Brecht und der Film

FilmFritz Lang/Bertolt Brecht: Auch Henker sterben

Der Titel dieses Films ist auch vielen bekannt, die ihn nie gesehen haben: Hangmen Also Die – auf Deutsch: Auch Henker sterben. Das kommt: Autor der Story ist kein Geringerer als Bertolt Brecht. Offiziell steht der Name des amerikanischen Mitarbeiters John Wexley für das Drehbuch im Vorspann. Auch Brechts Koautor, zugleich der Regisseur, trägt einen berühmten Namen: Fritz Lang. Aber es lässt sich nicht leugnen: dieser 1943 in den USA gedrehte Film bleibt zurück hinter dem übrigen Werk Brechts und auch hinter sowohl den deutschen Vorkriegsfilmen wie den amerikanischen Filmen Fritz Langs. Von THOMAS ROTHSCHILD

Auch Henker sterbenHangmen Also Die ist ein Propagandafilm, der sich den Notwendigkeiten der Stunde unterordnet. Das erklärt manche Unzulänglichkeit, die plakativen Thesen, die schrille Schwarz-Weiß-Zeichnung, das stellenweise peinliche Pathos und die für Brecht-Liebhaber verblüffende Spekulation auf Emotionen anstelle von Einsichten. Aber auch wenn man das in Rechnung stellt und sogar verteidigt, muss man eingestehen, dass selbst antinazistische Propagandafilme aus Hollywood raffinierter und differenzierter ausfielen als dieses 130-Minuten-Werk, das freilich wegen der Persönlichkeiten, die daran mitgewirkt haben, zumindest dokumentarischen Wert besitzt und es verdient, (nicht zum ersten Mal) als DVD zugänglich gemacht worden zu sein.

Es sind ja nicht nur Brecht und Lang, es ist auch der Komponist Hanns Eisler, es sind legendäre Schauspieler wie Alexander Granach oder Reinhold Schünzel, die ihren Beitrag geleistet haben. Wobei es kurios ist, zu beobachten, wie Schünzel als Inspektor Ritter Sig Ruman in Ernst Lubitschs ein Jahr zuvor entstandenem To Be Or Not To Be zu imitieren scheint. Und da liegt eins der Probleme des Films. Denn To Be Or Not To Be war eine Komöde – Hangmen Also Die ist es nicht. Der Film findet nicht seinen Stil. Er schwankt zwischen Krimi, Melodram und Satire, doch die Teile ergeben kein Ganzes. Einen anderen genialen Schauspieler, Walter Brennan, sieht man, anders, als er einem vertraut ist: als aufrechten antinazistischen Universitätsprofessor mit Heldenstatur. Es gehört zu den Kuriosa der Filmgeschichte, dass just dieser Walter Brennan Jahre später zu einem Verfechter von Law & Order, einem überzeugten und aktiven Rechtsaußen der amerikanischen Politik wurde.

Hangmen Also Die handelt, unter grober Missachtung der historischen Tatsachen und übrigens, auch in den Untertiteln, der Schreibweise tschechischer Namen, von dem ein Jahr zuvor verübten Attentat auf den Reichsprotektor Heydrich und die Vergeltungsmaßnahmen gegen die Prager Bevölkerung. Sein Hauptziel ist die Verherrlichung des Widerstands, der Solidarität unter den Tschechen, die dazu ermuntern soll, gegen das nationalsozialistische Deutschland zu kämpfen. Wenn der Verräter – großartig gespielt von Gene Lockhart – zu Unrecht für das Attentat verantwortlich gemacht und erschossen wird, empfindet der Zuschauer Befriedigung. So, denkt er unwillkürlich, sollte es allen Verrätern ergehen. Brecht wollte, wie man dem Beiheft entnehmen kann, diese Rolle mit Oscar Homolka besetzen, was Fritz Lang mit guten Gründen ablehnte (die man übrigens nur erfassen kann, wenn man sich den Film im Original ansieht).

