»Krieg ist immer schlimmer, als ich beschreiben kann«

Menschen | Martha Gellhorn: Das Gesicht des Krieges

Sie war die Kriegsreporterin des letzten Jahrhunderts – Martha Gellhorn, Amerikanerin, links, intellektuell und auch noch schön. Was – und vor allem wie – sie erzählt aus fünfzig Jahren Krieg, das ist auch im neuen Jahrhundert dringend nötige Aufklärung, gerade für deutsch(sprachig)e Leser. Der Züricher Dörlemann-Verlag hat sie jetzt wieder zugänglich gemacht: Das Gesicht des Krieges. Reportagen 1937-1987. Von PIEKE BIERMANN

GellhornSie ist auf dem dritten Lazarettschiff, das im Juni 1944 mit der riesigen Invasionsflotte der westlichen Alliierten von England über den Kanal setzt, und hofft, dass es ohne Beschuss durchkommt. Im Gegensatz zu den beiden davor. Das Schiff ist »so weiß, daß es wehtat«, und hat »nicht einmal eine Pistole an Bord«. Es ist D-Day am Omaha Beach. Die Invasion der Normandie hat begonnen. Der Anfang vom Ende des Zweiten Weltkriegs. Und sie will dabei sein. Sie muss.

Illusionen über Bord

Martha Gellhorn hat sich da längst einen Namen gemacht. Die Frau kann schreiben wie wenige. Geboren 1908 in St. Louis, Missouri, und in eine liberale Familie mit deutsch-jüdischen Wurzeln. Der Vater Gynäkologe, die Mutter Absolventin von Bryn Mawr – einem der als Seven Sisters berühmten Colleges, in denen Frauenbildung als Emanzipationspraxis begriffen wurde – und seitdem befreundet mit Eleanor Roosevelt. Letzteres trägt Tochter Martha den Auftrag ein, für die Regierung von Mr. Roosevelt über Arme-Leute-Viertel und die Wirkungen seines New Deal zu berichten. Sie weiß da längst, dass sie schreiben und die Welt mit eigenen Augen sehen will, und geht 1930 nach Paris, mit 28 Jahren. Von da fährt sie unter anderem mit französischen Freunden 1934 nach Deutschland und beobachtet früher als die meisten Kollegen, was sich dort zusammenbraut. 1937 berichtet sie für das amerikanische Magazin Collier’s Weekly aus dem spanischen Bürgerkrieg. Es ist ihr erster Krieg, und sie verliert ihre erste Illusion: den ahnungslos-treuherzigen Pazifismus der bleeding hearts. Es ist auch ihr Jahrhundert, das mit dem alle Vorstellungskraft sprengenden Ersten Weltkrieg begonnene Jahrhundert der Gewalt. Aus der Auslandskorrespondentin wird eine, nein: die Kriegsreporterin. Fast fünfzig Jahre lang wird sie Kriege in aller Welt covern, und sehr schnell verliert sie dabei ihre zweite Illusion: Dass sorgfältiger, wahrhaftiger Journalismus viel bewirken kann.

Kriegsdienste

Trotzdem nennt sie sich spöttisch »Kriegsgewinnlerin«. »Ich kam immer mit heiler Haut davon und wurde dafür bezahlt, meine Zeit mit großartigen Menschen zu verbringen.« Die Menschen sind Soldaten, aber nicht nur. Sie begleitet britische Jagdbomber beim Nachteinsatz, ist in den Schlachten um Monte Cassino und die Ardennen und schließlich bei der Befreiung von Dachau dabei. Ihr Dabeisein ist wörtlich gemeint. Für jenes Lazarettschiff am Omaha Beach zum Beispiel hat sie sich dienstverpflichten lassen. Sie schleppt Tragen mit, schneidet Verwundeten Kleider vom Leib, hält ihnen die Zigarette an die Lippen, lernt ihre Gesichter und Geschichten kennen.

Radikal subjektiv

Sie hat das Gespür der Schriftstellerin für Unscheinbares, das andere – die männlichen Kollegen – nicht mitkriegen, und einen scharfen Blick für alles von Kriegslärm und -geschrei überdröhnte Zivile. Das heißt, sie sieht sich ebenso genau im jeweiligen Hinterland um. Sie ist in einem Maß embedded, manchmal sogar im wörtlichen Sinn, das heutige Medientheoretiker mit Naserümpfen quittieren würden. Sie hält »Distanz« und »Objektivität« für leere Hülsen und entwickelt ihren eigenen Stil als krasses Gegenprogramm: so nahe dran wie irgend möglich, so radikal subjektiv wie akribisch informiert, getränkt mit klugem Witz, mit tiefer Sympathie und Empathie und mit unbändigem Zorn. Sie ist schonungslos, auch sich selbst gegenüber. Sie hat offensichtlich keinen Drang, sich als Frau – die obendrein auch noch schön ist – zu verleugnen, und kann gleichzeitig ohne innere Verrenkungen mitfühlen mit Soldaten, die zu ihrer Zeit alle Männer sind. Kaum vorstellbar, dass Martha Gellhorn heutzutage Platz in Magazinen fände. Außer im New Yorker, vielleicht.

