Fremd bin ich eingezogen

Roman | Leonhard F. Seidl: Mutterkorn

Der Nürnberger Autor Leonhard F. Seidl bezeichnet seinen Debütroman Mutterkorn als »Geschichte einer Befreiung«. Eine Bestandsaufnahme von HUBERT HOLZMANN

MutterkornGanz im Zentrum des Romans Mutterkorn von Leonhard F. Seidl steht der Krankenpfleger Albin, ein junger Mann, isoliert, drogenabhängig, traumatisiert vom Selbstmord seiner Freundin Almud. Seine Arbeit als Dauernachtwache im Pflegeheim Hasenberg ist stupide. Immer die gleichen fünf Nächte. Immer neun Stunden. Dann Übergabe. »Er setzte sich den beiden Schwestern gegenüber. Die mollige Maria musterte ihn, als warte sie nur darauf, dass sich die ersten Schweißtropfen über seiner Lippe bildeten. Bei ihr wuchsen dort schwarze Härchen.«

Albin beobachtet sich und seine Umwelt sehr genau. Hochsensibel, nervös. Dazu mischen sich Stimmen, die zu ihm sprechen. Das sind nicht nur Zeichen von Anspannung, von Überspannung. »Der Druck zog in seine Unterarme, die zu schweren Gewichten wurden. Er war müde, wollte liegen und schlafen. Die Unruhe, die ihm so lange als Treibstoff gedient hatte, war jetzt dabei, seinen letzten Lebenswillen zu ersticken. Er dachte an die kleinen blauen Ruhespender. An König Valium. Aber er ging nicht nach unten, um den Stimmen damit das Maul zu stopfen. Zu groß war die Angst, dass er auffliegen konnte. Zu groß war der Wunsch, sich aus der Abhängigkeit zu befreien.« Albin ist mit seinem Latein am Ende und zieht freiwillig in eine Wohngruppe, um von seiner Drogen- und Medikamentensucht loszukommen.

Die Vorgeschichte

Albin ist eigentlich Punker, bereits als Jugendlicher wird er auf einem Volksfest von einem Neonazi zusammengeschlagen. Corinna, die Frau, die ihn blutend am Boden liegend findet, wird seine erste Freundin. »Ihre Wohnung war im ersten Stock. Albin zog seine verdreckten Schuhe vor der Haustür aus. Drinnen empfing ihn gemütliche Wärme. Corinna schob ihn ins Bad und verschwand. Es roch nach Corinna. Gerade wollte er eine Parfümflasche öffnen, da kam sie mit einem Verbandskasten zurück… Sie tupfte die Abschürfung an seiner Wange ab, kam ganz nah an sein Gesicht heran. Ihr Atem streifte ihn. Dann küssten sie sich.«

Mit Corinna fährt er dann nach Rostock. Zu dieser Zeit brennen in Deutschland wieder Asylantenheime. Die beiden schließen sich dem organisierten Widerstand der Antifa-Bewegung an und demonstrieren gegen den rechten Pöbel. Die Demo wird von der Polizei niedergeknüppelt. Später nimmt er zusammen mit einem Kumpel an den Chaostagen in Hannover teil. Die beiden plündern einen Laden und entgehen nur knapp einer Inhaftierung. Dann reisen sie nach Amsterdam, dort ziehen sie sich bei der ersten Gelegenheit ein »Ticket« rein. »Auf dem Bahnhofsvorplatz entfaltete sich die volle Wirkung der Droge. Vor ihnen die breite, leere Straße. Weiter hinten auf dem Wasser: unzählige Farbkleckse, vereint, verlaufen, verschlissen. Trotz des schweren Rucksacks fühlte sich Albin noch leichter. Seine Beine waren Sprungfedern, der aufgeputschte Körper hüpfte über die Straße.«

Die Realität gerät für Albin mehr und mehr aus den Fugen, er nimmt sie verzerrt wahr, der Einfluss der Drogen wird deutlich. Merkwürdige Geräusche häufen sich, auch Traumgesichte. Und immer wieder sieht er sich Almuds Tod, den er nicht verhindern konnte, hilflos gegenüber. »Albin saß mit Almud in seinem Zimmer und rollte einen Joint mit schwarzem Afghanen. Er zündete ihn an… Dann drehte er den Joint um, steckte ihn mit der Glut voran in den Mund, ging mit dem Filter an Almuds Lippen und blies hinein: Da löste sich ein Schuss. Almus Gehirn klebte an der Wand und Albin schreckte aus dem Schlaf auf.«

Die Therapie

Die Therapie wird für Albin zur wirklichen Hölle. Entzugsqualen, Träume und die Stimmen sind dabei nur eine Seite des Terrors. Als ebenso fürchterlich stellen sich seine WG-Bewohner heraus. Einer von ihnen, Torben, ist nämlich ein Mitglied der rechten Szene. Die Vergangenheit holt Albin also in allen Details ein. Und die Konflikte bleiben nicht aus. Albin scheint durchzudrehen. Und als er dann auch noch Besuch von seiner ersten Freundin Corinna erhält, eskaliert die Situation.

