/

Über den Tellerrand blicken!

Kommentar | über die Notwendigkeit einer umfassenden Film-Kritik

Einem Artikel auf der Medienseite der SZ vom 9.3. entnehme ich, dass sich deutsche Kleinverleiher – nach der viel beredeten Überproduktionskrise der Degeto – an die ARD in einem Brief gewandt und die Befürchtung geäußert hatten, dass die Sender des 1. Programms nun weniger »Arthouse«-Filme einkaufen würden – wie diese ja auch »kaum noch im Programm des ZDF« vertreten seien. Von WOLFRAM SCHÜTTE

TITEL Film und TVNur weil auf diesen Brief vom 19. Januar die Verleiher fast drei Monate später immer noch keine Antwort erhalten hatten, wurde er Gegenstand dieses SZ-Artikels. Die designierte neue Verantwortliche für die Degeto will sich nun um die bürokratische Erledigung des bislang unbeantworteten Briefs kümmern und versucht die Befürchtungen der deutschen Verleiher, die im vergangenen Jahr 162 Filme herausgebracht und damit 20 Millionen Kinogänger erreicht haben, zu zerstreuen. Die ARD werde ihre »Spielfilmplätze, auch die in den Dritten Programmen, weiterführen«, zusätzlich gebe es Mitte des Jahres an acht Abenden schon um 20.15 eine Novität, nämlich »Sommerkino«.

Das klingt beruhigend, ist es aber nicht. Zum einen, weil die deutschen Kleinverleiher weiterhin befürchten, dass die ARD solche »Arthouse«-Filme »bald nur noch nach Mitternacht zeigen«, was aufgrund des dadurch reduzierten Ankaufspreises das Angebot für Verkäufer unattraktiver macht & damit auf die Verleihersituation zurück, bzw. durchschlägt, also zu einer Reduzierung des Angebots führt. Zum anderen ist das »Sommerkino« eine Ersatzlösung für die Jahreszeit, in der, wegen der weitgehend kollektiven Urlaubszeit, keine der eigenproduzierten Unterhaltungsserien laufen könnten, ohne Ärger beim (abwesenden) Publikum zu erzeugen. Deshalb also laufen da jetzt die europäischen Kinofilme.

Manche Leser mögen sich nun fragen, was denn der Film-Ankauf des Fernsehens mit der deutschen Kino-Verleihsituation zu tun hat. Sie wissen nicht, dass schon über Jahrzehnte hin die öffentlich-rechtliche TV-Einkaufspolitik (bisweilen auch ergänzt durch Coproduktionen, wie man sie häufig für französische oder britische Filme in deren Credits für Channel 4 oder Kanal+ vermerkt sieht) dafür gesorgt hat, dass es überhaupt noch ein Kinoerlebnis jenseits des weitgehend von Hollywood dominierten Mainstreams in unseren Filmtheatern gab, bzw. gibt. Dort laufen – weil das deutsche Publikum in allen Alterskategorien untertitelte Originalfassungen nicht schätzt – die vom Fernsehen synchronisierten Filme. Z.B. die großen Epen des kürzlich verstorbenen Griechen Theo Angelopoulos.

Zumeist sind es französische, selten spanische oder italienische oder US-amerikanische Off-Hollywood- oder kanadische Filme, die wir in unseren Kinos sehen können. Aus anderen europäischen Ländern mit beachtlichen einheimischen Produktionen, z. B. in Skandinavien sieht man jedoch bei uns kaum einen Film, trotz deren Qualitäten, weder im TV noch im Kino. Nur auf regionalen Filmfestivals kann man ihnen noch kurzzeitig begegnen. Einzig die Franzosen haben es aber, qua Filmproduktion, zustande gebracht, dass ihre regionalen landschaftlichen & kulturellen Besonderheiten zwischen Provence & Bretagne im Kino (wieder) erkennbar präsent sind.

Das deutsche Fernsehen, das für die Kinoauswertung seine Synchronfassungen den Kleinverleihen zur Verfügung stellt, übernimmt damit nicht nur eine mäzenatische Rolle für unsere Kinos; es hat dadurch aber auch einen nicht zu unterschätzenden PR-Vorteil, wenn es dann die Filme sendet & Mundpropaganda für sie wirbt.

Offenbar hat sich das ZDF schon seit geraumer Zeit ganz daraus zurückgezogen – und keiner hat es bemerkt oder kritisiert, gar das ZDF zur Rechenschaft gezogen. Wenn die ARD folgen würde, gingen unsere Arthouse-Kinos demnächst an mangelnder Abspielware ein – und die einzige Alternative zum Popcorn-Mainstream-Kino wäre bald verschwunden.

Denn zum einen lohnt der minoritäre Kinoerfolg solcher Filme den Verleih- & Abspielaufwand nicht; zum anderen weiß man als älterer Kinobesucher, dass sich meist nur Altersgenossen diese Filme ansehen, selbst wenn es Festivalsieger (wie z.B. der Ardenne-Film ›Der Junge mit dem Fahrrad‹) sind. Da hat sich etwas radikal verändert in den letzten Jahrzehnten.. Früher fand man die Kritiker zuhauf in den »Arthouse«- Kinos & -Filmen, an denen sie ihre Urteile bildeten und meistens zugleich für deren Besuch sie mit ihren ausführlichen Kritiken warben.

