Nachgerufen am 30. April / Vom Aufheben

Lyrik | Peter Engel: Nachgerufen am 30. April

Leider nur ein einziges Mal
erlebte ich das Orgeln
seiner Gedichte aus der Nähe.

Murray las im Gemeindesaal,
urig wie ein Buddha saß er da,
rund und strahlend wie ein Vollmond,
regenfarben sein Pull,
alles war reine Wortmusik,
yea, hätte ich rufen sollen.

In einem Akrostichon ergeben die ersten Buchstaben jeder Zeile, fortlaufend gelesen, eines oder
mehrere neue Wörter.

Vom Aufheben

Die Wörter dieser Zeile sind
hier im Augenblick des Schreibens
wie glasklar aufbewahrt,
kehre ich aber den Rücken,
sind sie wie aufgehoben
und schwinden aus meinem Sinn.

Doch nehme ich mir den Text
wieder vor nach gewisser Zeit,
finde ich ihn dreifach wieder,
bewahrt und verschwunden zugleich
in neue Zeilen hinein,
die ich fortschreibe beim Lesen.

| PETER ENGEL

Peter Engel lebt und arbeitet in Hamburg. Er veröffentlichte Lyrik, u. a. in ›Rückwärts voraus‹ und ›Wolkisch lernen‹, und gibt seit 2014 gemeinsam mit Günther Emig die Zeitschrift für Kurzprosa ›Hammer + Veilchen‹ heraus.

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Bittles' Magazine
Voriger Artikel

Music From The Margins: New Albums Reviewed

Ihr mich auch
Nächster Artikel

Zickenkrieg

Neu in »Lyrik«

Der Prinz wird sich scheckig lachen!

Kinderbuch | Nils Mohl: König der Kinder / Tänze der Untertanen

Im Doppelpack sind sie auf meinem Schreibtisch gelandet: zwei Mal Lyrik. Das Cover in grellem Mandarine für die Kleinen ab sechs, violett der Vorsatz; dunkles Gischtgrün auf der Außenseite für die Jugendlichen ab zwölf, innen ein gedämpftes Orange: Schön! ANDREA WANNER freut sich.

Purpurne Wolken und eine Armee von Raben

Kulturbuch | Heike Gfrereis: Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie

Purpurne Wolken und eine Armee von Raben. Das neue Marbacher Magazin begleitet klug, spannend und aufschlussreich eine Ausstellung über Friedrich Hölderlin, auf den sich wohl fast alle deutschen Dichter irgendwie und irgendwann bezogen haben, vor allem Paul Celan. Von GEORG PATZER

Späte Antwort an Robert Gernhardt

Lyrik | Peter Engel: Späte Antwort an Robert Gernhardt

Sonette find ich sowas von gediegen,
ich schreibe täglich eines mit der Hand,
und kann davon genug noch gar nicht kriegen,
sie sind was für das Herz und für’n Verstand.

Nach dem Winter

Lyrik | Peter Engel: Drei Gedichte

Nach dem Winter

Das Totholz in unsren Worten
fällt ab, wir sprechen reiner
und lassen die Sätze knospen,
fast blühen sie schon wieder
in der viel wärmeren Luft.

Das Grollen in den Träumen

Lyrik | Sascha Kokot: Zwei Gedichte vor uns der Sandur im tiefen Frost liegt die Ringstraße auf schwarzem Quarz halb abgeräumt vor dem Ozean verkeilt der Sockel vom Gletscherlauf aufgezehrt gelangen wir nicht mehr zu den Kaltblütern um sie in die geschützten Gehege zu führen und uns vor dem Wintereinbruch einzudecken so setzen wir zu den letzten Nachbarn über senden von dort Anweisungen auf Kurzwelle bis wir etwas erreichen das Plateau wieder offen ist jagen die Meuten durch die Frequenzen und lassen uns in den ewigen Nächten nicht schlafen weil wir nicht sicher sein können ob das nur die Sturmfront