Betthupferl

Comic | Jimmy Beaulieu: Nachtstück

Der kleine Band Nachtstück des kanadischen Zeichners Jimmy Beaulieu ist so ähnlich wie eine Schachtel Pralinen: Eine bunte Auswahl verführerischer Süßigkeiten, deren Reiz darin liegt, dass man von ihnen nicht wirklich satt wird. BORIS KUNZ hat vor dem Schlafengehen etwas genascht.

Jimmy Beaulieu: Nachtstück
À la faveur de la nuit ist der Original-Titel des Comics, was sich als »Im Schutze der Nacht« übersetzen lässt. Das klingt zwar auf Deutsch zu sehr nach einer Gangstergeschichte, ist aber ein sehr passender Titel für einen Comic, in dem es sehr viel um Dinge geht, die man gar nicht zu sehen bekommt. Nur dass es nicht die Nacht ist, die sie vor uns verbringt, sondern der kanadische Zeichner Jimmy Beaulieu (Ein philosophisch-pornografischer Sommer), der den Leser hier zu einem kleinen erotischen Spielchen einlädt.

Der Zeichner, der die Frauen liebte

Die Stärke von Beaulieu ist seine Schwäche für hübsche Frauen, die er mit ebenso leichtem wie präzisem Strich so in Szene zu setzen weiß, dass man den Zeichnungen die gründliche und liebevolle Beobachtung des lebenden Objekts anzusehen meint, in der sie wohl ihren Ursprung haben. Die Frauen in Beaulieus Comics sind keine überzogenen Phantasiegestalten, wie sie amerikanische Superheldenzeichner gerne in hautenge Kostüme zwängen, und denen man(n) schon aus 100 Metern Entfernung ansieht, dass ihre Anatomie nur den Wunschvorstellungen eines Männergehirns entsprungen sein kann. Beaulieu überschreitet niemals die Grenze zum Pornografischen, sondern bleibt auch in seinen explizitesten Augenblicken immer im Bereich der Erotik. Seine Frauenkörper entstammen der Wirklichkeit und gewinnen ihre Anziehung niemals durch Überstilisierung oder durch plumpe Nacktheit.

Sieht man allerdings genauer hin, dann verraten auch diese Zeichnungen den männlichen Blick, der sich mehr für Schenkel und Rundungen hübscher Mädchen interessiert, für Catsuits und Nylons, als für ausgeprägte Charakterzüge erwachsener Frauen. Die blonde Beatrice und die dunkelhaarige Veronique haben im Prinzip das gleiche Gesicht: große, mädchenhaft offene Augen, schmale Lippen und eine meist nur durch ein Häkchen angedeutete Stupsnase. Sie unterscheiden sich für den Leser eigentlich nur durch Haarfarbe und Frisur; eine Gemeinsamkeit, die sie mit den allermeisten Frauen teilen, die in diesem Comic auftauchen.

Das kann natürlich auch noch einen anderen Grund haben: All die Frauen, die in den verschiedensten Szenen und Geschichtenfragmente in diesem Band in Erscheinung treten, sind Projektionen und Spielarten von Beatrice und Veronique, die sich diese Geschichten ausdenken, während sie in einem Hotelzimmer auf die Ankunft ihres Kerls warten.

Die beiden Mädels haben einige Stunden zuvor mit ihrem gemeinsamen Liebhaber Leonce eine Bank überfallen. Anschließend hat Leonce sich aus dem Staub gemacht – angeblich, um die Bullen auf eine falsche Fährte zu locken. In Wirklichkeit aber ist Leonce auf den Weg zu der dunkelhäutigen Kellnerin Maryse, mit der er eigentlich viel lieber abhauen möchte als mit Beatrice und Veronique, die währenddessen auf dem Bett im Motel herumhängen und sich die Wartezeit mit Geschichten vertreiben. Natürlich liegt auch zwischen ihnen die ganze Zeit über Sex in der Luft, aber die Beiden, die in ihren Negligés gar nicht mehr wie Gangsterbräute wirken, zögern das Vorspiel gehörig in die Länge.

