Geburtstag nach Maß

Digitales | Games: Halo: Combat Evolved Anniversary

Einen besseren Zeitpunkt hätte es für dieses Spiel nicht geben können: Einerseits liefert ›Halo: Combat Evolved Anniversary‹ ein (fast) perfektes Beispiel dafür ab, wie Remakes aussehen sollten und andererseits steigert der Titel die Lust auf den vierten Teil der Serie, der wohl im nächsten Jahr aufschlagen dürfte. RUDOLF INDERST ging daher sehr gerne noch einmal zum Ursprung der Xbox-Erfolgsserie zurück.

Halo 3Die deutsche Amazon.de-Redaktion hielt sich seiner Zeit, als Halo auf der alten Xbox debütierte, mit Marketing-Lob nicht zurück: »Über drei Jahre hat es gedauert, bis Bungies Halo fertig geworden ist. Der große Hype, den das Spiel im Vorfeld verursacht hat, war allerdings mehr als gerechtfertigt! Die meisten Spiele, die über einen so langen Zeitraum in der Entwicklung sind, können den Erwartungen nicht gerecht werden. Halo ist jedoch die Ausnahme, denn es wird den Erwartungen nicht nur gerecht, sondern übertrifft sie sogar bei weitem. Der Science-Fiction-Ego-Shooter ist eine fast perfekte Mischung aus action-reichem Gameplay, erstklassiger Grafik und hervorragendem Sound.«

Was war man froh, als man nach dem dritten, vierten oder sogar fünften Durchspielen feststellte: Hier war nicht zu viel versprochen worden – das Spiel ist tatsächlich eine Shooter-Offenbarung abseits des PCs. Das Kontrollschema am Pad war vollkommen intuitiv und sehr clever durchdacht. ›Halo: Combat Evolved‹ sorgte dafür, dass die lästige Suche nach Health Packs ein Ende hatte (auch, wenn sie erst in Teil 2 gänzlich verschwanden), indem die Entwickler einen sich regenerierenden Körperpanzer einführten.

Gleichzeitig wurde der Nahkampf zu einer echten Option. Der berühmte Pistolenhieb auf den Hinterkopf war eine beliebte Methode, um den ein oder anderen Kill abzustauben. Die Serie sollte der Grundstein für Online-Schlachten auf der Xbox legen: ›Halo: Combat Evolveds‹ Nachfolger galt lange Zeit als DER Online-Multiplayer-Shooter. Die Reihe sorgte auch innerhalb der Machinima-Szene für frischen Wind durch die großartigen Red vs. Blue-Clips.

Blindkauf

Doch der entscheidende Kaufgrund war für mich persönlich ein anderer: Die Kampagne war komplett kooperativ spielbar. Mit vielen verschiedenen Freunden und Bekannten ging ich das Spiel an und nicht wenige entschieden sich bereits nach den ersten Stunden im Spiel, auch in Microsofts Xbox zu investieren, die damals in ihrem Aussehen an einen klobigen 1980er-Jahre Videorekorder erinnerte. Und nun, nach zehn Jahren meldet sich das Original im neuen HD-Gewand zurück. Verantwortlich zeichnet nicht Bungie, sondern 343 Studios, deren erklärtes Ziel es zu jeder Zeit war, den Kern des Spieles unangetastet zu lassen, aber die Hülle mächtig zu tunen.

Auf Wunsch können Spieler per Knopfdruck zwischen alter und neuer Grafik hin und herschalten (was etwa 2 Sekunden dauert, ohne, dass das Geschehen anhalten würde); es ist wenig überraschend, dass es einen Unterschied zu bewundern gibt. Dieser fällt manchmal (Stichwort Urwald) sehr mächtig, manchmal (Stichwort Innenarchitektur) weniger bedeutsam aus. Am Sounddesign wurde geschraubt wie in einer Tunerwerkstatt. Das Sturmgewehr in etwa klingt nun nach Schmerz und Bestrafung. Ebenfalls neu: Zum ersten Mal kann die Kampagne online-kooperativ in Angriff genommen werden. Achievement-Sammler freuen sich natürlich, dass nun auch für diesen Titel Punkte einzuheimsen sind. Des Weiteren spendierten die Entwickler zusätzliche Zwischensequenzen – an verteilten Terminals in der Spielewelt können Spielerinnen Hintergrundinfos abrufen. Diese sind zum Glück weitaus mehr als reine Textwüsten.

Nimm mich an die Hand!

