Besuch aus Chile, Vögel aus Neuseeland und der voglwuide ChickenWingBudeKing

Musik | Toms Plattencheck

»Während meines ganzen Lebens war ich ein Reisender, war ich ein Besucher …«, meint der 1973 in Chile geborene Matias Aguayo, der bedingt durch den bald folgenden Militärputsch in seinem Land mit seiner Familie nach Köln emigrierte.

Dort machte er sich später zunächst beim Label Ladomat 2000 und dann bei Kompakt einen Namen. Ab 2006 zog es ihn zu seinen südamerikanischen Wurzeln, er veranstaltete mit Freunden sogenannte (unangemeldet im öffentlichen Raum stattfindende) »Bumbumbox Partys« und wirkte an der Gründung des Techno Labels Cómeme mit. Dass er auch musikalisch ein Suchender und Reisender ist, merkte man bereits auf seinem vielbeachteten Album Ay Ay Ay, auf dem er afrikanische Soundroots erkundete, die nicht direkt Richtung Baumwollfeld verweisen. Und hier schießt The Visitor an. Auf Techno- und House Fundamente setzt Aguayo mithilfe diverser Mitstreiter (Philip Gorbachev, Juliana Gattas u.a) archaische Rhythmen und monotonen bis abgedrehten, überwiegend spanischen (Sprech-)Gesang. Die Platte ist voller Wendungen und unerwarteter Soundelemente. Stimme und Instrumentierung wechseln ständig, zudem wirkt das Ganze kantiger und direkter denn je und ist u.a. mit 80´s New Wave Anklängen (auch Jorge Gonzales der 80´s Waver Los Prisoneros ist zu hören) abgeschmeckt. Wenn man dann noch erfährt, dass The Visitor über fünf Jahre an verschiedensten Orten der Welt entstand, könnte man ein verworrenes Stückwerk befürchten. Entwarnung: The Visitor funktioniert bestens am Stück. Auf solche Besucher freut man sich immer!

Nochmal Chile! Denn hinter dem Namen Dinky versteckt sich Alejandra Del Pilar Iglesias Rivera, die in Chile aufwuchs und im Erwachsenenalter über die Stationen New York und Berlin wieder zu ihren Wurzeln zurückfand. Zur Musik fand Dinky über das Ballet und zeitgenössischen Tanz – sie ist in Jazzmusik, klassischer Gitarre und Piano geschult. Und diese handwerklichen Grundlagen kommen auf ihrem fünften Album stärker zur Geltung als vor Jahren, als man sie eher unter Minimal Techno subsumierte. Dimension D verknüpft Dancefloor-Beats und ätherisch flüchtige Melancholie-Stimmung, die deutlich auf Songstrukturen setzt. Dream Pop Klassiker wie Mazzy Star und Cocteau Twins schimmern hier durch, großartige Stimmen und Stimmungen wie bei Beth Gibbons, Sol Seppy oder Goldfrapp. Dinky beweist sich als Songwriterin und Sängerin, wirft die elektronischen Elemente dabei nicht gänzlich über Bord und erreicht eine ganz neue Dimension. Dimension D. So stilvoll, gelungen und geheimnisvoll wie das kongeniale Coverartwork.

Mit Blackbird setzt Fat Freddy´s Drop zur dritten Studio-Album-Landung an. Die neuseeländischen Soul-Giganten sind ja vor allem als phänomenale Live-Performer bekannt. Kein Wunder, dass nach unzähligen Tourneen in ihrer Heimat und in Australien sowie alleine über 400 Auftritten auf europäischem Boden ihren zwei Studioalben auch zwei Live-Platten entgegenstehen. Auch auf Blackbird lassen sie ihre gewohnt organischen und lebendigen Songs im eklektischen Soundgewand auf die Hörerschaft los. Ihr Stilmix aus Soul, elektronischem Funk, Roots-Einfüßen, Blues, Soul und weiß der Teufel noch was ist stets clever arrangiert und so auf die 12 gepuncht, dass man gar nicht auf die Idee kommt, das könnte irgendwie anders klingen. Die Tatsache, dass die Kiwis in ihrem eigenen Studio aufgenommen haben, dass in den Räumen eines der letzten ehemaligen Vinylpresswerke des Landes untergebracht ist, scheint sich auf die Atmosphäre von Blackbird ausgewirkt zu haben. Man sollte sich diesen schwarzen Vogel am besten auf schwarzem Vinyl gönnen – noch besser werden die neuen Nummern nur live klingen; im Oktober auch hierzulande!

