/

Eine Zukunft für das Mädchen 7652.4 – Sektion 48

Jugendbuch | Jenni Fagan: Das Mädchen mit dem Haifischherz

Wie stellt man sich ein ›Mädchen mit dem Haifischherzen‹ vor? Haie gelten als brutal und gefährlich. Und ein Mädchen mit solch einem Herzen? Schon beim Anblick des Covers kann man vermuten, dass die 15jährige Anais nicht gerade zimperlich ist. Von ANDREA WANNER

Das Mädchen mit dem HaifischherzDie Ausgangssituation lässt Böses ahnen. Anais sitzt mit Handschellen in einem Polizeiauto auf dem Weg zum Panoptikum, einer Besserungsanstalt für Jugendliche, die zu jung für den Knast sind. Ihr wird vorgeworfen eine Polizistin angegriffen zu haben, die jetzt im Koma liegt. Anais bestreitet die Tat, kann sich aber nicht genau erinnern – warum, wird im Laufe der Geschichte schnell klar: Anais steckt die meiste Zeit voller Drogen und Pillen und hat ihr Absencen. Jetzt soll also die Jugendhilfe des Bezirks Midlothian weiterhelfen, wo schon längst niemand mehr weiter weiß.

Wer bin ich?

Eigentlich klingt das wirklich aussichtslos: eine gewalttätige Jugendliche, die von nichts und niemandem zu bändigen ist, die Drogen nimmt, kifft, säuft, sich herumtreibt, klaut und sich schlägert, bei der Pädagogen und Psychologen erfolglos alles versucht haben, die aus verschiedenen Heimen geflogen ist, nicht ohne dort vorher Aufstände angezettelt zu haben.

So sieht die Gesellschaft das Mädchen. Als Problem. Für die Fünfzehnjährige selbst ist der Fall klar: Sie ist ein Experiment, gezüchtet aus einem winzigen Bakterium und dann zur Beobachtung in die Welt entlassen. Ohne Chance, denn man will ihr Scheitern sehen. Sie geht davon aus, keine 16 Jahre alt zu werden. Das klingt krank – wenn Anais selbst es beschreibt, klingt es schrecklich, aber nicht nur. Es ist ein auswegloser Albtraum, aus dem es scheinbar kein Entkommen gibt. »Ich weiß, was das Experiment gern sehen würde. Sie wollen sehen, dass ich mich in einer Geschlossenen erhänge. Ein Knoten. Ein Hals. Ein Genick. Knacks.« Das ist Anais Sicht auf die Welt. Das ist ihre Erklärung.

Und dann erzählt sie ihre Geschichte. Sie beginnt im Polizeiauto auf dem Weg zum Panoptikum, lässt ihre Gedanken zurückkehren in Kindertage. Zu den wenigen schönen und den vielen entsetzlichen Momenten, die sie in ihrem jungen Leben schon hinter sich gebracht hat. Plötzlich ist alles ganz anders. Anais entschuldigt sich nicht, steht zu allem, was sie getan hat – aber ihr Blick auf die Welt ist ein anderer. Ein entlarvend ehrlicher, der einen trifft. Was hat man diesem Kind angetan? Auf die Welt gekommen in einer geschlossenen Anstalt, in der sich die Mutter gleich nach der Geburt aus dem Fenster stürzte. Ein erster Name, den man dem Neugeborenen gab: »7652.4 – Sektion 48«. Eine Pflegefamilie reiht sich andere. Dann folgen Heime. »Ich finde Heime sowieso besser, da gibt’s weniger Stress«, resümiert sie.

Die schottische Autorin Jenni Fagan studierte Creative Writing an der Greenwich University und veröffentlichte bisher Gedichte und Kurzgeschichten. ›Das Mädchen mit dem Haifischherz‹ ist ihr erster, viel beachteter Roman, Der englische Titel ›The Panopticon‹ verlagert den Schwerpunkt auf der Ich-Erzählerin, die nicht unzutreffend mit Lisbeth Salander, der Heldin in Stieg Larssons ›Millenium‹-Trilogie verglichen wurde, auf den Ort, an den Anais gebracht wird. Dort trifft sie auf eine bunte Schar extremer Charaktere mit durchaus vergleichbaren Schicksalen. Es sind benachteiligte Jugendliche, Jungs und Mädchen, für die in der Gesellschaft kein Platz zu sein scheint, denen man eine Zukunft verweigert, vor denen die Gesellschaft Angst hat. Fagan vermeidet dabei erstaunlicherweise alle Klischees. Sie lässt ihre Heldin zu Wort kommen. Offen, direkt, schnoddrig, verrückt, schonungslos. O-Ton Jugendliche. Das funktioniert. So wird das Panoptikum nicht zu einem verklärten Ort, an dem ein Neustart gelingen kann, sondern zu einem Zufluchtsort für Gescheiterte. Gegenseitiger Respekt will verdient werden. Es gibt Dinge, die nicht geduldet und entschuldigt werden. Es gibt Trost, Liebe und Nähe. Das zeigt die Liebesgeschichte zwischen der HIV-positiven Isla, Mutter von ebenfalls positiv getesteten Zwillingen, die sich ritzt, und Tash, die auf dem Strich so viel Geld zu verdienen versucht, dass sie und Isla gemeinsam eine Wohnung nehmen können. Zukunftspläne, aus denen nichts werden wird.