Wider die Ahnungslosigkeit

So berichtet sie aus Finnland, China, Java, Vietnam, Israel, Zentralamerika, von kleineren Scharmützeln und großen, grausamen bewaffneten Auseinandersetzungen. So setzt sie sich selbst einer Moralkrise aus, denn in Vietnam kommt sie als Amerikanerin zum ersten Mal »von der anderen Seite«, gehört sie nicht automatisch zu »den Guten«. Und so zeichnet sie nach und nach Das Gesicht des Krieges und stellt bei dessen Betrachten so uneitel wie illusionslos fest: »Krieg ist immer schlimmer, als ich beschreiben kann, immer.« Gewiss, seit 1988, als die Sammlung im Original erschien, haben sich wieder ein paar der Gesichtszüge verändert. Trotzdem kommen Martha Gellhorns Reportagen gerade zum richtigen Zeitpunkt, zumindest für Deutschland. Denn dieses Land ist wieder im Krieg und hat so gefährlich wenig Ahnung vom Krieg.

| PIEKE BIERMANN

Eine erste Version dieser Rezension wurde am 28. August 2012 bei Deutschlandradio Kultur veröffentlicht.

Titelangaben:
Martha Gellhorn: Das Gesicht des Krieges. Reportagen 1937-1987
Deutsch von Hans-Ulrich Möhring
(The Face of War, 1988)
Zürich: Dörlemann 2012. 576 Seiten. 24,90 Euro

Reinschauen
Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Von Ganz bis Eidinger

Nächster Artikel

Menschen im Salon

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Angst dressiert

Menschen | Zum 70. Geburtstag von Nobelpreisträgerin Herta Müller

Vor 14 Jahren wurde Herta Müller der Nobelpreis für Literatur verliehen. Seitdem hat sie keinen Roman mehr und auch keine längere Erzählung veröffentlicht. In lockeren Intervallen sind schmale Bände mit Collagen, Essays oder Reden erschienen – so wie der nun vorliegende, 13 ganz unterschiedliche Texte umfassende Band »Eine Fliege kommt durch einen halben Wald«. Von PETER MOHR

Folkdays… Country-Kommerz und schöne Songs

Musik | Menschen | Glen Campbell lebte bis zum Sommer 2017 Wer in den 70ern Folk, Rock und Blues hörte, stolperte auch über ›Rhinestone Cowboy‹ von Glen Campbell. Auch die Songsammlung von TINA KAROLINA STAUNER, gespickt mit Raritäten aus aller Welt, enthält den bekannten Country-Pop-Hit.

Mehr Moralist als Ästhet

Menschen | Zum Tod des Dramatikers Rolf Hochhuth

Rolf Hochhuth, der am 1. April 1931 im nordhessischen Eschwege als Sohn eines Schuhfabrikanten geboren wurde, sorgte mit seinen Theaterstücken häufig für skandalträchtige Schlagzeilen, die weit über den Kulturbetrieb hinausragten. Der gelernte Buchhändler, der als Lektor in den 1950er Jahren seine Affinität zur Literatur entdeckte, interpretierte seine Dramatiker-Rolle höchst unkonventionell: Hochhuth war stets mehr radikaler Aufklärer als formaler Ästhet. Von PETER MOHR

Der passionierte Kinogänger

Menschen | Zum Tode von Peter W. Jansen Einem langjährigen Freund, einem journalistischen Copain und beruflichen Kompagnon nachzurufen, den man sowohl als Kollegen schätzte wie als Mensch liebte, kehrt für einen ersten und letzten Moment Persönlichstes nach außen, wo es zu seinen Lebzeiten seinen Platz nicht hatte und auch nicht hingehörte. Nichtschwule Männerfreundschaften, die durch berufliche Parallelen gestiftet und – selten genug – durch Konkurrenz, Neid & Karrieren nicht gefährdet oder gar wieder zerstört wurden, sind diskret, intensiv, robust und dauerhaft. Sie bestehen stillschweigend & selbstverständlich auch dann noch fort, wenn im jeweils danach gelebten Leben der zeitweilige enge berufliche

Das kritische Gewissen Spaniens

Menschen | Zum Tode des Schriftstellers Rafael Chirbes »Ich recherchiere nicht, suche keine Daten. Ich nehme auf, was ich auf der Straße mitbekomme. Die Lektüre von Marx hat mir geholfen, das Wesentliche wahrzunehmen, das, was eine Gesellschaft ausmacht. Und mein Unterbewusstsein«, hatte der bedeutende spanische Romancier Rafael Chirbes einmal erklärt. Von PETER MOHR