»Die Wahrheit ist ein Weib, aber ein Wasserweib«

Lyrik| Doris Runge: Zwischen Tür und Engel

So harmonisch das Kloster in Cismar und das dortige »Weiße Haus« in die Landschaft Ostholsteins eingebunden sind, so angenehm ist sogar im Hochsommer zur Badesaison des nahe gelegenen Ostseebads die dortige Ruhe und »Insellage« des Klostergemäuers – schattig und kühl die Lage, besinnlich und fast meditativ der Ort und nur wenige Touristen machen hier einen Zwischenhalt. In diesem besonderen, abgegrenzten Areal lebt seit 1976 die mecklenburgische Dichterin Doris Runge. Anlässlich ihres 70. Geburtstags hat die Deutsche Verlagsanstalt in diesem August ihre gesammelten Gedichte in einem wunderbar gestalteten Sammelband herausgegeben – zwischen tür und engel. Von HUBERT HOLZMANN

tuerengelSteht man vor diesem weiß gekalkten Gebäude ihres Wohnhauses, das sich auf der Südseite des Klosters erstreckt, wähnt man sich fast in einer anderen Zeit. Beinahe spürt man sogar einen leichten Hauch von Anachronismus, wenn man zuvor noch durch das touristengefüllte Grömitz angereist ist. Der Wohnort der Künstlerin ist weitgehend von der Dorfbevölkerung und der Öffentlichkeit verborgen.

Im Titel der Gedichtsammlung von Doris Runge zwischen tür und engel – klingt, noch bevor man dieses Buch aufschlägt, diese Zwischenwelt, dieses leicht Abseitsstehende, das vielleicht sogar Ausgeschlossene an. Ihre Gedichte erzählen zwar aus unserer Welt, sind aber trotzdem in Gegenwelten verwoben. Sie besitzen einen heutigen Sprachduktus, es klingt jedoch zudem ein leicht innerlicher, vielleicht etwas elegischer Tonfall an. Natürlich nicht im Stile Rilkes. Ihre Engel beispielsweise haben keine ästhetische Wirkung des fin de siècles , sie nehmen nicht »plötzlich ans Herz« und löschen den Menschen nicht aus.

Eher sind Runges Engel Märchenfiguren, deuten die Welt, verkünden Erkenntnis: »traf ich den engel / dreimal / bat ich ihn zu tisch/ … / reich war ich / als er ging«. Auch hier wieder das Zwischenreich. An anderer Stelle taucht Runge ins anspielungsreiche (?) »schimmelreiterreich / im nebentuch regentrude«. Diese Orte haben nichts Beständiges, Berechenbares, deuten die Möglichkeiten nur an, als »blind date«: »es wird keine in der Sommerfrische / liebe sein / jedenfalls keine / fürs leben«.

Lyrischer Neorealismus – innerlich, mitleidig

Doris Runges gesammelte Gedichte zwischen tür und engel beginnen mit einigen Einzeltexten aus dem Jahr 1981, bevor die bereits früher veröffentlichten einzelnen Lyrikbände ab dem Jahr 1985 versammelt werden: beginnend mit jagdlied (1985) bis zu den neuesten, noch unveröffentlichten Gedichten im Band federleicht (2013). Jedoch täuscht der Untertitel Gesammelte Gedichte ein wenig darüber hinweg, dass ihr Herausgeber Heinrich Detering aus dem lyrischen Werk der Dichterin auswählt. Seine Werkschau gibt jedoch ein kompaktes, abgerundetes Bild ihres mehr als 30 Jahre langen Schreibens.

Grundtenor ihrer Gedichte ist das Realistische: die norddeutschen Hügel- und Küstenlandschaft. Sie spielen »in der stillen wildnis«, in der »sommerfrische«, auf »sommerwegen«, dem »kirchacker«, »hinterm deich«, am »meer«. Sind lokal verankert im Kloster »c«, im Lübecker »café niederegger«, in Güstrow, Ratzeburg, Wedendorf. Norddeutsches Flair wird verbreitet: »bernsteinkette«, »promenadenbank«, »am geirangerfjord«. Dazu kommen manche Motive aus Heimatsagen, Gestalten aus Märchen und Anekdoten – im Mittelpunkt die Wasserfrauen, Undinen, Melusinen, Meerjungfrauen.

