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»Numerokratie«

Gesellschaft | Roberto Simanowski: Abfall. Das alternative ABC der neuen Medien

 
Diesen kleinen, feinen Essay in der Reihe ›Fröhliche Wissenschaft‹ herauszugeben, ist eine amüsante Geste. Roberto Simanowski lehrt ›Digital Media Studies‹ an der City University Hong Kong. Die Ferne ist ein schöner Ort/ doch wenn ich da bin, ist sie fort. Von WOLF SENFF

Abfall ABCDie Ferne ist, wo ich nicht bin/ Ich geh und geh und komm nicht hin. Simanowski mahnt zur Distanz gegenüber der schillernden Welt der Neuen Medien, er schreibt dieses ABC der Medien als ein ABC, das Anfängern zur Lesefähigkeit verhelfen soll, und möchte die gegenwärtige digitale Revolution lesbar, entzifferbar machen. Seine Aufsätze weisen auf eklatante Schwächen im allgegenwärtigen digitalen Hype.
 
Fotografie
 
Ein zentrales Thema ist die Auseinandersetzung mit Fotografie, er knüpft an Siegfried Kracauers kritischen Hinweis an, dass das Foto zwar alles real und detailliert abbilde, sich über den Sinn und die Bedeutung jedoch ausschweige. Das Foto zeige, aber sage, erkläre nicht. Als Gegensatz zum Foto verweist Simanowski auf das Haiku, das ein Gesamtbild zunächst beobachte, dann auswähle und eine Bedeutung heraufbeschwöre

»Die Erdbeeren /auf dem Teller /im Garten.« (Matsuo Bashō)

Ausgehend von der visuellen Wahrnehmung, verkörpert das Haiku den Erkenntnisprozess, während die Fotografie stets in der visuellen Wahrnehmung stecken bleibt; das sind die Eigenheiten des Genres. Simanowskis Hoffnung auf ein alternatives soziales Netzwerk, in dem niemand ein Foto poste, ohne es auch zu beschreiben, und gewissermaßen ein crossover-Produkt erstellt, ist realitätsfern.
 
Macht der großen Zahl
 
Doch es ist überzeugend, wie er den Gedanken zur Fotografie weiterführt. Er zitiert Franz Kafka: »Man photografiert Dinge, um sie aus dem Sinn zu verscheuchen«, und überträgt dieses Diktum auf die sinnfreie Selfie-Manie. Bei all diesen aufmerksamen Wahrnehmungen bleibt die Frage, wie er dennoch Hoffnung darauf setzen kann, dass Facebook »die Welt rettet«. Nein, erklärt er nicht überzeugend, aber er verweist den interessierten Leser auf seine vorausgehende Publikation »Facebook-Gesellschaft«. Hm.
 
Simanowski sieht die Erwartungen an das Internet als ein Medium der Befreiung, das auch den Verstummten und Ausgeschlossenen eine Stimme verleiht, enttäuscht. Mit Googles Maßstab quantitativer Bewertung messe sich Erfolg an der Zahl der Views, Shares, Likes, Followers, Retweets, das »social bookmarking« sei bloß Ausdruck einer Macht der großen Zahl, die die Berichte über Kim Kardashian oder über entzückende Hunde ins Ranking des »must read/see« treibe.
 
Expertise war gestern
 
Quantifizierung, Messbarkeit, Scoring- und Ranking-Wahn habe sich mithilfe der Digitalisierung längst in allen möglichen Bereichen ausgebreitet. Simanowskis Darlegungen zu dieser »Numerokratie« sind eine vernichtende Kritik auch gegen zeitgenössische Ausprägungen von Kunst und Kultur. So würden Besucherzahlen in Museen statistisch ausgewertet, um erfolgversprechende Themen für Ausstellungen zu ermitteln – ein Abgesang auf künstlerische Qualität.
 
Auch hier konstatiert Simanowski einen »Tod der Experten« und das Ende des fordernden Anspruchs, mit dem diese ihrem Publikum begegnen: Verweichlichung werde uns seit Neuestem als Demokratie aufgetischt. Die seit einigen Jahren als Genre gepflegte ›Partizipationskunst‹ sei nichts anderes als ein Gruppenkuscheln mit Künstler.
 
... bis dass sie Keime treiben
 
Das sind klare Worte. Man kann nur wünschen, dass sie in unserer Merkel-Wohlfühl-Kultur kräftige Keime mit Dornen austreiben. Erstrebenswert wäre, dass wir uns fragen, wie lange wir noch jede technologische Innovation, die uns als ›Revolution‹ angedient wird, vertrauensselig hinnehmen wollen.
 
Die einst so großspurig als revolutionäre Neuerung verkaufte ›Kernenergie‹, mit der uns versprochen wurde, sie werde alle Probleme lösen, kommt uns jetzt schon teuer zu stehen, ein Ende ist nicht absehbar.
 
| WOLF SENFF
 
Titelangaben 
Roberto Simanowski: Abfall. Das alternative ABC der neuen Medien
Berlin: Matthes & Seitz 2017
186 Seiten, 15 Euro
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