Persische Lyrik im deutschsprachigen Raum

Lyrik | Gerrit Wustmann (Hrsg.): HIER IST IRAN!

HIER IST IRAN! herausgegeben von Gerrit Wustmann – ein sich der Tradition bewusster Ritt durch die Gegenwart. Von STEFAN HEUER

Hier ist Iran1981 war ich zehn Jahre alt und lebte, wie jedes Kind in diesem Alter, in den Tag hinein. Mein Vater vertrat jedoch die Ansicht, dass es einem Schulkind nicht schaden könne, neben Tom & Jerry und Western von gestern allabendlich auch die Tagesschau anzusehen. Dies führte dazu, dass das Gesicht von Ayatollah Chomeini – neben der von unzähligen Fahndungsplakaten herabblickenden RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt – eines der ersten Bilder war, die sich mir als jungem Menschen für immer ins Gedächtnis gebrannt haben.

Der heute als »Erster Golfkrieg« bezeichnete Krieg zwischen dem Iran und dem Irak, im September 1980 als Nachwirkung der Islamischen Revolution vom Irak begonnen, war in vollem Gange, und in nahezu jeder Nachrichtensendung sah man die immer gleichen Bilder: durch die Wüste rollende Panzer, eingenommene Städte, aufgegebene Städte, Ayatollah Chomeini beim Einschwören seiner Anhänger – fast acht Jahre sollte sich dieser Krieg hinziehen, der seitens des irakischen Militärs als Blitzkrieg angelegt war, der ursprünglich nach zwei Wochen sein Ende finden sollte.

1981 also war ich recht gut informiert, dann aber verlor sich mein Wissen um den Iran. In späteren Jahren schaute ich weniger Nachrichten und las auch keine Zeitung, spielte Fußball und Billard. Auch während meiner Ausbildung hielt sich mein Interesse an Tagespolitik in Grenzen, als im Schwesternwohnheim wohnender Zivi dann eh, und so ist es um mein Wissen über den Iran mehr schlecht als recht bestellt – auch mein durch Heinz Erhardt vermitteltes Wissen über die geografische Lage des Landes (in unmittelbarer Nähe zu Hamudistan und Persien…) hilft mir nicht wirklich weiter…

In der Tat bringe ich den Iran (das erst im 20. Jahrhundert aufgrund eines Zweckbündnisses mit dem Deutschen Reich in Iran – Land der Arier – umbenannte Persien) bis heute also nahezu ausschließlich mit Krieg in Verbindung; was ich für mich als ebenso logisch wie falsch erkenne, denn schließlich besteht auch Frankreich nicht nur aus Baguette und Eiffelturm, und auch in Brasilien gibt es mehr als Regenwald und am Strand kickende Knaben. Was also habe ich von einer HIER IST IRAN! – Persische Lyrik im deutschsprachigen Raum betitelten Lyrik-Anthologie zu erwarten?

Kriegsgedichte? Religiös bestimmte Gedichte? Oder vielleicht genau das Gegenteil? Experimentelle Texte von Dichtern, in deren Muttersprache man sich noch bis in das vergangene Jahrhundert ausschließlich mittelalterlichen Motiven verpflichtet sah und die Alltagssprache ausblendete wie unerwünschte Werbung für eine andere Welt?

Die Wahrheit liegt, wie so oft, in der Mitte. HIER IST IRAN!, herausgegeben von Gerrit Wustmann (studierter Orientalist, Betreiber des Online-Kulturmagazins Cineastentreff, Prosa und Lyrik, zuletzt der deutsch-türkische Gedichtband Beyoglu Blues bei Fixpoetry) und 2011 beim auf iranische Literatur spezialisierten Sujet Verlag Bremen erschienen, präsentiert Gedichte von 28 persischen, im deutschsprachigen Raum lebenden Autorinnen und Autoren.

Die Tatsache, dass Künstler im Iran schon lange einer strengen Kontrolle und Zensur unterliegen, hat dafür gesorgt, dass im Laufe der Jahre mehrere Millionen Menschen ihr Land verlassen haben und ins Exil gegangen sind, unter ihnen selbstverständlich ein großer Anteil Intellektueller und Künstler. Viele von ihnen haben in Deutschland eine zweite Heimat gefunden, die iranische Gemeinde ist vielköpfig, und sicherlich hätte Wustmann deutlich mehr Beiträger zu dieser Anthologie aufspüren können.

Erfreulicherweise hat er sich jedoch dazu entschieden, nicht über Masse punkten zu wollen, sondern den ausgewählten Dichterinnen und Dichtern lieber entsprechend mehr Seiten einzuräumen, sodass einige mit zwei oder drei, andere auch mit sechs oder sieben Gedichten vertreten sind, was einen besseren weil umfangreicheren Blick auf die einzelnen Dichter ermöglicht.

Gedichte über Krieg, über Gewalt? Sicher – ist die Geschichte des Irans im letzten Jahrhundert doch sowohl eine Geschichte der Auflehnung gegen Gewaltherrschaften im eigenen Land als auch gegen Angriffe aus und Konflikte mit anderen Staaten. Und wie sollte ein solches Grundgefühl aus der Lyrik gerade der älteren Schriftsteller weichen können? Selbstverständlich gehören hier Wörter wie Tod, Grab, Krieg und Leere zum Basis-Vokabular, selbstverständlich kann kein Beteiligter seinen Schmerz gänzlich aus seinen Texten ausschließen.

Die Tatsachen, dass der Herausgeber a) die Autorinnen und Autoren dieser Anthologie nicht nach Alter sortiert hat, sondern sie generationsübergreifend gemischt präsentiert und b) auch Dichter aufgenommen wurden, die zwar persischer Abstammung sind, teilweise jedoch in einem anderen Land geboren wurden, teilweise auch nicht im Iran gelebt und dadurch einen ganz anderen Blick auf ihr »Heimatland« haben, sorgen dafür, dass sich das Buch glücklicherweise nicht wie ein Kriegstagebuch liest. Und fein zu lesen, wie in vielen Texten Moderne und Tradition zusammenfinden, wie sich Vergangenheit und Gegenwart vereinen:

Nach all den Gezeiten
durch die Jahre
und den Regen
weise geworden.
Ich spiele Klavier
mit Handschuhen,
schreibe meine Gedichte
in fremden Sprachen
und küsse meine Geliebte
durch Milchglas.

Das Spektrum der Beiträger zu diesem Buch reicht von der 1986 in Mainz geborenen Negar L. Roubani, deren Beteiligung ihre erst zweite literarische Veröffentlichung darstellt, bis hin zum vielfach ausgezeichneten SAID (von dem auch das zuvor zitierte Gedicht stammt), der mit bereits über 20 veröffentlichten Büchern sowie zahllosen Beiträgen in Anthologien und Zeitschriften längst zu den renommiertesten iranischen Schriftstellern in Deutschland zählt.

HIER IST IRAN! – das klingt nach: Wir haben was zu sagen. Und sie haben!

| STEFAN HEUER

Titelangaben
Gerrit Wustmann (Hrg.): HIER IST IRAN!
Persische Lyrik im deutschsprachigen Raum
Bremen: Sujet Verlag 2011
240 Seiten. 17,80 Euro

Reinschauen
| »HIER IST IRAN!« – Auf der Webseite des Sujet-Verlags

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