Wie die Welt tickt

Sachbuch | Volker Reinhardt: Machiavelli

Machiavelli hat einen legendär schlechten Ruf als Propagandist zynischer Machtpolitik – zu Unrecht: Er hatte einfach ihre Mechanismen genau studiert und schonungslos und sarkastisch wie kaum jemand vor und nach ihm beschrieben. Eingebracht hat ihm das vor allem systematisches Missverstehen, üble Polemik und schlimmstenfalls Beifall von der falschen Seite, nämlich unappetitlichen Despoten aller Couleur. Warum man seine Analysen aus der Renaissance-Zeit gerade heute bestens gebrauchen kann, macht eine neue Biographie des Fribourger Historikers Volker Reinhardt klar, Machiavelli oder: Die Kunst der Macht. Von PIEKE BIERMANN

Reinhardt - MachiavelliAls Niccolò Machiavelli 1469 geboren wird, ist Florenz formal eine Republik und als solche noch immer höchst fortschrittlich organisiert. Die Staatsgeschäfte liegen in Händen der zehnköpfigen signoria und fünfzig weiterer Spitzenbeamter, sie sind alle gewählt und nur auf Zeit. Die Richtlinienkompetenz ist zudem verteilt auf mehrere Entscheidungsebenen. Deren Räte repräsentieren das florentinische Bürgertum – Bankiers, Großkaufleute, Zunftchefs. Informell, aber de facto liegt die Macht auch weiterhin bei einigen wenigen primi: Familien, die in etwa agieren wie die Cosa-Nostra-Clans im New York einer Zwischenkriegszeit etwa fünfhundert Jahre später. Patrizier wie die Medici, die Soderini, die Rucellai, die Salviati, die Guicciardini betrachten die Republik als ihr Privateigentum. Und ähnlich den späteren Mafia-Klüngeln konkurrieren auch sie mit allen Tricks und Grausamkeiten darum, wer als capo dei capi fungiert. Seit 1434 ist das Cosimo de‘ Medici, nach seinem Tod wird sein Sohn Lorenzo der »Pate von Florenz«, aus der Familie kommt später auch mancher Papst. Als Lorenzo 1492 stirbt, ist der Clan der Medici bankrott und die Republik von innen zerstört durch Günstlingswirtschaft, Wahlfälschungen und so teure wie treulose Söldnerarmeen. Kurzfristig versucht ein Dominikaner-Frate das politische Vakuum zu füllen. Girolamo Savonarola oszilliert zwischen populistischen Heilsversprechen und apokalyptischen Drohgebärden und würde Florenz gern zum fundamentalistischen Gottesstaat umbauen. Aber im Mai 1498 wird er als Ketzer gehenkt, verbrannt und als Asche in den Arno gestreut. Seine Komplizen werden aus den Ämtern entfernt.

Psychologe, Spion, Taktierer

Eine Woche später wird der 29jährige Machiavelli zum Chef der Zweiten Kanzlei der signoria gewählt. Wieso er? Anhand von Dokumenten ist das nicht zu klären. Sicher, auch er hatte Savonarola als Betrüger enttarnt, aber einen Namen scheint er noch nicht zu haben. Sicher, auch die Machiavelli gehören zu den angesehenen Familien, wenn auch nicht zu den primi. Aber Niccolò stammt aus einem eher peinlichen Zweig. Sein Vater Bernardo ist ein Pleitier von Gnaden, von Beruf Advokat, privat vor allem Bibliomane. Niccoló wächst sozusagen als »Underdog« auf, aber just das entpuppt sich als Vorteil. Ihn fördert niemand auf eine Karriere hin, und ihm schreibt auch niemand vor, wie er zu interpretieren hat, was er liest. Ohne prägende Lehrer, allein mit klassischer Literatur lernt er, sich selbst seinen Reim darauf zu machen. So unbegünstigt – also einerseits gedemütigt, andererseits niemandem zu Dank und Treue verpflichtet – kann er wohl seinen unorthodoxen Blick auf die Welt entwickeln. Und diesen gewissen arroganten Sarkasmus gegenüber inkompetenten Mächtigen und großmäuligen Heuchlern, für den er bei seinen Zeitgenossen auch berüchtigt ist.

