/

Verkehrssystem im Eiltempo

Kulturbuch | Hendrik Ammoser: Das Buch vom Verkehr

Einer globalisierten Welt liegt die Mobilität von Waren, Dienstleistungen und Menschen zugrunde. Wie gestalten sich Mobilitätskonzepte und -strukturen? Welche Entwicklungen haben sie bis zum heutigen Tag durchlaufen – und wie können wir sie uns nutzbar machen? ›Das Buch vom Verkehr‹ sucht Antworten. Und passt sich dabei in seinem Stil dem Thema an. JÖRG FUCHS auf der Spur des Transports – zu Wasser, zu Lande und in der Luft.

Ammoser - VerkehrOhne lange Vorreden wirft uns Verkehrswissenschaftler Hendrik Ammoser in die Thematik des Güterverkehrssystems hinein. Das ist auch notwendig, denn nach rund 330 bebilderten Textseiten sind seine Betrachtungen zu dieser komplexen Materie abgeschlossen. Nach den ersten 40 Seiten wissen wir bereits Vieles über die Grundlagen des Transportwesens und die Beschaffenheit von Gütern, kennen die Kilometerzahlen von Deutschlands längsten Flüssen, können die größten Häfen benennen und haben uns die gängigen Schiffskapazitäten vergegenwärtigt. Dazu kommen Beschreibungen von Hafenlogistik, Paketumschlagstationen, Transportketten und die Funktionsweise des Supply-Chain-Managements.

Bereits im ersten Kapitel wird deutlich: Ziel des Buches ist weniger die vertiefende Betrachtung eines Gesamtkomplexes als die überblicksartige Darstellung von vielen unterschiedlichen Einzelbereichen, seien es Transportmittel – beispielsweise unter Berücksichtigung der Nutzfahrzeugsystematik des Kraftfahr-Bundesamtes – oder Transportabwicklung.

Von der Briefpost zur SMS

Kaum hat man diese Themen eingefunden, dreht Ammoser an der Temposchraube: Das Kapitel ›Information unterwegs‹ zeigt nicht nur, wie moderne Kommunikationsmittel die Abwicklung von Logistikproblemen massiv beschleunigen, sondern erklärt – ganz nebenbei – im Sauseschritt die verschiedenen Entwicklungsformen der dabei eingesetzten Technik: Wie funktioniert ein Mobilfunknetz, wie hat sich die Größe von Mobiltelefonen in den letzten Jahren verändert, was ist eine SMS und in welchen Merkmalen unterscheiden sich Briefpost, E-Mail und SMS voneinander? In der knappen Zusammenfassung werden weitere interessante Punkte angesprochen, die aber leider nicht eingehend thematisiert werden. Was sollen wir uns zum Beispiel unter »intelligenten Subjekten und Objekten« im Kontext der Logistik vorstellen – kommen wir hier in den Grenzbereich der Künstlichen Intelligenz? Wie weit fortgeschritten sind Entwicklungen auf diesem Gebiet? Welchen Einfluss könnten diese Technologien auf die Mobilitätskonzepte haben?

Dass auch Menschen mobil sind – und sein müssen – spiegelt sich im Abschnitt über den öffentlichen und individuellen Personenverkehr wider. Dabei erfahren wir, erneut in kurzen, verdichteten Abhandlungen, unterschiedlichste Aspekte über den Personentransport. Seien es Anteile von Fahrzeugsegmenten an Neuzulassungen des Jahres 2012 in Deutschland (wir lernen: Die Kompaktklasse besitzt dabei einen Anteil von 23,8 %) bis hin zu Bremswegen von Fahrzeugen bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten (55,1m bei 88 Km/h). Ob diese Fakten bei der Einschätzung von Herausforderungen des Personenverkehrs nützlich sind, müssen wir im Einzelfall selbst entscheiden. Dass manche Statistiken noch mit Schätzzahlen für das Jahr 2010 hantieren, ist dabei weniger hilfreich; aktuelle und relevante Themen wie das private Carsharing werden zwar angedeutet, aber nicht ausführlich behandelt.