Die deutsche Fassung des Films wurde um einige keineswegs unwichtige Szenen gekürzt. In der vorliegenden zweisprachigen Edition wurden sie wieder eingefügt. Die synchronisierte Version enthält diese Passagen in englischem Original mit deutschen Untertiteln.

| THOMAS ROTHSCHILD

Titelangaben
Fritz Lang/Bertolt Brecht: Auch Henker sterben
filmedition suhrkamp fes 27

1 Comment

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Die ›Skyrim‹-Tagebücher: Teil 3

Nächster Artikel

Die ›Skyrim‹-Tagebücher: Teil 2

Weitere Artikel der Kategorie »Film«

Tyrannische Macht- besessenheit

Film | Serie | Neu auf DVD: House of Cards. Staffel 4 In den USA geht der Machtkampf um das Weiße Haus auf die Zielgerade. Passend dazu bringt Sony Pictures die vierte Staffel der Netflix-Original-Serie House of Cards auf DVD und Blu-Ray heraus. Darin kehrt Präsident Francis Underwood auf die Bildschirme zurück – und zeigt auf, wie einfach es ist, die amerikanische Demokratie ins Chaos zu stürzen. TOBIAS KISLING über die neue Staffel der Polit-Serie.

Der globale Rausch

Interview | Thema: Alkohol

In Andreas Pichlers Dokumentarfilm ›Alkohol - Der globale Rausch‹ entpuppt sich Alkohol als der Blinde Fleck unter den Drogen. Der Film erkundet, warum Alkohol so erfolgreich ist, trotz der massiven volkswirtschaftlichen und gesundheitlichen Schäden. Und wie stark die Industrie Politik und Gesellschaft beeinflusst.

Ein Interview von SABINE MATTHES mit:
Daniel Drepper, Journalist, verfasste mit Sanaz Saleh-Ebrahimi für Correctiv die Recherche ›Wie die Alkoholindustrie uns dazu bringt, immer weiter zu trinken‹,
Andreas Pichler, italienischer Dokumentarfilmemacher und Grimme-Preisträger aus Bozen und
Mariann Skar, Generalsekretärin von Eurocare (European Alcohol Policy Alliance), Brüssel

Deutschland – noch nicht zu Ende gedacht

Film | Amnesia – ein Film von Barbet Schroeder »Ein Filmfestival«, so der künstlerische Leiter Michael Kötz in seiner Eröffnungsrede des Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg 2015, »ist eng an die Lage des Kinos gebunden, ja, es feiert das Kino geradezu, das vor gut 100 Jahren mit den Lichtspielhäusern in allen Großstädten der Welt geboren wurde und dafür sorgte, dass die Filmkunst sehr bald zur alles beherrschenden Form der ästhetischen Weltwahrnehmung wurde. Und gibt es denn dieses Kino noch?« Anmerkungen von DIDIER CALME.

Begegnungen der Warmherzigkeit

Film | Im Kino: Augenblicke – Gesichter einer Reise Wenn sich die 89jährige Agnès Varda mit dem 33jährigen Streetartist JR auf eine Reise durch ihre Heimat Frankreich begibt, kann das nur eins bedeuten: einen Film voller Kunst und Überraschungen. Und tatsächlich! Beide erkunden die Möglichkeiten der künstlerischen Zusammenarbeit verschiedener Generationen. Dabei entdecken sie nicht nur andere Menschen, sondern finden auch zueinander. ANNA NOAH freut sich über diese gelungene Dokumentation.

Die Hure Animationsfilm

Film | DVD: Animation in der Nazizeit So dumm kann ein Satz gar nicht sein, dass er nicht immer wieder zitiert würde. Das gilt umso mehr, wenn er einem deutschen Dichter zugeschrieben wird, im folgenden Fall Johann Gottfried Seume: »Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder.« Böse Menschen singen nicht weniger gern als gute. In Diktaturen haben Lieder Konjunktur. Von THOMAS ROTHSCHILD