Auch der allseits geliebte Bulldog Fahrer aus Übersee am Chiemsee, der Keller Steff, hat schon wieder einen Sack voll neuer Sommerhits beisammen. Er kann es wohl gar nicht abwarten, die Bühne mit neuem Liedgut im Gepäck zu betreten, und so heißt die neue Scheibe Langsam pressierts. Die ist stilistisch noch abwechslungsreicher geworden und verdeutlicht schnell, dass man hier korrekterweise von Keller Steff & Band sprechen muss. Gemeinsam vertonen die Burschen die Kurvn im Leben, die dieses erst richtig lebenswert machen und schauen dabei den kleinen Helden des Alltags auf die Finger. Dem Ratschkini vom Stammtisch, dem verhinderten bajuwarischen Gastro-Individualisten ChickenWingBudeKing (was für ein Gute-Laune-Hit!) oder dem Magic. Letzterer ist ein Autowerkstatt-Tüftler der aussterbenden Sorte – einer der einen mit Tatkraft und Hilfsbereitschaft raushaut. Gleichnamiger Song ist dabei auch eine ernsthafte Ode an heimische Handwerkskunst. Ihr Handwerk versteht auch die Band, die zwischen Bayern Blues und Songwriter Pop auch Reggae-Vibes und Balladeskes mit einbaut und diesmal sogar richtig hart rockt. Dies passiert beim genanntem Magic und dem geilen Schweinerock von Deife (super Riff!). Der Steff hat sich innerhalb relativ kurzer Zeit zu einem Garanten für abwechslungssreiche, sympathische Mundartmusik entwickelt, was ihn schön langsam Richtung große »Südstaatler« wie Söllner und Ringsgwandl schiebt, auch wenn solche Vergleiche immer etwas hinken. Obwohl die kleinen Widrigkeiten des normalen Lebens nicht ausgelassen werden, (der Hundsdreg, dens durch de Zehan durchedruckt, s´Goid, des ned glangt, da oraidige Zeck am Nabel, da Katzndreg in da Bude …) herrscht hier quasi immer die Losung olwejs luck on se breit seid of leif. Wie entscheidend dabei die Feinheiten des Dialekts sind, macht einem erst die im Stile eines Fredl Fesl erstellte »Übersetzungsversion« des Liedes Sommerreng klar, nach der einem jeder Hannoveraner nur leidtun kann. Naa, ma muas den Steff scho singa hean wia erm da schnobe gwachsn is. Steff, du bist da Magic von da Bühne (na ned Hebebühne)! Sein Motto für die nächsten Wochen: Handtuch auf den Gepäckträger und zum nächsten Badesee geradelt! Und sonst: Danz in deim Leb´n!

| TOM ASAM

Titelangaben
Matias Aguayo: The Visitor – Còmeme/ Kompakt
Dinky: Dimension D – Visionquest / Word and Sound
Fat Freddy´s Drop: Blackbird – The Drop / Alive
Keller Steff & Band: Langsam pressierts – Millaphon / Broken Silence

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

»Seltsam? Aber so steht es geschrieben…«

Nächster Artikel

Fragen an Herrn Kaiser

Neu in »Platte«

Folkdays aren’t over… norwegische Impressionen

Musik | Annbjørg Lien: ›Drifting like a bird‹ Annbjørg Lien ist eine norwegische Sängerin, die als Musikerin Hardanger Fiddle und Nyckelharpa spielt, eine Fiddle die auch Tasten hat. Lien verwendet neue und alte Instrumente und weist auf den Musikinstrumentenbauer Olav G. Helland aus Bø in Telemark hin, der 1898 eine ihrer Nyckelharpas herstellte. Von TINA KAROLINA STAUNER PDF erstellen

Von The Fall bis Sonic Youth und zurück

Menschen | Don’t get him wrong…: Mark E. Smith wurde nur 60 Jahre alt Mark E. Smith sah schrecklich blass aus in den vergangenen Jahren. Dabei wirkte er früher immer sophisticated wie ein spießiger Student. Sehr hübsch sozusagen. War aber ganz anders. Und er zeigte seine Band The Fall vor. Die soll im Lauf der Zeit mehr als vier Dutzend Bandmembers gehabt haben. Von TINA KAROLINA STAUNER PDF erstellen

The Soul Of The Machine

Music | Bittles’ Magazine: The music column from the end of the world Fans of graceful soundscapes and bittersweet electronica are probably already familiar with the name Mario Hammer And The Lonely Robot. 2015’s  L’esprit De L’escalier for Cologne label Traum was a cerebral and mesmerising journey into the soul. With the highest of production values, and an open-hearted emotional core, its thirteen tracks of soft-focus ambiance were, and still are, a rare treat for the ears. By JOHN BITTLES PDF erstellen

Barney Kessel Four & Five

Musik | Barney Kessel & Hampton Hawes: Quartet Quintet Es gibt Theoretiker, die sagen, es sei der Swing, was den Jazz ausmache. Sie kommen bei dieser CD voll auf ihre Rechnung. Barney Kessel war der wohl bedeutendste Jazzgitarrist der fünfziger Jahre. Obgleich er vom damals aktuellen Bebop geprägt war, ist seine Musik immer noch dem Swing verhaftet, ohne banal zu werden, wie das gelegentlich selbst einem Giganten wie dem nur zwei Jahre jüngeren Pianisten Oscar Peterson passierte. Von THOMAS ROTHSCHILD PDF erstellen

Words Don’t Come Easy: New Album Reviews

Music | Bittles’ Magazine: The music column from the end of the world After a summer filled with festivals, the act of listening to music in the sanctuary of your own home can appear a little strange. For a while every summer I briefly conclude that the best way to appreciate the bands or DJs that you love is while standing in a mud strewn field with ten thousand other people while the rain lashes down on your head. By JOHN BITTLES PDF erstellen