Trennt die Grünschnabel-Spreu vom Profi-Weizen

Digitale Spiele | Fallout: New Vegas

Weit über 100 Stunden brachte RUDOLF INDERST mit ›Fallout 3‹ zu. Jetzt kommt eins, zwei, drei, aber nicht vier, eine Art Zwischenschritt auf den Tisch: ›Fallout: New Vegas‹. Natürlich folgen wir dieser Einladung gerne.

Fallout New VegasWir erinnern uns ja mit Vorliebe an die ganz großen Worte berühmter Männer. Zum Beispiel sagte Jerry Falwell einst: »Labor unions should study and read the Bible instead of asking for more money. When people get right with God, they are better workers.« Zu anderer passender Gelegenheit (vulgo 9/11) ergänzte er: »I really believe that the pagans, and the abortionists, and the feminists, and the gays and the lesbians who are actively trying to make that an alternative lifestyle [and] who have tried to secularize America. I point the finger in their face and say ‚you helped this happen.«

Ich denke, die Prämisse, dass gerade eine Stadt wie Las Vegas in Nevada den nuklearen Overkill überlebt haben könnte, wäre die mit Abstand fürchterlichste Vorstellung für den leicht reizbaren Herrn. Höchstens ein Bier, pardon, ein Glas Mineralwasser mit Pat Robertson, hätte ihn da unter Umständen beruhigen können.

Mitten im Radioaktiven

Lassen Sie uns einen Blick in die Sündenstadt riskieren – worum geht es in ›Fallout: New Vegas‹? Nicht einmal radioaktiver Niederschlag vermochte dem bunten Treiben in der Spielerstadt Einhalt zu gebieten. SpielerInnen besuchen Schauplätze wie die brütend heiße Mojave-Wüste, den kolossalen Hoover-Damm und den neonlichtdurchfluteten Vegas-Strip. Zwischen den rivalisierenden Fraktionen innerhalb der Stadt braut sich ein Krieg zusammen, dessen Auswirkungen jeder einzelne Einwohner von New Vegas zu spüren bekommt.

Durch die Entscheidungen, die man trifft, begegnet man unzähligen Charakteren, Kreaturen, Verbündeten und Feinden und bestimmt letztlich auch den dramatischen Ausgang dieses postnuklearen Machtkampfes. Der Waffenfetisch wird dabei hemmungslos bedient: Mehr als doppelt so viele Waffen wie in ›Fallout 3‹ stehen zur Verfügung – und damit ebenso viele neue Wege, mit Bedrohungen im Ödland oder den Einheimischen aufzuräumen. Die Coder haben zudem ein neues Waffen-Konfigurationssystem entwickelt: Man kann nach Herzenslust an aufgelesenen oder gekauften Waffen schrauben und sieht die Veränderungen nun in Echtzeit. Nicht nur C. Heston jubelt da: »I’ll give you my gun when you take it from my cold, dead hands!«

›Fallout 3‹-Kenner mögen sich nun fragen: Wenn schon look & feel alte Bekannte sind, wo stecken dann die Neuigkeiten. Die sind – zugegeben – etwas rar gesät. Exemplarisch lassen sich drei Punkte festmachen. Zum einen gibt es nun das Companion-Wheel, mit dem die Führung seiner Begleiter einfacher wird, das Image-System, das die Konsequenzen der eigenen Handlungen aufzeichnet und den Hardcore-Modus, bei dem sich – Achtung, Marketing-Sprech – die Grünschnabel-Spreu vom Profi-Weizen trennt. Oho!

Ungewohnt neu sind leider auch jede Menge Programmierfehler, die sich in das fertige Produkt geschlichen haben. Egal, ob rückwärts laufende Hunde oder Phantomcomputer, schnell musste nachgepatcht werden, was sicherlich zu einigen unzufriedenen SpielerInnen führen dürfte.

Dennoch überwiegt die Freude: Fallout ist zurück und wird Freunde der Serie recht lange an die Bildschirme fesseln.

| RUDOLF INDERST

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Traumland satt

Nächster Artikel

»Surrealism to me is reality«

Weitere Artikel der Kategorie »Digitale Spiele«

Der Reiz des Bösen

Digitales | Games: Tyranny »Der strahlende Held ist tot«, muss sich Rian Johnsson wohl gedacht haben, als er 2017 Luke Skywalker von einer der ikonischsten Heldenfiguren moderner Popkultur zu einem ambivalenten Antihelden degradiert hat. Obwohl das vielen ›Star Wars‹ Fans sauer aufstieß, folgt der Regisseur lediglich modernen Trends. Ambivalente – ja gar böse – Charaktere erobern die Medien. Nur zu gerne beobachten wir einen Walter White in der Serie ›Breaking Bad‹ beim langsamen Aufstieg zum Drogenboss. Nur zu gerne schlüpfen wir in ›Red Dead Redemption‹ oder ›GTA‹ in die Rolle eines Schwerverbrechers. Aber es geht noch übler: in ›Tyranny‹ vom Entwickler

Eine ganz neue Welt

Digitales | Games: No Man’s Sky Es fühlt sich schon wieder an, als sei ein halbes Jahrhundert vergangen, seitdem Developer Hello Games ›No Man’s Sky‹ zum ersten Mal bei den VGX Awards präsentierte. Und dennoch: Die Versprechen, die das kleine Team aus Guildford an diesen Tagen für ihre Weltraum-/Überlebenssimulation gegeben hatten, sind vielen Menschen lange Zeit in Erinnerung geblieben. Ein Spielraum, so groß, dass es niemandem möglich sei, ihn jemals komplett zu erkunden; Ganze 18 Trillionen (1018) Planeten sollte es geben, jeder mit einer einzigartigen Flora und Fauna, mit seinen eigenen klimatischen Bedingungen, die es zu erforschen und zu überwinden galt, kurz und gut: ein Traum

I control, I fly

Digitales | Games: Ion Assault HD Obschon zu Gaming-Urzeiten nicht unpopulär, hat das Genre der Zwei-Stick-Shooter zu Zeiten, als digitales Spielen vom Nischen- zum Massenmarkt avancierte, ein eher tristes Dasein gefristet. Mit dem Aufkommen onlinebasierter Vertriebskanäle für die aktuellen Konsolen erlebt das Genre jedoch ein Revival. VOLKER BONACKER stürzt sich in die Weltraum-Schlacht.

Welt(raum)reise

Digitales | Games: Affordable Space Adventures Nicht mehr per Anhalter, sondern mit Reisegesellschaft durch die Galaxis. Das verspricht das exklusiv für die Wii U erschienene Indie-Game ›Affordable Space Adventures‹. Um das Weltall zu entdecken, sind nicht nur Geschick und Köpfchen gefragt, sondern auch die fachgerechte Anwendung des Gamepads – schließlich sollen die Funktionen voll ausgeschöpft werden. Mit einer Crew von bis zu drei Personen und einer (mehr oder weniger) fairen Arbeitsaufteilung kann die abenteuerliche Tour auf fremden Planeten losgehen. Doch Vorsicht, es ist nicht alles so friedlich, wie es scheint. Mit an Board: PHILIPP LINKE.

Why do all good things come to an end?

Digitales | Games: Gears of War 3 Nachdem sich die ersten beiden Teile nie so recht in Deutschland zu Hause fühlten, steht dieser Herbst ganz im Zeichen des plattformexklusiven Vorzeigeshooters ›Gears of War 3‹. Als langjähriger Freund der Reihe sieht sich RUDOLF INDERST das finale Kapitel der Trilogie an.