Zurück in die Steinzeit

Die Wurzeln der menschlichen Mobilität beleuchtet Ammoser im Kapitel über die Geschichte des Verkehrswesens. Ob man dafür aber gleich bis zur Mittelsteinzeit zurückkehren muss, ist fraglich, schließlich gibt die Quellenlage nur Spekulationen über das Transportwesen im Mesolithikum her. So kann man Vermutungen anstellen, wann und warum der Mensch begann, Waren zu transportieren und Werkzeuge zu benutzen. Um die Frage zu beantworten, warum der Mensch sesshaft wurde – und damit die Grundlagen für Warenmobilität und überregionale Arbeitsteilung schuf – wirft das Buch einen spekulativen Blick zurück in die Jungsteinzeit.

Gestrafft gestaltet sich die Betrachtung der Handelsbeziehungen vom Ende der römischen Antike bis hin in die Neuzeit. Zwar werden hier verschiedene weltweite Handelsströmungen betrachtet, aber die Frage nach der Randlage Europas von einer bis dato von Asien dominierten Welt – der Begriff des »Reiches der Mitte« kommt nicht von ungefähr – bleibt dabei außen vor. Die Hanse als wichtiges Handelsbündnis (die aber keinen Vorläufer der Globalisierung darstellt!) findet ebenso Erwähnung wie eine kurze Darstellung einzelner Handwerkszweige. Die Schifffahrtsentwicklung wird in mehreren Exkursen exemplarisch sehr ansprechend dargestellt, der Abschnitt über den Kanalbau unterschlägt allerdings die Repräsentationsfunktion dieser Bauten, die oftmals auch weniger sinnvolle Kanalbauprojekte anschob.

Ausführlich und aufschlussreich kommt die Entwicklung der Eisenbahn in Deutschland zur Sprache. Die Schwierigkeiten, ein gemeinsames Verkehrsnetz zu initiieren werden anschaulich vermittelt – auch wenn vor der Zeit vor der Reichseinigung nicht nur die Interessen der Verkehrshoheit der Reichsstände den Aufbau eines durchgängigen Eisenbahnsystems erschwerten: Als besonderes Hemmnis galten die verschiedenen Uhrzeiten der einzelnen Reichsgebiete, die erst mit der Einführung der ›MEZ‹ zwischen den Jahren 1891 und 1893 (›Mitteleuropäische Eisenbahnzeit‹, später ›Mitteleuropäische Zeit‹) überwunden werden konnten.

Ausdifferenziert und dabei leider etwas unübersichtlich gerät im geschichtlichen Abschnitt die Wiederholung einzelner Verkehrssysteme in verschiedenen Epochen. Dieses hilft einerseits beim Vergleich verschiedener Verkehrssysteme im jeweiligen zeitlichen Kontext – erschwert es uns aber andererseits, die Entwicklung eines Verkehrsträgers stringent nachzuvollziehen.

Knapp und übersichtlich

Vertieft hingegen werden im letzten Abschnitt des Buchs (individuelle) Mobilitätskonzepte anhand ihrer jeweiligen politischen und ökonomischen Gegebenheiten dargestellt. Kosten-Nutzen-Vergleiche zwischen den verschiedenen Verkehrsträgern lassen Rückschlüsse über deren jeweilige Nutzungspotenziale zu. Auch die Einbindung von Verkehrskonzepten in soziale und umweltbezogene Kontexte bildet eine Stärke des Buchs. Verkehrsmanagement anhand von Informationssteuerung und Telematik-Techniken wird in diesem Zusammenhang anschaulich erklärt.

Ausblicke auf Zukunftsthemen wie die Veränderung der Logistik durch Transportdrohnen und Warendistribution per 3D-Drucker fehlen leider und böten interessante Anknüpfungspunkte für weitere Betrachtungen. Das Resümee dieses detailreichen Abschnitts ist etwas knapp geraten und richtet sich hauptsächlich an sehr spezielle Zielgruppen, wie Verkehrsplaner.

