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Kulturbuch | Doris Dörrie: Die Heldin reist

Die Heldin reist, auch wenn es zuweilen nur in Gedanken, Träumen, Erinnerungen geschieht. Doch die gilt es, gerade in Zeiten unerwarteten Stillstands wieder wachzurufen. Denn Aufbruch und Unterwegssein sind ein wahres Lebenselixier der Kosmopolitin Doris Dörrie, die mit ihrem neuen Buch eine sehr persönliche Kulturgeschichte des modernen Reisens aus weiblicher Sicht geschrieben hat. Von INGEBORG JAISER

Dories Dörrie - Die Heldin reistReisen ist stets ein elementarer Bestandteil im Leben der umtriebigen Filmemacherin (›Männer‹, ›Kirschblüten – Hanami‹) und Schriftstellerin Doris Dörrie gewesen: Lesereisen, Filmfestivals, Dreharbeiten in fremden Ländern. Dazu »fast immer unterwegs, selten mehr als drei Monate zu Hause.« Doch nicht nur für sie ist plötzlich Innehalten und Daheimbleiben angesagt. »Als ich wegen der Pandemie nicht mehr reisen darf, werde ich im Handumdrehen zum Gespenst. Ich sehe niemanden – und niemand sieht mich. Ich sehe, höre, rieche nichts Neues und staune nicht mehr.« Für einen Kreativschaffenden ein existentieller Verlust, doch vielleicht auch eine ungeahnte Chance für Reflektionen, Rückblicke, Erinnerungen?

Doris Dörrie nimmt in ihrem neuen Buch drei zurückliegende Ziele zum Anlass, um über das Wesen des Unterwegsseins nachzusinnen. »Im Jahr 2019 bin ich in die USA, nach Japan und Marokko gereist. Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass es für längere Zeit die letzten Reisen gewesen sein sollten. Noch hatte niemand vom Corona-Virus gehört. Noch war George Floyd am Leben.« Noch war scheinbar die Welt in Ordnung.

Der Himmel über der Wüste

Drei Destinationen, drei Länder, drei Kontinente bieten den Ausgangspunkt für eine zeitgenössische kleine Kulturgeschichte des modernen Reisens, sehr persönlich grundiert und interpretiert. Von einer hinreißenden Erzählerin, die jede Begegnung, jede Momentaufnahme so detailgenau und schillernd aufleben lässt, als hätte man sie selbst erfahren. Oder zumindest im Film gesehen. Meisterhaft aufbereitet, mit allen Finessen, Cliffhanger und cineastisch anmutender Tricks. Auch wenn die Ernüchterung nicht lange auf sich warten lässt: »Fast jeder Ort auf der Welt hinkt mittlerweile seiner eigenen bildgewaltigen BBC-Dokuserie hinterher. Nie mehr wird er so gut und perfekt ausgeleuchtet aussehen wie dort.«

Und doch gelingen Doris Dörrie anrührend komponierte Stories, die vom Glück des Aufbruchs und der Euphorie des Fremdseins berichten, inklusive Kulturschock. Präsentiert mit unterschwelligem Humor und Augenzwinkern. So erfährt man ganz nebenbei, wieso der eigene Name auf einem Starbucks-Becher prinzipiell falsch geschrieben wird (damit man ein Foto davon auf Instagram postet). Wieso man gut beraten ist, im Einreiseformular nach USA als Beruf »Hausfrau« anzugeben (das besänftigt jeden schlecht gelaunten immigration officer). Und wieso man als unverheiratete Frau über 25 in Japan mitleidig »christmas keku« genannt wird (weil auch ein Weihnachtskuchen nach dem 25.12. nicht mehr schmeckt).

Kein Heldinnenepos

Und ja, natürlich dominiert der weibliche Blick aufs Unterwegssein. Doris Dörries kluge, anregende Gedanken übers Reisen kreisen auch um Mut und Mutterschaft, um Aufbruch und Abhängigkeit. Während in der Mythologie der klassische (männliche) Held auf seiner Reise wilde Abenteuer und Kämpfe zu durchstehen hat, um schließlich lädiert, aber geläutert wieder in den Heimathafen einzulaufen, ist die moderne, praktisch denkende Heldin kaum in Schwierigkeiten zu bringen, »weil sie so gut vorgesorgt und die Zeckenkarte, den Verbandskasten, Proviant und ein Solaraufladegerät fürs Handy eingesteckt und die App für giftige Pflanzen und gefährliche Tiere geladen hat.«

Insgeheim kann ›Die Heldin reist‹ zusammen mit den letzten beiden Publikationen Doris Dörries – ›Leben, schreiben, atmen‹ (2019) und ›Die Welt auf dem Teller‹ (2020) – wie eine Trilogie gelesen werden, als ob die Autorin grundlegende Bedürfnisse neu buchstabieren und arrangieren würde. Wie sehr eins das andere bedingt, alles mit allem zusammenhängt, zeigt der glückliche Umstand, dass Doris Dörrie mit ihrem neuen Buch derzeit wieder auf Lesereise durch die Lande tourt.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Doris Dörrie: Die Heldin reist
Zürich: Diogenes 2022
239 Seiten. 22,00 Euro
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