/

Zur Buchpremiere gab es die Nationalhymne

Menschen | Der Schriftsteller Gabriel García Márquez ist tot

»Ich habe einfach aufgehört zu schreiben. Das Jahr 2005 war das erste in meinem Leben, in dem ich nicht eine Zeile zu Papier gebracht habe«, bekannte der kolumbianische Autor in einem Interview mit der chilenischen Tageszeitung La Tercera. Seine Agentin Carmen Balcells hatte damals schon erkannt: »Ich glaube, García Márquez wird nie mehr schreiben.« Der Nobelpreisträger Gabriel García Márquez ist mit 87 Jahren gestorben. Von PETER MOHR
TITEL-t
So lebte »Gabo«, wie er von seinen Fans liebevoll genannt wurde, seit seiner Krebserkrankung fast zehn Jahre völlig zurückgezogen in Mexico City. Das Telefon hatte er abgemeldet und mied öffentliche Auftritte. »Mit der Erfahrung, über die ich verfüge, könnte ich ohne Probleme einen neuen Roman schreiben. Aber die Leute würden merken, dass ich nicht mit dem Herzen bei der Sa­che bin«, begründete der Nobel­preisträger von 1982 seinen litera­rischen Rückzug.

In seinen opulenten Romanen war Gabriel García Márquez zumeist um Detailgenauigkeit und größtmögliche Authentizität bemüht, wie er im er­sten Band seiner Autobio­grafie Le­ben, um davon zu er­zählen (2002) einräumte. Die mei­sterliche Gratwan­derung zwischen hart recherchierten Fakten und leicht exotisch anmuten­der Poesie hatte Márquez zum Ur-Va­ter des so­genannten »magischen Realismus« werden lassen.

Mit der eigenen Biografie nahm er es stattdessen nicht ganz so ge­nau. Vor knapp zwanzig Jahren lüftete der Publizist Dasso Saldivar ein gut gehü­tetes Geheimnis. Durch vorgelegte Kopien der Geburtsurkunde konnte der Márquez-Biograf nachweisen, dass der kolumbianische Romancier bereits 1927 geboren wurde. Über Jahrzehnte hinweg galt der 6. März 1928 in allen Nachschlagewerken als Marquez‘ Geburts­tag.

Erst spät fand Márquez nach einem abgebrochenem Jurastudium und Tätigkeiten als Auslandskorrespondent und Filmkritiker diverser ko­lumbianischer Zeitungen zur Literatur. Er hatte die Vierzig bereits überschritten, als ihn seine Frau drängte, das Manuskript der Hundert Jahre Einsamkeit zur Veröffentlichung anzubieten. Der Roman über den Zerfall der Familie Buendia wurde bekanntlich zu einem Welter­folg, und mit dem fiktiven Örtchen Macondo (der Name eines tropi­schen Baumes) hatte Márquez einen Handlungsschauplatz geschaf­fen, der seinem Geburtsort Aracataca an der kolumbianischen Kari­bikküste nachempfunden war und der in vielen späteren Werken wieder auftauchte.

Márquez‘ literarische Wurzeln liegen in der Kindheit verborgen. Seine Großmutter, bei der er aufwuchs, soll eine leidenschaftliche Ge­schichtenerzählerin gewesen sein und ihn mindestens ebenso stark geprägt haben wie die Werke des von ihm verehrten William Faulkner. Seine durch die literarischen Erfolge gewonnene Popularität ver­suchte Márquez auch politisch zu nutzen. 1978 vermittelte er als Präsidentschaftskandidat der Linken zwischen der Guerilla-Bewegung 19. April und der Regierung in Bogotá.

Mit seinem politischen Enga­gement, das von den literarischen Arbeiten kaum zu trennen war, hatte García Márquez sich allerdings nicht nur Freunde gemacht. Der kon­servative Mario Vargas Llosa geißelte ihn 1986 auf dem Internationa­len PEN-Kongress als »Kurtisane Castros«. Nicht ganz zu Unrecht, denn Márquez hatte nicht nur für die staatliche kubanische Nachrich­tenagentur gearbeitet, sondern gehörte viele Jahre auch zu den per­sönlichen Freunden des kubanischen »Revolutionärs«. Mit etwas Fantasie lässt sich in seinem Roman Der General in seinem Laby­rinth in der Figur des Freiheitskämpfers Simon Bolivar auch ein la­tentes Portrait Fidel Castros erkennen.