Die spielerischen Freiheiten sind – innerhalb des Genrerahmens – bereits im ersten Teil der Serie beachtlich: Fahrzeuge zu Boden und in der Luft, eine weite und Möglichkeitsräume schaffende Topographie – ›Modern Warfare‹-Spielerinnen werden sich mitunter ein wenig verloren vorkommen. Nicht immer sorgen Leuchtpfeile für eine stringente Orientierung. Dennoch zeichnet sich auch das Remake durch eine exzellente Spielbarkeit aus, es ruft ins Gedächtnis, weshalb nicht wenige Marketingmaschinen anderer Hersteller und Vertreiber das Label »Halo-Killer« für ihr Spiel reklamieren wollten (gleichwohl niemals das Qualitätslevel erreichten).

Die ›Halo‹-Serie, die seit Teil 1 von einem sehr selbst- und sendebewussten Militarismus unterwandert ist, liefert im Grunde Stoff für eine typische Hard SciFi-Saga. Der Kampf der Menschheit in einer fernen Zukunft gegen eine aggressive Alien»brut« bietet die altbekannten erzkonservativen Genremotive voller Technologielust und imperialer Rassenpose. Das zivile Leben spielt so gut wie keine Rolle, die Entscheidungen fällen Generäle und militärische Oberkommandos. Spielerinnen sind ausführende Organe, Todesschwadronen im Kampf gegen einen Gegner, der scheinbar keine Gefangenen machen möchte.

pompös, clever, kolonialistisch

| RUDOLF INDERST

Titelangaben
Halo: Combat Evolved Anniversary
Genre: FPS
Plattform: Xbox 360
USK: 16

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Kampf über 26 Jahre und 26 Tage

Nächster Artikel

I control, I fly

Weitere Artikel der Kategorie »Digitale Spiele«

Building a Global Archive: Dean Guadagno on the Creation of The Video Game Library

Digitalspielkultur | How one man's passion for video games evolved into a massive resource cataloging over 10,000 books across 25 languages

In this exclusive interview with RUDOLF INDERST, Dean Guadagno, founder of The Video Game Library, shares the story behind his mission to build the most comprehensive collection of video game literature in the world. He discusses the challenges of creating a global resource, his personal gaming favorites, and the future of digital games research.

Make Pokémon great again!

Digitales | Games: Pokémon Sonne und Mond Da schwingt sie wieder, die alte Nostalgiekeule. Nun sind es bereits 20 Jahre, in denen sich kampfeslustige Taschenmonster auf unseren Bildschirmen tummeln. Pünktlich zum Jubiläum brachte die Entwicklerfirma Game Freak die Editionen ›Pokémon Sonne‹ und ›Mond‹ für den Nintendo 3DS auf den Markt, die einen kleinen Wendepunkt in der Geschichte des Handheld-Urgesteins markieren. Uns erwartet eine faszinierend neue, tropische Welt, die es wahrlich zu erkunden lohnt. DANIEL MEYER fängt sie alle.

Nazis auf’m Mond

Digitale Spiele | ›Wolfenstein‹: The New Order Im neusten Ableger der ›Wolfenstein‹-Serie übernehmen Nazis die Welt. Ihr schlüpft in die Rolle des Helden, welcher im Alleingang gegen die Übermacht ankämpft und Massenweise rote Bandagenträger ins Jenseits befördert. Ihr denkt, die Story ist alt und verbraucht? Macht nichts, denn ›Wolfenstein‹ überzeugt PHILIPP LINKE und ALEXANDER SCHMELEV durch brutal-spaßiges Gameplay und den Einsatz bekannter Nazi-Klischees, wie sie abgedrehter nicht sein könnten.

Scheiße, das ist ja wie in den verdammten 80ern!

Digitales | Games: Renegade Ops Immer dann, wenn Machismo, Testosteron, Zugang zu schweren Waffen und Ignoranz gegenüber vermeintlichen ›Drittweltstaaten‹ zusammenkommen, sind die Popaction-Medien der 1980er-Jahre nicht fern gewesen. Gut, Michael Bay lässt auch heute noch US-Jeeps durch ›Armensiedlungen‹ donnern und verkauft es als spaßbringende Kinetikhatz. Aber zurück zum Thema:  RUDOLF INDERST sieht sich Segas Download-Titel Renegade Ops an.

Zeit für Zombies!

Digitales | Games: Killing Floor 2 Längst gehören Zombies zum guten Ton der digitalen Gesellschaft und sind Grundbausteine vieler Spiele. Filme und Serien schildern die lebenden Toten oft als böse, postapokalyptische Ungeheuer, vor denen es selten ein Entrinnen gibt. Gamer greifen stattdessen zur Gegenwehr. Von LINH NGUYEN.