Unterwasserwelten

In einem Essay für den 39. Band des »Raben«, dem »Magazin für jede Art von Literatur« konstatiert sie: »Wir waren sechs Schwestern, sechs Seejungfrauen. Aber nur die Geschichte der Jüngsten schien dem Märchenerzähler Andersen berichtenswert, exemplarisch… Weggetaucht waren wir, traurig und zornig zugleich… Schließlich tauchten wir wieder auf, wie es unserer Natur entspricht.«

Ihre Affinität zu diesen Wasserwesen zieht sich durch das gesamte Schaffen. Das lyrische Ich dieser Texte ist wie das der Bachmann ein durch Menschen- und Männerhand Verletzliches, Bedrohtes. Es wird aber – und dies im Gegensatz zur Klagenfurter Dichterin – nie existentiell gelöscht. Runges Wesen kommen an die Oberfläche. Sie haucht diesen Schattenwesen neues Leben ein, lässt sie »auftauchen«, wie »undine« aus dem Band »grund genug« (1995): »löst ihr haar / aus der welle / das lied von der zunge / riss das auge / aus der nacht / zerschnitt / das tanzkleid / das brautkleid / das totenkleid / treibt die ungeborenen ab / den blutigen anflug von seele«.

Straßenbahnlyrik

Was hier zu Papier gebracht wird, sind einfache Bilder, Brechungen aus alten Märchenwelten. Undine als die seelenlose Wasserfrau, die wie schon bei Fouqué zwar von Ritter Huldbrand gerettet wird und nicht die fremde Menschenseele annimmt – und dennoch gleich nebenan im »klosterteich« singt, »im reich / der unerlösten / froschkönige / …. / ich spiele mit dir / und der zeit / und tauche ab / und nehme mit / goldene kugeln«. Die Dichterin erzählt, spielt mit den Motiven, den Klischees an der Oberfläche und kommt dabei fast ganz ohne Metaphern aus. »Märchen empfindet man nicht, sie sind Teil der archaischen Landschaft in unserer Seele«, meint die Dichterin über ihre eigenen »esoterischen« Märchen, die sie auf einer alten Stereo-LP von 1977 vorstellt. Hier posiert sie ganz im Stil einer norddeutschen Uschi Obermaier auf dem Plattenbeibuch.

Was sie nicht will, hat sie in ihrem Essay für den »Raben« formuliert: »Wir verstehen uns nicht aufs Parodistische, fügen nur um der Genauigkeit willen hinzu: Die Wahrheit ist ein Weib, aber ein Wasserweib.« Im Gedicht »fliegen« kommt zum Ausdruck, wie sie schreibt. Es ist die kurze, schnell erfassbare Form, die aphoristisch sentenzhaft verkürzte, verdichtete: »meine flügel ließ ich dir / du rupftest sie/ für unser daunenbett / nun träume ich nachts / vom fliegen«. Eine dialogische Pointe von ich und du – ganz leichtfüßig, für Zwischendurch, »fast lyrics«.

Doris Runge hat einen scharfen Blick, sie beobachtet genau, auch aus der Rückschau, »im rückspiegel«: »an der kindheit / vorbei zurück / auf allen vieren / bin ich viel schneller / folgt mir mein schatten / fahr ich ihm nach«. Diese Kurzform hat etwas von Epigrammatisches, ist enigmatisch, ein Rätsel. Allerdings nicht chiffriert, nicht verschlüsselt, sondern zu verstehen, geöffnet, zwischen tür und engel. Und vielleicht doch gelegentlich eine Spur von Parodie? – »kommt zeit kommt mord / kein widerspruch kein / wort kein jubellaut / was soll ich hier was dort«.

Doris Runge schreibt Lyrik, die aus der Zeit fällt. Ihre Texte zwischen tür und engel erzählen von Innenwelten, Gefühlen, vom Mitleiden. Ihre Gedichte sind ganz private Texte, die in dieser sorgfältig edierten Ausgabe wie ein Schatz aus einer versunkenen Märchentruhe wirken, der – jenseits aller Moderne – in vergangener Melusinenwelt am besten aufgehoben ist.

| HUBERT HOLZMANN

Titelangaben
Doris Runge: zwischen tür und engel
Gesammelte Gedichte
Ausgewählt und mit einem Nachwort von Heinrich Detering
München: DVA 2013
256 Seiten. 22,99 Euro

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