Dennoch war Márquez‘ Popularität ungebrochen. 2002 war in Ko­lumbien der erste Band seiner Autobiografie in der Originalausgabe mit einer Startauflage von einer Million Exemplaren erschienen – und das in einem Land, in dem die Literatur immer noch ein Privileg der Oberschicht ist. In einigen Buchhandlungen Bogotás erklang zur Premiere die Natio­nalhymne, und Staatspräsident Alvaro Uribe rühmte Márquez pathe­tisch: »Die Präsenz der kolumbianischen Geschichte in der Erinnerung der Menschheit ist gesichert.«

Gabriel García Márquez hat mit seinen in die Weltliteratur eingegangenen Romanen Chronik ei­nes angekündigten Todes (1981), Die Liebe in den Zeiten der Cho­lera (1986) und dem über 30 Millionen Mal verkauften und in 35 Sprachen übersetzten Roman-Evergreen Hundert Jahre Einsamkeit (1967) der lateinamerikanischen Literatur in Europa erst den Durch­bruch ermöglicht. Es ist die ausgewogene Mischung aus exotischer Bildhaftigkeit und dem Wechselspiel von Mythos und Realität, die den Reiz der Márquezschen Werke ausmacht – zuletzt noch einmal zu er­leben gewesen im Alterswerk Erinnerungen an meine traurigen Huren (2004).

Das gigantische Werk von Gabriel García Márquez (sämtliche Titel sind in deutscher Übersetzung bei Kiepenheuer & Witsch erschie­nen) lässt sich kaum treffender charakterisieren als mit den Worten von Heinrich Böll: »Er ist eine einmalige Erscheinung, weil bei ihm das, was wir Engagement nennen, mit dem, was wir Poesie nennen, vollkommen übereinstimmt.« Am Donnerstag ist García Márquez, einer der Giganten der spanischsprachigen Literatur, in Mexico City im Alter von 87 Jahren gestorben.

| Peter Mohr

Gabriel García Márquez bei Kiepenheuer & Witsch

Gabriel García Márquez in TITEL-Kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Kreuzzug eines Unbelehrbaren

Nächster Artikel

Unter der Rachsucht: Verzweiflung

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Aus Widersprüchen Energie geschöpft

Menschen | Zum 75. Todestag des Schriftstellers Franz Werfel (am 26. August)

Franz Werfel war Österreicher und Prager, Jude und Christ, Konservativer und Avantgardist, traditioneller Erzähler, pathetischer Lyriker und utopischer Romancier. Aus diesen teilweise selbst auferlegten Widersprüchen schöpfte Werfel seine literarische Energie, die ihm in 35 Jahren dichterischer Tätigkeit ein ebenso erfolgreiches wie umfängliches Oeuvre ermöglichte. »Erfolg ist für mich mit Glück identisch«, erklärte Werfel, der vor allem während des Exils in den USA von vielen Kollegen ob seiner Verkaufserfolge beneidet, aber auch polemisch geschmäht wurde. So sprach Brecht etwa vom »heiligen Frunz von Hollywood, dem Geschwerfel«. Von PETER MOHR

Im Kopf des Henkers

Menschen | Joel F. Harrington: Die Ehre des Scharfrichters Gleich, wie sie heißen, Scharfrichter, Henker, Folterer, in unseren Köpfen entsteht eine bestimmte Vorstellung. Eine düstere Gestalt, das Gesicht oft hinter einer schwarzen Maske versteckt, die im Namen einer unheimlichen Macht eines barbarischen Zeitalters Menschen sinnlos Schreckliches antut. Unsere Vorstellung und die Realität eines Scharfrichterlebens in der frühen Neuzeit aber unterscheiden sich deutlich voneinander. Der US-amerikanische Historiker Joel F. Harrington ist für sein Buch ›Die Ehre des Scharfrichters‹ sozusagen in den Kopf eines Henkers im späten 16. Jahrhundert geschlüpft und kann Überraschendes berichten. Von MAGALI HEISSLER PDF erstellen

Auschwitz als romanzo-verità

Menschen | Luca Crippa / Maurizio Onnis: Wilhelm Brasse Wilhelm Brasse ist kein Geheimtip, auch wenn der Verlag das unauffällig suggeriert. Irek Dobrowolskis Film mit ihm und über ihn, ›Portretisca‹ (Der Porträtist), lief 2005 im polnischen Fernsehen und seitdem auf vielen internationalen Festivals. Es gab auch in deutschen Medien große Geschichten über Brasse, Erich Hackl hat ihm zwei literarische Reportagen gewidmet, und nach Brasses Tod im Oktober 2012 erschienen Nachrufe in aller Welt. Einen davon, so berichtet das Autorenduo Luca Crippa & Maurizio Onnis in seinem Blog, »hat Maurizio beinah zufällig online gelesen«. So entstand ein Projekt, das tatsächlich bis

Classic Rock funktioniert

Musik | Interview mit Drake Stone

Mit dem Album Skydive beweisen Drake Stone, dass Classic Rock nach wie vor funktioniert und verdammt kompatibel ist! MARC HOINKIS unterhält sich mit Mike Schlee über die neue Scheibe.

Kuba und die Revolution

Kurzprosa | Menschen| Lee Lockwood: Castros Kuba. Ein Amerikaner in Kuba und Michael Zeuske: Kleine Geschichte Kubas Der erstmals in Deutschland veröffentlichte dokumentarische Bildband Castros Kuba gibt einen Einblick in die Ziele der Revolution und zeigt Fidel Castro als einen feinsinnigen und demagogisch begnadeten Politiker. Von BETTINA GUTIERREZ PDF erstellen