Wie er Staatssekretär für Außenpolitik wurde, bleibt also offen. Was er daraus macht, ist gut dokumentiert, auch anhand seiner eigenen Schriften. Bis 1512 verhandelt er mit allem, was in Europa Macht hat, vom geizig-gierigen französischen König über den unberechenbar-sadistischen Cesare Borgia bis zu allerlei unappetitlichen Figuren des Vatikans. Seine Treffen mit condottieri (heute würde man sie warlords nennen) lassen ihn zu der Überzeugung kommen, dass eine starke Republik ihr eigenes Militär braucht, keine Söldner, deren Treue sich ausschließlich am Geld bemisst. Seine Missionen sind keine Komfortreisen: Dem französischen König muss er einmal buchstäblich hinterherfahnden, weil der aus Panik vor der Pest von Schloss zu Schloss hetzt, und ob man aus dem Hoheitsgebiet eines Cesare Borgia heil rauskommt, ist auch nicht sicher. Seine Berichte als Unterhändler sind dennoch Meisterwerke diplomatischen Zwischen-den-Zeilen-Schreibens. Machiavelli legt frei, was hinter verbalen (und anderen) Manövern des Gegenübers steckt, er ist Psychologe, Spion, Taktierer in einem. Und er wird zeitlebens in dem Dilemma stecken, genauer als jeder andere zu wissen, wie Macht funktioniert, und selbst keine zu haben.

Zugang zu Machiavellis Denken

Aus dem, was er als Kind gelesen und in vierzehn Jahren Außenpolitik erlebt hat, entwickelt er später seine Ideen über Staatskunst und eine ideale res publica. Denn 1512 ist erstmal Schluss mit dem Staatsdienst. Die Medici sind zurück in Florenz und an der Macht. 1513 wird Machiavelli verhaftet, gefoltert, aber bald amnestiert. In den vierzehn Jahren bis zu seinem Tod 1527 schreibt er vor allem: seine berühmten Werke Der Fürst, die Istorie Fiorentine, die Discorsi, aber auch seine weniger bekannten Komödien – eigentlich bissige Gesellschaftssatiren – und unglaublich ausführliche Korrespondenzen. Seine Analysen sind hellsichtig, und manche erweisen sich noch zu Lebzeiten als korrekt. Vor allem seine kühle Erkenntnis, dass eine Politik, die von Finanziers bestimmt wird, und Politiker, die keine Ahnung von Staatskunst haben, die Republik ruinieren, weil die ausschließlich dem Wohl des Ganzen verpflichtet ist, trifft heute so ins Mark wie damals.

Logisch, dass ihm seine Werke in allen Epochen mindestens mutwilliges Missverstehen eingebrockt haben. Machiavelli stand lange auf dem Index der katholischen Kirche, war aber für protestantische Potentaten nicht weniger anrüchig. So richtig gelesen hat ihn kaum jemand. Dabei lässt sich bei Machiavelli nicht nur immens viel darüber lernen, wie die Welt tickt – wer auch gern selber denkt, lässt sich mit Genuss erzählen, wie ein kluger Kopf politisches Denken entwickelt und wie das wiederum im realen Dasein geerdet ist. Genau das erzählt Volker Reinhardt in seinem neuen Buch. Er schildert – soweit belegt – Machiavellis biographische Stationen und macht greifbar, wie in der Renaissance gelebt, gestorben, moralisiert, intrigiert, gerafft und gemetzelt wurde. Er eröffnet den Zugang zu Machiavellis Denken, indem er es rückkoppelt an seine individuellen und historischen Kontexte, und verdichtet die umgekehrt durch Machiavellis Texte. Es macht Spaß, das zu lesen, nicht zuletzt weil Reinhardt eine erfrischend »heutige« Prosa zu schreiben versteht, die aber nicht platt oder anbiedernd daherkommt.

