Sichtbare Zeichen eines Unsichtbaren

Kinderbuch | Evan Kuhlman: Der letzte unsichtbare Junge

Selten wurde im Kinderbuch eine treffendere Symbolik für den Verlust eines geliebten Menschen gefunden als im ersten ins Deutsche übersetzten Roman des amerikanischen Autors Evan Kuhlman. Das Tagebuch des Finn Garrett gibt Auskunft über ein sehr merkwürdiges Phänomen … Von BEATE MAINKA

Der letzte unischtbare JungeUnglaubliches geschieht mit dem 12-jährigen Finn Garrett. Er muss nicht nur den plötzlichen Tod seines Vaters verkraften, sondern bemerkt ein zunehmendes Verblassen seiner Selbst, wenn er in den Spiegel schaut. Seine Haare wechseln die Farbe von Schwarz zu Weiß und seine Haut wird zusehend durchscheinender.

Diese Wandlung hält er akribisch in seinem Tagebuch fest, doch nicht nur das. Zunehmend reflektiert er die schlagartige Veränderung, die sein Leben aus der Bahn geworfen hat. Er kapselt sich von seiner Umwelt ab, geht nicht zur Schule, verbringt ganze Nachmittage auf dem Friedhof und beobachtet und dokumentiert die Veränderungen im Verhalten seiner Mutter und seines kleinen Bruders. Und er beginnt sich zu erinnern an kleine und große Episoden, die das Bild seines Vaters lebendig erhalten …

Erst zögernd allerdings kommt er auf die Todesumstände zu sprechen, mag sich diesen Erinnerungen zunächst nicht stellen. Doch mit dem Zulassen der Trauer beginnt auch die Zeit, in der er sich wieder den Lebenden zuwendet. Er geht zur Schule, nimmt wieder am Familienleben teil und widmet sich seiner ersten zarten Liebe, Melanie, der Sportskanone aus seiner Klasse. Und siehe da, nun zeigen sich auch wieder die ersten schwarzen Haare und seine Haut tönt sich leicht rosa.

Erstaunliches aus dem Leben eines Jungen

Finn vertraut seinem Tagebuch sein Leben an: erfrischend aufrichtig, manchmal recht schnoddrig, aber auch mit all der tiefgründigen Weltsicht, zu der wohl nur Pubertierende fähig sind. Und als hätte er nicht schon genug Probleme, kommt dieses unheimliche Verblassen dazu. Der lockere Tonfall bietet da jedoch breiten Identifikationsspielraum, auch wenn sich mitunter seelische Abgründe auftun, etwa dann, wenn die Einsamkeit fast unerträglich wird. Doch Kuhlman baut in seiner Geschichte auf das Prinzip Hoffnung, er lässt seinen Helden kontinuierlich an sich selber wachsen und schließlich lernen, mit dem Verlust zu leben. Dazu stellt er ihm Menschen an die Seite, die zwar selbst zu kämpfen haben, wie etwa seine Mutter, aber dennoch nicht gewillt sind, aufzugeben. Und er zeigt mögliche Wege in die Zukunft auf, die zwar nicht in den schönsten Farben leuchten, aber zunehmend an Farbigkeit gewinnen.

Selten wurde das Thema Tod mit einer solchen Leichtigkeit im Kinderbuch behandelt. Das wunderbare Bilderbuch „Die besten Beerdigungen der Welt“ von Ulf Nilsson mit den herrlich frechen Illustrationen von Eva Eriksson kommt ähnlich frisch und jenseits aller Betroffenheitspädagogik daher. Kuhlmans Erzählung lebt von der Tiefenschärfe, mit der er dem Innenleben Finns nachspürt und dies literarisch umsetzt. Ein wunderbar leichtes Buch zu einem ungemein ernsten Thema – das ist eines der Dinge, die die Kinderbuchwelt braucht! (Pst! – und ein paar Comics hat es auch noch, für die ganz Lesefaulen.)

| BEATE MAINKA

Titelangaben
Evan Kuhlman: Der letzte unsichtbare Junge
Aus dem Amerikanischen von Uwe-Michael Gutzschhahn
München: dtv 2010.
288 Seiten. 14,95 Euro
Kinderbuch ab 10 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Gezählte Tage

Nächster Artikel

»Schaffe ich das, mit diesem echt dunklen Stoff?«

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Ein Survival-Abenteuer in Norwegen

Kinderbuch | Cornelia Franz: Wildesland

Matthis ist irgendwie von dem ganzen Familienurlaub genervt. Stundenlang in Auto zu sitzen, nur um den nächsten, genau gleich aussehenden See zu umrunden, findet er ätzend. Und auf der Heimfahrt von so einer Wanderung eskaliert die Situation. Was daraus wird, ist allerdings überraschend, staunt ANDREA WANNER

Zeitloser Sommerzauber

Kinderbuch | Penelope Farmer: Sie flogen einen Sommer lang

Der Traum vom Fliegen beschäftigt uns Menschen seit jeher. Und auch wenn wir inzwischen völlig problemlos in ein Flugzeug steigen können, geht es beim richtigen Fliegen doch um etwas ganz anderes: Aus eigener Kraft und wie ein Vogel in die Lüfte aufzusteigen, muss ein Gefühl endloser Freiheit sein. Genau so stellen sich das auch die zwölfjährige Charlotte und ihre zehnjährige Schwester Emma vor, die bei ihrem Großvater leben. Als eines Tages ein merkwürdiger Junge auf ihrem Schulweg auftaucht, scheint es, als könne dieser Traum tatsächlich wahr werden – und Rezensentin ANDREA WANNER staunt begeistert mit. 

Noch ein Fest …

Spielbuch | Aleksandra und Daniel Miezielińscy: Carp City

..., und zwar das des Siebenarmigen Orang-Utans. Es wird in der Stadt des Tanzenden Karpfens gefeiert und damit auch alles wie geplant funktioniert, gibt es noch eine Menge zu tun. Also nichts wie ran an die Arbeit, freut sich ANDREA WANNER.

Widerstreit der Gefühle

Kinderbuch | Marie Norin, Emma Adbåge: Lyra ist ganz heimlich Die ganz Kleinen haben es noch leicht, denkt man manchmal. Sie sind spontan in ihrem Fühlen, noch weit entfernt von dem Hin und Her und den Verwicklungen, die die Emotionen Älterer kennzeichnen. Das ist ein gewaltiger Irrtum, auch die ganz Kleinen kämpfen schon mit Gefühlen. Davon erzählen Marie Nordin und Emma Adbåge in dem Bilderbuch Lyra ist ganz heimlich, die eine mit Worten, die andere mit ihren Bildern. Von MAGALI HEISSLER

5 nach 12

Kinderbuch | Luke Adam Hawker: Der letzte Baum

Ein kleines Mädchen wächst in einer Welt auf, in der es keine Bäume mehr gibt. Die Menschen haben es geschafft, der verletzlichen Natur den Garaus zu machen. Sind wir am Ende der Geschichte angekommen? Es gibt Grund zur Hoffnung. Von ANDREA WANNER