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Goldene Letter in Leder gebunden

Menschen | Zum 95. Geburtstag von Martin Walser erscheint sein »Traumbuch«

Er schreibt und schreibt. Seine Texte werden zwar deutlich kürzer, aber seine dichterische Fantasie scheint nicht zu versiegen. Pünktlich zum 95. Geburtstag des Grandseigneurs der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, Martin Walser, ist nun ein Band mit Traumtexten erschienen, die durch Zeichnungen von Cornelia Schleime mehr als nur begleitet werden. Von PETER MOHR

Walser - TraumbuchDie Multi-Künstlerin aus Ost-Berlin, die 2008 selbst einen eindrucksvollen Roman (»Weit fort«) über ihre Bespitzelung durch den Stasi vorlegte, hat Bilder in zumeist weichen Farbtönen beigesteuert, die häufig ins Surreale abgleiten und eine unaufdringliche, aber perfekte visuelle Umsetzung der Walser-Texte bieten.

»Mühelos führt der Traum ganz verschiedene Räume durcheinander, ohne dass sie einander verletzen oder auch nur stören«, schreibt Walser. In Träumen ist alles erlaubt, und es kann alles passieren. Das Spektrum menschlicher Fähigkeiten verändert sich, es gibt Begegnungen jenseits von Zeit und Raum. Ist dies tatsächliche eine poetische Reise ins Unterbewusste des Autors, die Rekonstruktion von durchlebten Träumen? Oder haben wir es mit einem verspielten, leicht märchenhaftem Sehnsuchtsbuch zu tun?

Mal tritt Walser als »höheres Wesen« auf, mal lässt er uns an seinen Beischlaf-Fantasien mit »übervollbrüstigen« Frauen teilhaben, dann geht bei einer Motorbootfahrt das Benzin aus. Zweigespräche mit seiner Tochter Alissa lösen sich mit einer Begegnung mit dem ehemaligen Tennis-Star Pete Sampras in Wasserburg ab.

Walser lässt in seinen Traum-Texten aus den letzten 25 Jahren jede Menge Zeitgenossen und literarische Figuren (u.a. Maria Stuart) auftreten. Die Schriftstellerkollegen Max Frisch, Uwe Johnson und Bernt Engelmann, dazu Bert Brechts Sohn, die Kritiker Marcel Reich-Ranicki und Joachim Kaiser (in einer »Baumwollturnhose«) sowie den bei ihm ziemlich blassen »Traum-Experten« Sigmund Freud.

Zu Beginn erhält Walser im Traum eine Abfuhr von Thomas Mann, der sich kurz und knapp äußert, ehe er wieder abtritt: »Sie raten ab von mir, ja!« Diese kurzen, poetischen Traumtexte changieren zwischen hanebüchenen Banalitäten und tiefgehenden Reflexionen über Gott und die Welt. Eine Gratwanderung, die bei Walser in den letzten Veröffentlichungen häufig zu konstatieren war.

»Es gibt keine Stelle, wo Jungsein an Altsein rührt oder in Altsein übergeht. Es gibt nur den Sturz.« Diese aphoristisch zugespitzte, ernüchternde Lebensbilanz zog Martin Walser in seinem 2016 erschienenen Roman ›Ein sterbender Mann‹, der ebenso wie sein ein Jahr später erschienenes Werk ›Statt etwas oder Der letzte Rank‹ als künstlerische Melange aus Erzählung, Philosophie, Autobiografie und selbstironischem literarischen Verwirrspiel daher kommt. Dem traditionellen Erzählen hat Walser in jüngerer Vergangenheit den Rücken gekehrt. Seine Sprache ist seitdem noch klarer und präziser geworden.

Martin Walser ist weit mehr als nur einer der wichtigsten deutschsprachigen Nachkriegsschriftsteller. Er hat stets auch mit großer Leidenschaft an öffentlichen Debatten teilgenommen. Daher scheiden sich die kritischen Geister nicht nur an seinen Romanen, sondern auch an seinen politischen Statements. Vor allem seine Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels spaltete 1998 das Lager der Intellektuellen.

Mehr als vier Jahrzehnte widmete sich Walser den gescheiterten Existenzen des Mittelstandes, die mit ihrem »Schöpfer« gealtert sind – durchaus vergleichbar mit John Updikes »Rabbit«-Romanen. Von den ›Ehen in Philippsburg‹ (1955) lässt sich eine verbindende Klammer bis hin zu ›Finks Krieg‹ (1996) setzen. Die Figuren ähneln einander (einige hat Walser nach mehrjährigen Pausen wiederbelebt – so z. B. Helmut Halm und Gottlieb Zürn) in ihrer Antriebslosigkeit, in ihrer Lethargie und ihrem Mittelmaß. Ihr Handeln ist aufs Reagieren reduziert; erst mit Stefan Fink hat Martin Walser einen aktiven, einen agierenden Protagonisten ins Leben gerufen.

Martin Walser, der am 24. März 1927 in Wasserburg am Bodensee geboren wurde, hatte alles andere als gute Voraussetzungen, um eine künstlerische Laufbahn einzuschlagen. Seine Eltern schlugen sich mehr schlecht als recht mit einer Gaststätte und einem Kohlenhandel durch. Nach dem Krieg, den er ab 1943 als Flakhelfer aktiv miterlebte (diese Erfahrungen flossen in den Roman ›Ein springender Brunnen‹ ein), musste er gleichzeitig seiner Mutter helfen (der Vater war bereits 1938 gestorben) und sich um seine Ausbildung sorgen. Dennoch schloss er gerade 24-jährig sein Studium mit einer Promotion über Franz Kafka ab.

In jüngerer Vergangenheit lief der in Überlingen am Bodensee und in München lebende Autor noch einmal zur literarischen Höchstform auf – beginnend mit den aphoristisch zugespitzten Texten der Sammlung ›Meßmers Reisen‹ (2003) über den ›Augenblick der Liebe‹ (2004) und seinen letzten großen »Erzähl«-Roman ›Muttersohn‹ (2011) bis hin zum »Sterbenden Mann« (2016) und ›Statt etwas oder Der letzte Rank‹ (2017). Bücher voller Lebensweisheit, in denen sich Walser (mal ironisch, mal bitter-ernst) mit den Problemen des Älterwerdens auseinandersetzte.

Anklänge an die Zeit des großen Romanciers finden sich auch im letzten Text des neuen Bandes. Darin erhält er den »Probedruck« eines neuen Romans. »Siegfried (Unseld) hat ihn gebracht. … Fast auf jeder Seite Zwischenüberschriften in gleißendstem Gold.« Und Siegfried befindet: »Es ist das schönste Buch, das wir je gemacht haben.«

Martin Walser in goldenen Lettern und in schwarzem Leder gebunden. Ach, hat er sich dies nicht wirklich verdient?

| PETER MOHR

Titelangaben
Martin Walser: Das Traumbuch
Postkarten aus dem Schlaf
Mit Zeichnungen von Cornelia Schleime
Hamburg: Rowohlt Verlag 2022
141 Seiten, 24 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

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