Alles in allem dient dieses Buch weniger der Vertiefung der Zusammenhängen von Mobilität und Logistik (auch wenn die Verlagswebseite eine »umfassende Erörterung der Themenkreise« verspricht). Dazu ist es – wie das Thema, das es beschreibt – zu kleinteilig aufgebaut und zu schnell am Ziel. Als erweitertes Lexikon, das einzelne Teilbereiche des Verkehrswesens übersichtlich und anschaulich präsentiert, nehmen wir es aber gerne zur Hand. Zahlreiche Schaubilder und Diagramme helfen uns bei der schnellen Informationsgewinnung.

| JÖRG FUCHS

Titelangaben
Hendrik Ammoser: Das Buch vom Verkehr. Die faszinierende Welt von Mobilität und Logistik
Darmstadt: WBG 2014
344 Seiten. 49,95 Euro

2 Comments

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

High Heels und Weltschmerz

Nächster Artikel

Egotrip mit Kulissen

Weitere Artikel der Kategorie »Kulturbuch«

Die Krake des Kapitalismus

Gesellschaft | Jakob Weiss: Die Schweizer Landwirtschaft stirbt leise Wir werden auf den Teppich geholt, und Jakob Weiss ist nicht der erste, der die größenwahnsinnigen Impulse des Menschen, über die Natur regieren zu wollen, ins Visier nimmt. Qua Einblick in schweizerische Verhältnisse werden wir auf grundlegende Probleme der Landwirtschaft gestoßen. Von WOLF SENFF

Ästhetik der Gehörlosigkeit

Kulturbuch | Rafael Ugarte Chacón: Theater und Taubheit Das Theater ist nicht nur ein Ort der Kritik, sondern auch ein Ort der Herrschaftsproduktion! Das Theater ist nicht nur ein Ort der Reflexion, sondern auch ein Ort der Hierarchierepräsentation! Ergo werden kontinuierlich diverse soziokulturelle Gruppen durch die Darstellungsformen exkludiert. Der Theaterwissenschaftler Rafael Ugarte Chacón versucht deswegen in seiner Dissertation für die Gruppe der Gehörlosen auszuloten, inwiefern sie vom Theaterbetrieb ausgeschlossen werden und mit welchen theatralen Formen und Methoden man ihnen Zugang gewähren kann. Sein normatives Konzept heißt ›Aesthetics of Access‹. PHILIP J. DINGELDEY hat Ugarte Chacóns Monographie ›Theater und Taubheit. Ästhetiken

Historische Arbeit mit Gegenwartsbezug

Kulturbuch | Dierk Walter: Organisierte Gewalt in der europäischen Expansion Dierk Walter mischt die Vergangenheit auf und man kann dem so gar nichts entgegenhalten. Europa als Friedensmacht? Die Freie Welt als Vorbild? Nein, kommt nicht vor. Dierk Walter widmet sich der »politischen, wirtschaftlichen und militärischen Machtprojektion«, ausgehend vom »kapitalistischen Zentralstaat der westlichen Moderne«. Von WOLF SENFF

Barocke Augenfreuden

Kulturbuch | Kathrin Hofmeister: Küchengärten. Die Lust am schönen Nutzen Der Boom von Zeitschriften, die das schöne Landleben betrachten, legt nahe, dass es uns ein echtes Bedürfnis ist, in Zeiten wachsender Betonberge, Geist und Hände im satten Grün zu erden. Darüber hinaus reiht sich die Lust am Garten ein in den neuen Trend, Dinge selbst zu machen und zu gestalten. Denn es geht in der gängigen Gartenliteratur weniger um die Natur als um die Freude an der Gestaltung derselben. Kathrin Hofmeister hat gemeinsam mit den kongenialen Fotografen Ulrike Romeis und Josef Bieker einen liebevoll gestalteten Bildband über ›Küchengärten‹ verfasst. VIOLA

Nichts erwarten, doch auf alles gefasst sein

Kulturbuch | Eckhart Nickel: Von unterwegs

›Von Unterwegs‹ berichtet der Schriftsteller und Journalist Eckhart Nickel in ebenso charmant recherchierten wie elegant komponierten Reisereportagen. Zwischen Grönland und Asien bewegen sich seine Koordinaten, zwischen entdeckungsfreudiger Neugier und kosmopolitischer Kultiviertheit sein Habitus. Fast wünscht man sich als Leser für die Lektüre einen Zustand, den der Autor bereits in einer früheren Publikation euphorisch beschrieben hat: ›Ferien für immer‹. Von INGEBORG JAISER