»Was man nicht erklären kann …

Kulturbuch | Noel Daniel (Hg.): Magic

… sieht man gern als magisch an!« Ohne Erklärungen muss man im gewichtigen Werk Magic aus dem Taschen-Verlag zum Glück nicht auskommen: Es verspricht eine Darstellung der Kulturgeschichte von Magie und Zauberkunst überwiegend anhand von Bildzeugnissen. Die Autoren schlagen dabei einen gewaltigen Bogen vom 14. Jahrhundert bis in die 1950er Jahre. JÖRG FUCHS hat bei der Lektüre viel über das Zauberhandwerk gelernt – verrät aber bestimmt keine Tricks!

Noel Daniel (Hg.): Magic
500 Jahre Magie und Zauberkunst – dargelegt in Bildzeugnissen: Der über fünf Kilogramm schwere XL-Band aus dem Kölner Taschen-Verlag stellt einen hohen Anspruch an sich und uns Leser. Schwerpunkte des bildgewaltigen Werks liegen in den Darstellungen, wie »magische Momente« im Rahmen des Zauberhandwerks von Bühnenkünstlern, Varietéshows und dem fantastischen Film erzeugt, tradiert und rezipiert werden. Dazu haben die Autoren und die Herausgeberin Noel Daniel tief in den Archiven gegraben – und zahlreiche grafische Schätze gehoben: Flugblätter, Zeitungsannoncen, Werbeplakate, Anleitungsliteratur, Druckgrafiken, Stiche, Gezeichnetes und Fotografien »verbildlichen« im wahrsten Sinne des Wortes die Kulturgeschichte des Zauberhandwerks.

Dabei glänzt das Werk mit einer Opulenz, die seinesgleichen sucht. Die Texte (wie die umfangreichen Bildanmerkungen leider fast etwas zu klein gedruckt) treten gegenüber dem Bilderschatz zunächst beinahe in den Hintergrund. Der Entdeckungstrieb, den die grafische Gestaltung auslöst, führt dazu, dass man die sauber recherchierten und fundierten Texte zunächst einmal überspringt und dem »Blättern« den Vorzug gewährt. Doch irgendwann möchte man auch die Geschichten kennenlernen, die sich hinter den Abbildungen entfalten. Alles, was uns Betrachter von Magie und Zaubershows in Erstaunen versetzt, finden wir in acht Kapiteln, die uns thematisch unter anderem durch Das Wesen der Illusion, Von der der Schwarzen Magie zur Zauberkunst oder die Fahrenden Zaubershows führen.

»A kind of magic«

Umfang und Materialfülle des Bandes machen es natürlich schwer, zusätzliche Themen, die in Zusammenhang mit der dargestellten Form von »Magie« stehen, zu betrachten. So fehlt bei der etwas allgemeinen Darstellung der »schwarzen« Magie (in der europäischen Geistesgeschichte als »Magia Diabolica« bzw. Dämonenmagie »Magia daemoniac« bekannt), die in Europa zu den Exzessen der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Hexenprozesse führte, deren Gegenpart – die seit dem vierten Jahrhundert dokumentierte »weiße Magie«, die »Magia naturalis«. Gerade ihre Entwicklung, die den Menschen zur Entdeckung der Naturwissenschaften führte, könnte Phänomene der heute aktuellen Auseinandersetzung mit »magischen« Themen sowie die Verknüpfung von Naturwissenschaften und Illusion weiter veranschaulichen.

Auch die scholastische Tradition der Magie, seit Ende der Mittelmeerantike prägend für die europäische Ideengeschichte, findet kaum Erwähnung. Aus den vielen Formen der Magie, die wir seit dieser Zeit kennen (wie der Weissagungsmagie »Magia divinatoria«, auf die beispielsweise unser heutiges Bleigießen zurückgeht, das Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert als teufelsbündnerisch geißelt), behandelt das Buch überwiegend die künstlerische und täuschende Scheinwelt der Gaukler und Schausteller, die »Magia praestigiatrix«. Wir haben es also weniger mit einer Kulturgeschichte der Magie als mit einer Darstellung einer ihrer wirkmächtigen Teilbereiche – der magischen Illusionen – zu tun, die dazu dient, das Publikum in Erstaunen, Ehrfurcht und Entzücken zu versetzen.