Von all diesen Dingen erzählt Anais Hendricks. Manchmal meint man, nicht weiterlesen zu können. Junge Leserinnen brauchen gute Nerven, viele Szenen sind ausgesprochen brutal und ersparen einem nichts. Auf der anderen Seite entwickelt die Geschichte eine ungeheure Sogwirkung, zeigt Zärtlichkeit und Nähe, wo man sie nicht vermutet, So sehen also die Schattenseiten in unserer Gesellschaft aus – nein, übertrieben wird da nichts, sondern sehr offen und differenziert ausgesprochen, was man versucht wegzusperren, auszugrenzen, fernzuhalten von denen, die zu wissen glauben, was richtig ist. Die Verletzungen, die Anis ertragen mussten, sind grausam. Sie träumt sich fort, denkt sich immer neue Biografien aus, in denen bürgerliche, intakte Familien den Rückhalt für das Leben bieten. Erlebt hat sie anderes. Die einzige Pflegemutter, die ihr wirklich nah war, war eine Prostituierte, die Anais tot in der Badewanne fand, ermordet. Es gibt eine letzte Hoffnung, einen Menschen, von dem sie sich wider besseren Wissens noch nicht losgesagt hat. Eine Entscheidung, die Folgen haben wird.

Ein Haifischherz? Es gehört einem ungeheuer tapferen jungen Mädchen, das moralisch integer ist, einen ausgesprochenen Sinn für Gerechtigkeit hat, klug und durchaus ehrgeizig ist. Und dem man einfach zutraut, dass es seinen Weg geht, egal wer ihr dabei Steine in den Weg wirft.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Jenni Fagan: Das Mädchen mit dem Haifischherzen (The Panopticon, 2012)
Aus dem Englischen von Noemi von Alemann
München: Antje Kunstmann 2014
332 Seiten, 19,95 Euro
Jugendbuch ab 16 Jahren

Reinschauen
Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Das Reich der Tränen
Voriger Artikel

Die Fantasie mal wieder

Nächster Artikel

Die dunklen Seiten der Liebe

Neu in »Indiebooks und Kleinstverlage«

Fake News im Frankreich der Revolution

Indiebookday | Wu Ming: Die Armee der Schlafwandler

Wu Ming – ein Autorenkollektiv aus Bologna – schreibt seit einigen Jahren gegen die offizielle historische Lehrmeinung an: Bereits 1999 erzählte das groß angelegte Romanepos Q (2016) von der Zeit der Reformation aus der Perspektive der Underdogs – wie zu lesen ist, stellte die autoritäre Staatsmacht auch schon im frühen 16. Jahrhundert unliebsame Gegner mit einem Netz aus Spionageabwehr, V-Männern und Fake-News erfolgreich kalt. Das neue 670-Seiten-Werk Die Armee der Schlafwandler nimmt sich die Zeit der Französischen Revolution vor. Zum Indiebookday am 21.03.2020 stellt HUBERT HOLZMANN die aktuelle Neuerscheinung des Berliner Verlags Assoziation A vor.

Mehr als nur ein Mythos

Menschen | Matabane / Abramsky / Beetz: Madiba. Das Vermächtnis des Nelson Mandela Auch nach seinem Tod im Dezember 2013 gilt Nelson Mandela als Symbol für das gewaltfreie Ende des Apartheidsregimes und die demokratische Befreiung Südafrikas. Nicht der Mythos, der sich um seine Person rankt, sondern der Mensch Mandela steht im Mittelpunkt des Buchs von Khalo Matabane, Sasha Abramsky und Christian Beetz. 29 Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft kommen darin zu Wort und schaffen ein facettenreiches Porträt des charismatischen Friedensstifters. Von STEFFEN FRIESE PDF erstellen

Brücken inklusive

Kulturbuch | Thomas Fasbender: Freiheit statt Demokratie. Russlands Weg und die Illusionen des Westens Wir folgen einem respektlosen Blick auf unser Land, auf unser Europa, und zwar in einer Zeit, in der doch »Loyalität« oder, neudeutsch, »Corporate Identity« als Filter für öffentliche Äußerungen dient. Jeder öffentliche Auftritt ist eine »Präsentation«, ein PR-gestylter Auftritt eines Produkts, einer »Ware«, sei es der neuen Veggie-Wurst, der neuen PKW-Baureihe, einer politische Partei, eines CEO, eines Amtsinhabers. Von WOLF SENFF PDF erstellen

Heil Boskop!

Gesellschaft | Front Deutscher Äpfel: Das Buch zur Bewegung Ein neues Buch rekapituliert die Geschichte der »Front deutscher Äpfel«, einer satirischen Organisation gegen Rechts. Gerade im momentanen Klima lohnt sich ein näherer Blick, findet JAN FISCHER. PDF erstellen

Irgendwie pathologisch

Menschen | Waschkau / Bartoschek: Muss man wissen! Ob es Ken Jebsen ist oder Jürgen Elsässer, Andreas Popp oder (ja, allen Ernstes) Xavier Naidoo – Verschwörungstheorien sind, spätestens seit Bestehen der neuen »Montagsdemos«, so beliebt wie nie. Ein im Vergleich zu den genannten eher harmloser Vertreter der Gattung Verschwörungstheoretiker war Rechtsesoteriker und Internetberühmtheit Dr. Axel Stoll. MARTIN SPIESS über das Interviewbuch ›Muss man wissen!‹ von Alexander Waschkau und Sebastian Bartoschek PDF erstellen