Einsamer Insel-Erzähler

Kulturbuch | Lucien Deprijck: Die Inseln, auf denen ich strande

Schiffbrüche sind uralter Stoff, den Menschen sich vermutlich erzählen, seit sie sich wieder aufs Wasser getraut haben, aus dem sie sich Millionen Jahre vorher herausmutiert hatten. Lockende Ferne, unvorstellbare Gefahren, exotisch-erotische Abenteuer, Überleben bei unsicherem Ausgang… Auch spätere Schriftsteller haben den Raum aus Weltkenntnis und Phantasie immer wieder genutzt, für wohlig-schauriges Entertainment ebenso wie für bissige Zeitkommentare. Eine neue, ganz eigene Spielart des Themas bieten die von Christian Schneider illustrierten und von Lucien Deprijck erzählten Inseln, auf denen ich strande. Von PIEKE BIERMANN

Die Inseln auf denen ich strandeAchtzehn Inseln sind es, auf denen jeweils ein Ich-Erzähler mehr oder weniger unfreiwillig gestrandet ist. Mal ist das ein bloß aus der See ragender nackter Fels, mal ein Südseetraum mit Palmenstrand, in dem sich ein Mann und eine Frau (die auch noch Aimée heißt) wiederfinden, aber dummerweise nicht leiden können. Oder es handelt sich um Jackson’s Island im Mississippi, auf der ein kleiner Junge steht und nach St. Petersburg gegenüber schaut. Es gibt eine absurde »Freie Republik Melota & Bedodos« und ein surréales Mallorca, auch Jules Vernes Chairman Island kurz vor Feuerland ist plötzlich wieder da, und tatsächlich macht auf der ein Zivilisationsflüchtling zwangsweise Zwei Jahre Ferien.

Sogar ein Inselchen im Gartenteich für Frösche ist dabei. Auch was auf den Inseln passiert, ist unterschiedlich. Mal findet das erzählende Ich Spuren früheren menschlichen Lebens, mal nur Früchte, Meeresgetier und Salzwasser. Und natürlich changieren Stil und Atmosphäre je nach Ausgangslage. Manche der Erzählungen sind albtraumhaft-dystopisch, manche sind Metaphern für depressive Zustände und Verzweiflung, die man selten so erschütternd präzis gelesen hat, andere kommen fast paradiesisch-heiter und hoffnungsvoll daher. Manche lesen sich wie Parabeln auf die ewige Tretmühle des Daseins oder auf die klassischen Konflikte der Menschheit – Vater-Sohn, Mann-Frau, Erwachsener-Kind –, andere stecken voller Zivilisationsspott, manchmal in reiner Dialogform, oder literarischer Querverweise auf Mark Twain, Robert Louis Stevenson, Stanislaw Lem und andere.

Spiel mit Zahlen, Zeiten und Spiegeln

Und sie sind verschieden lang, die längste Geschichte hat 29 Seiten, die kürzeste vier Zeilen. Sie geht so:

Am Ufer der siebten Insel, auf der ich strande, weht eine deutsche Fahne. Ich versuche mit letzter Kraft, das noch fehlende Stück zum rettenden Strand zu kraulen, wo ein Mann steht und mir zuruft: ‚Mann, können Sie nicht lesen? Hier ist Schwimmen strengstens untersagt!‘

Der achtzehnten und letzten Insel im Buch sind in der Erzählung selbst »sechzehn oder siebzehn oder vielleicht noch mehr« vorangegangen: »Ich weiß nicht mehr, die wievielte Insel es ist.« Aber wir Leser wissen inzwischen, dass das mit dem Stranden noch viel komplizierter ist als gedacht, und gleichzeitig seltsam vertraut. Die letzten Inseln nämlich sind eine ganze Kette inmitten eines endlosen Ozeans. Der Erzähler verlässt eine nach der anderen durch unerhörte Kraftakte, gegen die Brandung anschwimmend oder auf improvisierten Flößen, jedes Mal hoffend, die nächste könnte ihm bessere Chancen zum Überleben bieten, jedes Mal danach überzeugt, solche Kraft nie wieder aufzubringen. Ganz allein unterm freien Nachthimmel, beim tiefen Blick ins Universum, hat er »ein unbeschreibliches Gefühl« und weiß, er wird sich wieder aufraffen. »Ich bin schon soweit gekommen! Und jetzt aufzuhören, aufzugeben, das hätte wirklich keinen Sinn.«

Aus dem Ende wird fast unbemerkt und geheimnisvoll ein ewiger Anfang. So schließt sich der Bogen zur neun Zeilen langen Anfangsgeschichte, die einen ostentativ knalligen Endpunkt gesetzt hat: »Ich hatte nicht die geringste Chance. Aber es war auch kein faires Spiel.« Und mit diesem Stichwort wiederum wird gleichzeitig das Spiel eröffnet: Das ganze wunderschön gestaltete Buch ist auch ein Spiel mit Zahlen und Zeiten, eine geheimnisvoll verschachtelte Komposition aus bildmächtigen Texten. Und sie werden noch einmal kongenial gespiegelt in den ebenso kunstvollen, zart kolorierten, haarfeinen Illustrationen von Christian Schneider.

Eine erste Version dieser Rezension wurde am 25. April 2012 bei Deutschlandradio Kultur veröffentlicht.

| PIEKE BIERMANN

Titelangaben
Lucien Deprijck: Die Inseln, auf denen ich strande
Mit Illustrationen von Christian Schneider
Hamburg: mare verlag 2012.
192 Seiten, 28,- Euro

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