Abenteuer Grimmelshausen

Sachbuch | Heiner Boehncke / Hans Sarkowicz: Grimmelshausen

Riecht das zart nach einer Renaissance des größten Romanciers deutscher Zunge? Seit 2005 erscheinen bei Suhrkamp / Insel wohlfeile Taschenbuchausgaben der von Dieter Breuer betreuten Grimmelshausen-Werkausgabe und des Abenteuerlichen Simplicissimus. 2009 bringt Die Andere Bibliothek Reinhard Kaisers vielgepriesene Übertragung ins neuere Deutsch heraus, Ende 2011 folgt ebenda Grimmelshausen. Leben und Schreiben. Vom Musketier zum Weltautor – eine neue, von Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz verfasste Biographie. Beide Ausgaben sind preislich zwar noch nicht für ein großes Publikum offen, aber das muss ja nicht so bleiben. Zumal Die Andere Bibliothek Ende 2011 von Eichborn zu Aufbau umgezogen ist. Von PIEKE BIERMANN

GrimmelshausenDer Mann ist nicht minder rätselhaft als sein Werk: Hans Jacob Christoffel, Sohn des Bäckers Johann Christoffel, der in manchen Amtspapieren auch mit dem Nachnamen Grimmelshausen auftaucht, geboren im protestantischen Gelnhausen, nach allem, was sich noch berechnen lässt, höchstwahrscheinlich 1622. Er lebt also »von seinem ersten Schrei an im Krieg«, denn der war 1621 in Gestalt spanisch-katholischer Soldateska auch ins hessische Gelnhausen gekommen. »Das schreckliche Monster« mit all seiner seelischen, sexuellen, räuberischen und meistens blutigen Gewalt. Der Junge ist etwa fünf, als sein Vater stirbt. Seine Mutter Gertraud heiratet bald wieder, sein Stiefvater Johann Burck kommt aus Frankfurt und ist Barbier. Das ist ebenfalls ein zünftig-bürgerliches Handwerk und umfasst neben der Pflege des Kopfhaars auch etliche geschätzte Heilpraktiken.

Über Gelnhausen, Grimmelshausens Familie und seine ganz frühen Jahre ist nur noch wenig auffindbar. Viele Dokumente verbrennen schon im Dreißigjährigen Krieg mitsamt den Archiven. Die Datenlage wird – eine geradezu simplicianische Ironie – ein bisschen besser, nachdem ihn das Schicksal mit voller Grausamkeit getroffen hat. Noch als Kind wird er in Hanau, wohin er mutterseelenallein geflüchtet war, von einem kroatischen Streifkorps entführt, eine bis in spätere Jahrhunderte übliche Methode von Soldaten, sich ein Zubrot zu verdienen. Entweder zahlen die Eltern Lösegeld, oder Kriegsherrn, die immer Nachschub brauchen, kaufen sie ihnen ab. Fortan drischt es den kleinen Hessen durch halb Europa, auf wechselnden Schlachtfeldern, unter wechselnden Fahnen, bis zum bitteren Ende eines Krieges, der schließlich den gesamten Kontinent geopolitisch umgekrempelt haben wird. Es ist eine »Zeit, von welcher man glaubt/ daß es die letzte seye«, wird Grimmelshausen später seinen Simplicius räsonieren lassen.

Akribisch auf Plausibilität abgeklopft

Danach wird der »Musketier mit abgebrochener Schulbildung« katholisch, heiratet und schummelt ein kleines »von« zwischen seine zwei Nachnamen. Eindeutig adlig ist sowas damals nicht, es kann ja auch einfach »aus Grimmelshausen« gemeint sein. Grimmelshausen strebt allerdings tatsächlich in Richtung höherer Kreise, sozial und beruflich, und dient als das, was man heute kurz Provinzbeamter nennen würde. »Nebenbei« schreibt er. Und zwar Weltliteratur. Aus dem Stand.

Wie kann das angehen? Wie kommt ein hessischer Bäckerjunge an all die Bildung, an die Kenntnis von Literatur, Philosophie, Theologie, Naturwissenschaften, die er in seinen Werken ausbreitet, mit denen er jongliert? Wie an seinen Witz, seine einzigartige Poetik? Das war die verführerische Ausgangsfrage für Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz, beide Landsmänner und langjährige Liebhaber von Grimmelshausen. Ihretwegen haben sie sich durch – nicht nur Gelnhausener – Zunft- und Rentbücher, Kirchenregister, Lehrlingslisten und Gerichtsakten gewühlt, haben alte Stadtpläne und -stiche studiert und sich durch militärhistorische Unterlagen gearbeitet, haben Indizien für soziale, kulturelle, politische Kontexte herausdestilliert und akribisch auf Plausibilität abgeklopft. Sie haben nachgerechnet, nachgeguckt, gegengecheckt wie anständige investigative Journalisten. Oder anders gesagt: Sie sind vorgegangen wie Kriminalisten, die einen Todesfall Jahrzehnte später doch noch aufklären können, weil es neue technische Möglichkeiten gibt, und genauso spannend liest sich das auch.

Wunderbar vielschichtig

Was bei jenen die DNA-Analyse, ist bei Boehncke und Sarkowicz ein leidenschaftlich-nüchterner, genauer Blick und einer, der immer auf zwei Labyrinthe gleichzeitig gerichtet ist. Sie sehen Leben und Werk als Wechselspiel und überprüfen beide aneinander. Und entdecken plötzlich hier eine neue Verknüpfung, da ein bisher übersehenes Detail. Dass Grimmelshausens Stiefgroßvater Leonhard Burck Buchhändler und Drucker in Frankfurt/Main war, ist lange bekannt. Dass er damit womöglich – wie damals typisch – auch Verleger war, hatte zuvor niemand beachtet. Boehncke und Sarkowicz fördern die Doppelung zum ersten Mal zutage, sehen sich seinen Catalogus Omnium Librorum genauer an und finden darin unter anderem die erste deutsche Übersetzung einer Geschichte einer Landstürtzerin, die womöglich zur wichtigsten Vorlage für Grimmelshausen Landstörtzerin Courage wurde. Hier also sprudelte die Bildungsquelle, hier hat der kleine Hans Jacob aus Büchern gelernt, und später dann aus dem schieren, blutigen Leben, genau so nämlich, wie er selbst erklärt hatte.

Seit den Taschenbuchausgaben der Originaltexte ab 2005 und erst recht seit Reinhard Kaisers Übersetzungen in ein heute zugänglicheres Deutsch ab 2009 scheint Grimmelshausen auch hierzulande wieder interessant zu werden. Vielleicht, weil wieder mal eine Zeit ist, »von welcher man glaubt/ daß es die letzte seye«? Auch solche Gedanken kann man trefflich schweifen lassen beim Lesen von Boehnckes und Sarkowiczs wunderbar vielschichtigem, differenziertem Grimmelshausen. Und sich danach oder immer wieder zwischendrin endlich der einzigen Schelmenliteratur von Weltrang hingeben, die in den Idiomen, Dialekten und Sprachen geschrieben wurde, aus denen später Deutsch wurde.

Eine erste Version dieser Rezension wurde am 28. Dezember 2011 bei Deutschlandradio Kultur veröffentlicht.

| PIEKE BIERMANN

Titelangaben
Heiner Boehncke / Hans Sarkowicz: Grimmelshausen. Leben und Schreiben. Vom Musketier zum Weltautor
Frankfurt am Main: Die Andere Bibliothek / Eichborn 2011
500 Seiten, 34 Euro

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