Weißer Fleck! Und weg!

Sachbuch | Eleonore Lappin-Eppel: Ungarisch-Jüdische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in Österreich 1944/45

In Österreich, diesem vielfach rätselhaften Land, in dem das Verschweigen, Verdrängen und Vergessen schon seit jeher bis in die schwindelnden Höhen der absoluten Perfektion getrieben wurde, haben die Geschichtsbücher, insbesondere die, welche die Geschehnisse des 20. Jahrhunderts darstellen, immer noch ein paar weiße Flecken, wenngleich sich deren Zahl seit den Tagen von Waldheims Pferd deutlich verringert hat. Von MANFRED WIENINGER

Einen dieser genannten weißen Flecke – und gar keinen kleinen – hat nun Eleonore Lappin-Eppel mit ihrem neuen Buch Ungarisch-Jüdische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in Österreich 1944/45 ein für allemal beseitigt.

ZwangsarbeiterNach der Besetzung Ungarns durch Hitlerdeutschland wurden ab März 1944 zehntausende ungarische Juden unter tatkräftigster Mithilfe der ungarischen Kollaboration als Sklaven in die damalige Ostmark verschleppt. Rund 40.000 dieser Menschen hatten bei ungenügender Ernährung und desaströser Unterbringung schwere, erschöpfende Zwangsarbeit in Industrie und Gewerbe, in der Landwirtschaft und beim Bau des militärisch vollkommen sinnlosen »Südostwalls« in den Grenzgebieten zu Ungarn und zur Slowakei zu leisten. Im Frühjahr 1945 wurden die ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter auf grausamen Todesmärschen in Richtung KZ Mauthausen getrieben, was viele von ihnen nicht überlebt haben. Damit wurde der Holocaust im Osten Österreichs öffentlich.

In unzähligen Dörfern und Städten konnte jedermann und jedefrau die elenden Marschkolonnen, die kaum oder gar nicht mit Trinkwasser und Nahrung versorgt wurden, durch die Straßen und Gassen wanken sehen. Der Holocaust geschah damit praktisch vor der eigenen Haustür. Nach dem Krieg interessierte sich kaum jemand in Österreich für die Leiden dieser Menschen. Auch weil die Überlebenden wohl großteils in ihr Heimatland zurückgekehrt sind, wo ihnen bald wieder der alte ungarische Antisemitismus entgegenschlug – bis heute.

Detaillierte, prägnante Darstellungen

Eleonore Lappin-Eppels Buch »ist die erste umfassende Darstellung dieses Kapitels der österreichischen Geschichte«, wie der Verlag völlig zutreffend schreibt, und schon bei Erscheinen ein Standardwerk, möchte man hinzufügen. Der Autorin gelingt es fast mühelos, einerseits die großen historischen Linien zu ziehen und andererseits dazu vielfach noch detaillierte, prägnante Darstellungen zu bieten. Alles in allem ein faszinierendes Werk, das mit Gewinn zu lesen ist! Man würde sich wünschen, es stünde bald in allen Haushalten, aber zumindest in allen öffentlichen Bibliotheken und Schulbüchereien.

| MANFRED WIENINGER

Titelangaben
Eleonore Lappin-Eppel: Ungarisch-Jüdische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in Österreich 1944/45
Arbeitseinsatz – Todesmärsche – Folgen
Wien: LIT 2010
540 Seiten, 39,90 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Museums-Shooter

Nächster Artikel

Drachen und Diskurse

Weitere Artikel der Kategorie »Sachbuch«

Vom Kampf um die Finanzen

Gesellschaft | Julia Friedrichs: Wir Erben. Was Geld mit Menschen macht Geschätzt zweihundertfünfzig Milliarden Euro werden jährlich an Erben weitergereicht, eine runde Summe. Nein, muss sich niemand schämen dafür. Das ist Hochleistungsgesellschaft und was dabei hinten rauskommt. Neben mir wurden acht Reihenhäuser verkauft. Bevor sie fertig waren, traf ich ein älteres Ehepaar, das eines dieser Objekte für seine Kinder erworben hatte. Von WOLF SENFF

Umgestaltung der Arbeitswelt

Gesellschaft | Steven Hill: Die Start-up Illusion Man mag das nicht länger hören. Vor drei, vier Jahrzehnten hieß es, der rheinische Kapitalismus müsse von den menschenverachtenden Strukturen des anglo-amerikanischen Kapitalismus verschont bleiben. Dann kam die sozialdemokratische Agenda 2010 über uns, die Hartz-IV-Gesetzgebung, Streichung der Vermögenssteuer etc., und es war keine Rede mehr vom Schutz der Arbeitnehmer. Von WOLF SENFF

Egotrip mit Kulissen

Menschen | Andreas Altmann: Verdammtes Land Palästina und die Palästinenser erleben augenblicklich einen Boom. Zahlreiche Bücher und Medienberichte sprechen plötzlich aus, was zumindest in Deutschland und auf Deutsch lange Zeit tabu gewesen war. So wichtig und begrüßenswert das ist, so liegt doch ebenso auf der Hand, dass nicht alle Resultate eines Booms befriedigend ausfallen. Gerade hat der bekannte Reisejournalist Andreas Altmann seine Sicht der Dinge unter dem Titel ›Verdammtes Land‹ veröffentlicht. Von PETER BLASTENBREI

Wider die Ahnungslosigkeit

Menschen | Ulrike Scheffer / Sabine Würich: Operation Heimkehr 120.000 »Entsendungen« von deutschen Soldaten – Frauen und Männern – allein nach Afghanistan gab es von 2002 bis heute. Die Zahl der realen Personen ist kleiner: Viele waren mehrmals dort im Einsatz. Afghanistan war der erste der vielen Auslandseinsätze seit 1990, der auch offiziell Kriegseinsatz genannt wird. Er hat der Republik auch offiziell wieder Veteranen und Gefallene beschert – und Soldaten, die getötet haben. Und dann ist da noch die ›Operation Heimkehr‹, die Rückkehr in ein Land, das stolz auf den Bruch mit seinen eigenen militaristischen Traditionen ist. Von PIEKE BIERMANN

Der Weltphilosoph

Menschen | Bücher zum 250. Geburtstag von Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Lesenswerte Neuerscheinungen zum 250. Geburtstag von Georg Wilhelm Friedrich Hegel. DIETER KALTWASSER mit einem Überblick über die biografischen Schwerpunktsetzungen