Allerdings schiebt sich an dieser Stelle ein zweiter, durchaus auf geschichtlichen Fakten basierender Handlungsstrom ins Romangeschehen: Es geschieht ein merkwürdiger Geldraub, Albin wird Zeuge des Geschehens. Trotzdem wird er verdächtigt und die Polizei nimmt ihn zum Verhör mit in die JVA. Eine rätselhafte SMS »die taube/ kriegt ihr mutterkorn/ bleib noch müller/ für dein brot« trägt entscheidend zur Aufklärung der Straftat bei. Albin kommt wieder frei. Stattdessen wird sein Mitbewohner Torben verhaftet. Der gesteht in buchstäblich letzter Sekunde seine Verstrickung in das geplante Bombenattentat auf die Eröffnungsfeierlichkeiten der Münchner Synagoge am 9. November 2003.
So rätselhaft wie der Schluss ist auch der Titel des Romans: Mutterkorn. Das Mutterkorn bezeichnet einen giftigen Parasiten, der auf Getreide wächst und es enthält einen Stoff zur Produktion von LSD. Das Mutterkorn – eine Metapher für das Fremde, Ungenießbare, Verstimmende? Vielleicht das Verstörende im Menschen selbst, wie es im Motto des Buches, »Ihr kriegt uns hier nicht raus!«, einem Zitat von Peter Licht heißt?

Albins Geschichte verstört. Und dennoch entwickelt sich eine ungeheuere Kraft – Albins Streben nach Befreiung: »Ich will eine Zukunft, in der ich frei sein kann… der Gedanke an dich macht mich stark und gibt mir Kraft.« Dieses Bekenntnis, das er an seine Betreuerin Nina schreibt, wird zum zentralen Wendepunkt im Roman. Das Ende: »ein Apfelbaum, von dem Ninas Beine baumelten. Albin ging zu dem Baum und hangelte sich nach oben.« – Hoffnung! Auch auf neue Romane von Leonhard F. Seidl.

| HUBERT HOLZMANN

Titelangaben
Leonhard F. Seidl: Mutterkorn
Berlin: Kulturmaschinen Verlag 2011
166 Seiten. 14,90 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Störe meine Kreise nicht!

Nächster Artikel

Die japanische Bibelexegese des kleinen Mannes

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Von anständigen Dieben und diebischen Ehrenmännern

Roman | Ross Thomas: Das Procane-Projekt / Zu hoch gepokert

Fünf Romane hat Ross Thomas (1926-1995) unter dem Pseudonym Oliver Bleeck geschrieben. In ihnen allen steht der Wiederbeschaffungsexperte Philip St. Ives, ein enddreißiger Ex-Reporter mit Dandy-Appeal, im Mittelpunkt. Das Procane-Projekt ist Nummer 3 und erschien im Original 1971 unter dem Titel The Procane Chronicle. Zu hoch gepokert folgte 1974 als vierter Fall für St. Ives unter dem Originaltitel The Highbinders. Um eine Chronik der besonderen Art geht es im ersten Roman. Um ein Schwert von historischer Bedeutung im zweiten. Einfach wird es für Thomas‘ Helden in keinem der beiden Fälle. Denn wo es um viel geht, wollen meist auch viele ein Stück vom Kuchen abhaben. Von DIETMAR JACOBSEN

Heimkehr mit Hindernissen

Roman | Heinrich Steinfest: Die Möbel des Teufels

Am 1. August 1976 stürzte die die Wiener Bezirke Leopoldstadt und Donaustadt verbindende Reichsbrücke auf voller Donaubreite ins Wasser. Am Nachmittag desselben Tages verunglückte auf dem Nürburgring der österreichische Formel-1-Pilot Niki Lauda mit seinem Ferrari schwer. Zufall oder Koinzidenz der Ereignisse? Wenn Heinrich Steinfest solche Ereignisse in das Leben seiner Romanfiguren hereinholt, ahnen die Leser inzwischen bereits: Es wird wieder einfallsreich. Und alles, auch das Unglaublichste, ist möglich. Denn »pure Zufälle sind der Aberglaube der Aufklärung.« Von DIETMAR JACOBSEN

Das Glück kommt per Taube

Roman | Bettina Balàka: Die Tauben von Brünn Ein Kriminalfall, ein Stück Zeitgeschichte aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, das einfühlsame Porträt einer Frau, die sich als Vollwaise durchschlagen muss und ein Roman über Tauben, die alles andere als nicht so gern gesehene »Ratten der Lüfte« sind. Dieser sehr dichte Roman von Bettina Baláka Die Tauben von Brünn hat ausgesprochen viel zu bieten – findet jedenfalls BARBARA WEGMANN.

An der französischen Atlantikküste

Porträt | Interview mit Jean-Philippe Blondel über seinen Roman ›Direkter Zugang zum Strand‹ Mit ›6 Uhr 41‹ gelang dem französischen Schriftsteller Jean-Philippe Blondel hierzulande ein Bestsellererfolg. Sein zweiter ins Deutsche übersetzte Roman ›Direkter Zugang zum Strand‹ ist wie ein Puzzle, das sich vor dem Hintergrund des Meers entfaltet. BETTINA GUTIÉRREZ hat ihn hierzu befragt.

Ermittlungen im Exil

Roman | Deon Meyer: Todsünde

Kapstadts Spezialeinheit zur Aufklärung von Tötungs- und Gewaltdelikten ohne Bennie Griessel und Vaughn Cupido? Undenkbar. Und doch müssen Deon Meyers Helden in ihrem achten Fall nicht nur erneut gegen die Zeit und einen raffinierten Feind, sondern auch um ihre Reputation kämpfen. Aus disziplinarischen Gründen hat man sie nämlich degradiert und in die Universitätsstadt Stellenbosch abgeschoben. Dort halten sie zwei Vermisstenfälle auf Trab. Dass die mit der Ermordung eines Polizisten in Kapstadt zusammenhängen, der Korruptionsfällen im Sicherheitsapparat auf die Spur gekommen ist, scheint zunächst nur eine Vermutung zu sein. Aber Griessel und Cupido beginnen, Zusammenhängen nachzuforschen- wenn sie Erfolg haben, könnte das ihren Ruf vielleicht wiederherstellen. Von DIETMAR JACOBSEN