Sanvitale und von Este.

Wir können uns, zumal der Theaterkanal, dessentwegen wir uns einst für digitalen Fernsehempfang entschieden haben, derlei längst entsorgt hat, nur weitere Aufführungsvergleiche dieser Art wünschen – zum Beispiel mit Tschechows „Drei Schwestern“ in den Inszenierungen von Peter Stein, von Thomas Langhoff und von Claus Peymann, zum Beispiel mit den Inszenierungen von Schnitzlers „Einsamem Weg“ durch Thomas Langhoff und Andrea Breth, zum Beispiel mit dem „Warten auf Godot“ von George Tabori und von Samuel Beckett selbst, zum Beispiel mit Brechts „Aufhaltsamem Aufstieg des Arturo Ui“ in den Inszenierungen von Palitzsch und Wekwerth und von Heiner Müller, zum Beispiel mit dem „Othello“ von Peter Zadek und von George Tabori, zum Beispiel mit dem „Faust“ von Gründgens, Peymann und Strehler.

| THOMAS ROTHSCHILD

Titelangaben
Johann Wolfgang von Goethe: Torquato Tasso
2 CD + DVD
Edition Mnemosyne
HB 3011

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