Die lauten und die leisen Bilder

Dieses gelingt dem Bildband allerdings auch ganz ohne »übernatürliche« Hilfsmittel oder gar Dämonenwerk! Die prächtigen Bildzeugnisse, umfangreichen Beschreibungen und fundierten Texte in drei Sprachen (ein größerer Anmerkungsapparat könnte den wissenschaftlichen Nutzen noch mehren) sorgen dafür, dass wir den Bildband wieder und wieder aufschlagen – und stets Neues entdecken! Frühneuzeitliche Flugblätter laden zu »curiösen« Betrachtungen ein. Skelette tanzen im Dutzend auf Werbeplakaten und verdeutlichen das Übernatürliche, aber auch den Schauer, der der Magie innewohnt. Fotos zeigen Teilnehmer magischer Séancen, denen das Ektoplasma literweise aus Mündern und Ohren quillt. Jungfrauen schweben, werden zersägt und durchlöchert – um kurz darauf wieder unversehrt zu erscheinen. Trickfilmkünstler wie Georges Méliès geben sich die Klinke in die Hand mit Illusionisten und Entfesselungskünstlern wie dem mysteriösen Harry Houdini. Auch die Technik kommt nicht zu kurz: Was im Missionierungsspektakel der Jesuitenpfarrer vor den Augen der staunenden Heiden als Laterna magica beginnt, endet mit dem Einsatz von Röntgenstrahlen, Elektrotechnik und Filmkunst auf der Varietébühne.

Doch nicht alles ist bunt und laut: Neben den grellen Werbeplakaten und phantasievollen Zeitungsannoncen, dem wilden Spektakel auf den Bühnen und den farbigen Kostümen gibt es eine zweite Welt der Magie. Immer wieder erhalten wir Einblicke hinter die Kulissen des magischen Treibens – in die Werkstätten und Ateliers der Künstler. Wir erfahren, wie sich die Erfindung neuer Techniken wie Elektronik, Telegrafie und Film auf das Zauberhandwerk auswirkte. Besonders berührend ist das Kapitel, das uns die Wagnisse derjenigen Künstler nahebringt, die mit ihren Shows auf Reisen gingen. Hier steht die magische Illusion der abendlichen Vorführungen im krassen Gegensatz zu den ganz und gar unglamourösen Mühen des Tourneelebens mit Reisestress, Sprachbarrieren und der Anonymität in der Fremde. Dass das Glitzerleben häufig genug Schattenseiten besaß, verdeutlicht das Beispiel des nur leidlich erfolgreichen Magiers Frederick »Bancroft« Bronson, der seinem großen Vorbild, dem amerikanischen Zauberer »Herrmann the Great«, nacheiferte – und mit 30 Jahren auf einer Tournee an Typhus starb.

Alles Illusion?

Trotz aller Einblicke hinter die Kulissen des Zauberbetriebs werden wir von diesem Werk nicht desillusioniert. Der grafische Reigen der magischen Welt ist schier unerschöpflich und fördert vor allem eines: Neugier! Welche Bühnendarstellungen waren zu ihrer Zeit besonders begehrt. Welchen Stellenwert hatte der Film im magischen Geschehen? Warum zieren mittelalterlich anmutende Motive die Werbeplakate der Magieshows des 20. Jahrhunderts? Welche Tricks hatten nur kurze Zeit Konjunktur – und welche Motive überdauerten die Jahrhunderte?

Das Buch beantwortet uns zahlreiche dieser Fragen und versüßt uns das Stöbern im Trickkästchen der Magier mit überbordenden grafischen Genüssen. Hat man einmal angefangen zu blättern, kann man sich dem »magischen« Sog des gezeigten Zauberhandwerks nur noch schwer entziehen. Wir schwanken zwischen Amüsement, Unglauben und Grusel – und können am Schluss dennoch beruhigt aufatmen: Es ist doch alles nur Illusion.

Oder?

| JÖRG FUCHS

Titelangaben
Noel Daniel (Hg.): Magic
Köln: Taschen Verlag 2013
544 Seiten, 49,99 Euro

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