Die Erotik der Verweigerung

Dieses Vorspiel besteht nicht nur in diversen Streicheleinheiten, sondern vor allem im Erzählen. Das Spektrum der Geschichten reicht vom Märchen über eine Hexe und einen ihr hörigen Zyklopen über eine Kolportage-Räuberpistole bis zu einer eigentümlichen Endzeitvision mit kannibalischen Motorradbräuten. Allen Geschichten ist gemein, dass sie im weitesten Sinne die merkwürdige Anziehung zwischen und unter den Geschlechtern behandeln, das einander Verfallensein und viel mehr das Wollen als das Kriegen. Auch verfolgen sie ein gemeinsames dramaturgisches Muster: Alle Szenarien werden nur kurz angerissen, beginnen meist ohne ein einführendes »Es war einmal …« und enden in der Regel ohne Pointe oder auch nur die Andeutung eines Abschlusses. Stattdessen bleiben sie als nicht ganz eingelöste Versprechen in der Luft hängen. Konsequent verweigert sich Beaulieu dem Auserzählten, dem Eindeutigen oder, wie man in diesem Kontext wohl am Treffendsten formulieren kann: dem Höhepunkt.

Haben die Bilder, die in den Geschichten heraufbeschworen werden, eine tiefere Bedeutung? Was verraten sie uns über die Sehnsüchte oder die Situation der beiden Frauen? Eindeutige Antworten darauf gibt Beaulieu nicht. Auch nachdem es zwischen Beatrice und Veronique nach langem Hinauszögern endlich zur Sache geht, macht er daraus kein großes Ding, sondern handelt diesen Akt unprätentiös in zwei Panels ab, die nicht wesentlich knisternder sind als die Momente, in denen Veronique lediglich die Unterschenkel von Beatrice berührt.

Es darf verraten werden, dass Jimmy Beaulieu dieses Spiel nicht auf allen Ebenen spielt: irgendwann ist Schluss mit dem Geschichtenerzählen, irgendwann nimmt die lange Nacht ihr Ende und die Wege von Beatrice, Veronique und Leonce werden noch einmal zusammenlaufen. Hier findet die Erzählung auf ihren letzten Seiten dann unerwartet noch zu einer dramatischen Wucht, in der die Dinge nicht mehr in der Schwebe bleiben.

Was das Album bis dahin zusammenhält, ist allerdings nicht nur seine eigenwillige Struktur des Hinhaltens, sondern auch die Lebendigkeit der Zeichnungen. Auch wenn man nicht immer verstehen mag, was Beaulieu uns erzählen will: Man sieht seinen Figuren gerne zu. Die sorgfältig ausgeführten Bleistift- und Tuschezeichnungen sind mit Buntstiften koloriert, sodass der Betrachter jeden einzelnen Strich in den Schraffuren sehen kann. Dadurch wirken die Zeichnungen skizzenhafter, als sie bei der Präzision der Figurenzeichnung eigentlich sein könnten. Sie wirken, als wolle uns der Zeichner vormachen, er sie habe nur schnell aufs Papier geworfen, und spielt damit herunter, wie liebevoll sie eigentlich ausgeführt sind. Jede Geschichte bekommt eine andere Farbpalette und andere Farbintensitäten zugeordnet. In den Phantasiegeschichten geht es meistens eher bunt zur Sache, während im Hotelzimmer das Blau der Nacht die einzige Farbe bleibt, vor der sich die blonden Haare und die rosa schimmernden Schenkel der Mädchen absetzen können. Erst gegen Ende werden noch einmal kräftige Rot- und Orangetöne ihren Weg in die Erzählebene finden.

Zusätzlich enthält der Band noch die Kurzgeschichte protestploitation, die in einem etwas kräftigeren Stil gezeichnet ist, aber trotz eindeutigerem Liebesspiel und politisch aktuellem Background in ihrer erzählerischen Unabgeschlossenheit genauso gut als weitere Phantasieepisode von Beatrice und Veronique funktionieren würde.

Nachtstück ist eine Art verspielte, harmlose kleine Schwester von Alan Moores und Melinda Gebbies pornografischem Meilenstein Lost Girls. Auch hier erzählen sich männerlose Frauen in einem Hotel erotische Geschichten, während sie sich aneinander verlustieren. Aber während Moores verlorene Mädchen uns in jedes ihrer Geheimnisse einweihen und jedem Element der Geschichte ein eindeutiger Platz zugeordnet ist wie einem Puzzlestück, geben Veronique und Beatrice sowohl von ihrem Innenleben als auch von ihren Körpern gerade genug preis, um unser Interesse zu wecken und unsere Phantasie zu befeuern. Und dann stehlen sie sich wieder in die Nacht davon …

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Jimmy Beaulieu: Nachtstück (À la faveur de la nuit)
Aus dem Französischen von Resel Rebiersch
Hamburg: Schreiber & Leser 2013
112 Seiten, 14,95 €

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