Eine erste Version dieser Rezension wurde am 2. Februar 2012 bei Deutschlandradio Kultur veröffentlicht.

| PIEKE BIERMANN

Titelangaben
Volker Reinhardt: Machiavelli oder: Die Kunst der Macht
München: C. H. Beck 2012
400 Seiten. 24,95 Euro

Reinschauen
Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Die Freiheit, die er meint

Nächster Artikel

Fäuste sind blind

Weitere Artikel der Kategorie »Sachbuch«

Positive Effekte – Fehlanzeige

Gesellschaft | Hannes Hofbauer: Kritik der Migration

Die Wanderungsbewegungen über Grenzen hinweg sind ein aktuelles und höchst umstrittenes Thema, das eine Renaissance nationalistischen Denkens hervorruft und rechtskonservativen Kräften zu Resonanz verhilft. In Deutschland, in Europa, in außereuropäischen Ländern, nicht zuletzt in den USA. Von WOLF SENFF

Spurenlesen im Fußabdruck der Stadt

Kulturbuch | Mueller-Haagen / Simonsen / Többen: Die DNA der Stadt »Sie werden alle Städte, die Sie von nun an besuchen, besser verstehen«, heißt es in dem Vorwort der Verleger. Ein Versprechen, das die Architekten Inga Mueller-Haagen, Jörn Simonsen und Lothar Többen einhalten. Sie zeigen Städte, wie sie nur selten zu sehen sind, im Schwarzplan, ihrer ehrlichsten Form. Von STEFFEN FRIESE

Gegen das News-Gewitter

Sachbuch | Rolf Dobelli: Die Kunst des digitalen Lebens

Gleich vorneweg, in seinem Titel ist das Buch ›Die Kunst des digitalen Lebens. Wie Sie auf News verzichten und die Informationsflut meistern‹ im Mindesten ungenau, vielleicht sogar »fake«. Das Buch hat nur am Rand mit digitalem Leben zu tun. Hauptsächlich geht es um die Nachrichtenflut, die den modernen Menschen überschwemmt und darum, diese Überflutung zu vermeiden. Insofern trifft der zweite Teil des Buchtitels den Inhalt viel besser. Doch da der Autor des Buchs zuvor die sehr lesenswerten Bücher ›Die Kunst des klaren Denkens‹ und ›Die Kunst des klugen Handelns‹ geschrieben hat, so ist der Titel aus Gründen des Marketings als Reihentitel zu verstehen. Dabei ist dieser zweite Teil des Titels inhaltlich richtig überzeugend geworden, findet BASTIAN BUCHTALECK

Shitbuch

Sachbuch | Ulf Poschardt: Shitbürgertum

Es war am Abend, ich war müde und griff zum Buch. Ich las und was ich las, machte mich zufrieden, entspannt, fast glücklich. Ich konnte das Geschriebene nachvollziehen und es war in einem warmherzigen, persönlichen Ton geschrieben. Elke Heidenreichs Buch ›Altern‹ ist so ganz anders als ›Shitbürgertum‹ von Ulf Poschardt. Dieses las ich den Tag über, um herauszufinden, was der Journalist mitzuteilen hatte. Ich gewöhnte mich über den Tag an einen Ton, der geradezu ätzend aggressiv war; an einen Stil, der sehr viele Setzungen machte, die man als Leser zu schlucken hatte.
Wer sind eigentlich diese Shitbürger - fragt BASTIAN BUCHTALECK

Paläste für Arbeiter, sozialistische Musterstädte

Kulturbuch | Tilo Köhler: »Seht wie wir gewachsen sind« Nach Josef Stalin wurden in den Jahren nach 1945 im sowjetischen Einflussbereich zahlreiche Objekte benannt, Straßen und Plätze, Fabriken und ganze Städte – nur die Umbenennung von Bergen blieb der UdSSR selbst vorbehalten (und Kanada). Der Name Stalins kann also durchaus für die ersten Jahre des sozialistischen Aufbaus in Ost-Europa stehen, bevor nach 1956 »der weise Führer des Weltproletariats« langsam aus dem öffentlichen Gedächtnis getilgt wurde. So kurios man das heute finden mag, Tilo Köhler hat seine Kulturgeschichte der frühen DDR ›Seht wie wir gewachsen sind‹ nicht ohne Grund an solchen