Wie in jeder anderen Kunstform nahmen früher auch die Film-Kritiker an den avanciertesten Produktionen das Maß für ihre allgemeinen Urteile. Aber nur die Film-Kritik, die nach einer eben von dem diesjährigen Kerr-Peisträger Helmut Böttiger vorgenommene Rückstufung der deutschen Literaturkritik, nur noch »Filmjournalismus« genannt werden dürfte, hat sich vom Kritik-Anspruch radikal entfernt & zum Apportierhündchen der Mainstream-Filmbranche gemacht.

Verloren gegangen ist damit auch ein Verständnis & ein Engagement für die Independenzen des heimischen und internationalen TV- & Verleihmarktes. Wer – so könnte man Hanns Eisler berühmtes Diktum abwandeln – heute sagt: »Ich verstehe nur etwas von Filmen«, versteht in Wirklichkeit auch davon nichts.

Dabei wäre es höchste Zeit dafür, dass sich die deutsche Film- & TV-Kritik wieder auf den Kenntnistand, den artifiziellen Anspruch & die Wahrnehmung & Beeinflussung sowohl des öffentlich-rechtlichen TV- als auch des kommerziellen Verleih- & Kinobereichs mit Entschiedenheit, umfassender Kenntnis und kritisch-künstlerischem, persönlichen Enthusiasmus kümmert & einlässt. Hier fehlt als anspornende ein- & widersprechende Instanz einer virtuellen Öffentlichkeit die Kritik der Presse. Ohne solches kritisches Gegengewicht verkommt der öffentlich-rechtliche Sektor. In dem eingangs erwähnten SZ-Bericht wird erwähnt, dass Volker Herres, der ARD-Programmdirektor kürzlich die sowohl in Frankreich als auch bei uns sehr erfolgreiche Komödie ›Ziemlich beste Freunde‹ für die ARD eingekauft hat.

| WOLFRAM SCHÜTTE

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Wahre Helden

Nächster Artikel

Auf Rosenblättern nach Amerika

Weitere Artikel der Kategorie »Film«

Zwischen Selbstjustiz und Schuld

Film | Im Kino: Intrigo – Tod eines Autors »Wenn ich dich nicht besitzen darf, bekommt dich keiner.« Frei nach diesem Motto scheinen die Beteiligten in ›Intrigo: Tod eines Autors‹ zu agieren. Manche direkt, andere auf indirektem Wege. Die Frage aller Fragen lautet: »Wer wird am Ende gewinnen?« Inwieweit die Moral noch zu Wort kommt oder ob da noch etwas ganz anderes dahinter steckt, findet ANNA NOAH heraus.

»Mein Film, mein Leben«

Film | Im Kino: The Disaster Artist Wie konnte einer der schlechtesten Filme aller Zeiten ›The Room‹ von 2003, der trotz 6 Mio. Produktionskosten gerade mal 1800 Dollar einspielte, zum Kultmovie avancieren? Dahinter steckt der exzentrische Tommy Wiseau, der »Disaster Artist«. Bis heute macht er sich in Kalifornien als Schauspieler, Regisseur, Produzent und Drehbuchautor seinen eigenen – kontroversen – Namen. Auch ANNA NOAH fragt sich: Wer ist der Mann, über dessen Herkunft und Geldquellen man bis heute nur spekulieren kann?

Dem Hai zum Fraß vorgeworfen …

Film | Im Kino: The Meg Als ein Forschungs-U-Boot angegriffen wird, ist klar: In den Tiefen des Pazifischen Ozeans lauert etwas Großes. Die Zeit für die Crew wird knapp. Manövrierunfähig liegt ihr Hightech – Wasserfahrzeug am Meeresgrund. Ein Fall für einen Tauch- und Bergungsexperten! Doch was dort in der Tiefe passiert, bleibt in der Tiefe! Oder? ANNA NOAH ist gespannt, wie sich die Menschheit diesmal vor der Verderbnis rettet.

Einer so, der andere so

Film | Im Kino: Jane got a gun / The Hateful 8 Auferstehung? Nein, nicht wirklich. Es kommt nun einmal vor, dass müde, blasse, stumpfe Schatten, die irgendwo scheinbar nutzlos herumliegen, unversehens mit neuem Leben erfüllt werden, und der Wildwestfilm trabt plötzlich wieder quicklebendig über die Leinwand, diesmal in zwei grundverschiedenen Ausführungen, die dieser Tage in die deutschen Kinos gelangen. Von WOLF SENFF

Der passionierte Kinogänger

Menschen | Zum Tode von Peter W. Jansen Einem langjährigen Freund, einem journalistischen Copain und beruflichen Kompagnon nachzurufen, den man sowohl als Kollegen schätzte wie als Mensch liebte, kehrt für einen ersten und letzten Moment Persönlichstes nach außen, wo es zu seinen Lebzeiten seinen Platz nicht hatte und auch nicht hingehörte. Nichtschwule Männerfreundschaften, die durch berufliche Parallelen gestiftet und – selten genug – durch Konkurrenz, Neid & Karrieren nicht gefährdet oder gar wieder zerstört wurden, sind diskret, intensiv, robust und dauerhaft. Sie bestehen stillschweigend & selbstverständlich auch dann noch fort, wenn im jeweils danach gelebten Leben der zeitweilige enge berufliche