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Unter der Rachsucht: Verzweiflung

Film | Im TV: TATORT 908 ›Zwischen zwei Welten‹ (SRF), Ostermontag

Das ist mal angenehm, wenn Kinder beim ›TATORT‹ Darsteller sind und Sex keine Rolle spielt. Welch aktive, eigenwillige, hochempfindliche Persönlichkeiten äußern sich in diesen kleinen Menschen. Dass man sich ihnen rücksichtsvoll nähern muss, wird uns in den ersten Minuten überzeugend vorgeführt. Donna Müller ist zu Tode gekommen, sie hinterlässt drei Kinder von drei verschiedenen Männern, wir sehen uns Verwicklungen ausgesetzt. Von WOLF SENFF

Foto: ORF/ARD/Daniel Winkler
Foto: ORF/ARD/Daniel Winkler

Die Lage der Kinder ist teilnahmsvoll und nüchtern gezeichnet, mit Stille und Bedacht anstatt Hektik und Alarm, ›TATORT‹ hat dazugelernt. Ausnahmen gibt’s, klar, Hamburg rühmt sich für seine kostspieligen alarmistischen Ballermannchoreographien, aber ist heute nicht Thema, wir sind in Luzern.

Nicht gut steht’s um Adam und Eva

In ›Zwischen zwei Welten‹ ermitteln Räto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) zielstrebig und in spannend geführter Handlung, zum engen Kreis der Verdächtigen gehört eine Gruppe geschiedener Männer, die sich durch Gesetzeslage und Besuchsregelungen diskriminiert fühlen, die empört sind, die einem ›Väterverein‹ angehören »für alle Männer, die nach der Trennung Unterstützung brauchen«, und mit Flyern auf ihre Situation aufmerksam machen, irgendwo zwischen Stammtisch und Bürgerinitiative. Es stellt sich heraus, dass sie ihre geschiedenen Frauen rachsüchtig verfolgen, einschüchtern, bedrohen.

Dieser ›TATORT‹ lenkt unseren Blick auf eine hochgradig emotionalisierte Konfrontation der Geschlechter, er lässt erkennen, was das mit unserem Nachwuchs anrichtet. Um die Beziehung zwischen Adam und Eva ist’s nicht besonders gut bestellt. Das alles gibt’s wirklich und es beschäftigt gescheiterte Eheleute vermutlich weit mehr, als die Öffentlichkeit wahrhaben möchte. Wer im Glashaus sitzt, wirft halt ungern mit Steinen. Der Elefant, der den Porzellanladen verlässt, blickt in der Regel nicht zurück. Aber gut, sei’s drum, für einen Krimi ist’s ein ergiebiges Thema (Buch: Eveline Stähelin, Josy Meier).

Da stößt Ermittlungstätigkeit an Grenzen

Die zweite Welt, in der ermittelt wird, hat esoterische Dimension. Der Vater eines der Kinder hält sich als Guru in Indien auf, auch er gehört zum Kreis der Verdächtigen, man kommuniziert per Skype. Sie stehen auf illustres Personal in Luzern, die Welt ist so bunt, die Menschen sind so verschieden.

Pablo Guggisberg, ›Creative Spirit‹, ebenfalls aus dem Kreis der Verdächtigen, vermittelt Kontakte mit dem Jenseits, doch der »Kontakt ist abgebrochen, tut mir leid«, denn es gilt die Faustregel: »Die Verstorbenen können selber bestimmen, was sie einem sagen und was nicht«. Da stößt Ermittlungstätigkeit an Grenzen, die Lage wird kompliziert. An ›Zwischen zwei Welten‹ gefällt sehr, dass er seine Figuren respektiert, sich nicht lustig macht über vermeintlich ›schräge Typen‹, es gelingt ihm sogar, unter der Rachsucht der Männer deren Verzweiflung zu schildern (Regie: Michael Schaerer).

Fluchtpunkt kleine Yacht

Der Film gibt den Zuschauer so schnell nicht wieder frei. Er handelt von Kindern, sicher, und davon, dass wir Erwachsene sie oft im Stich lassen, es ist ein melancholischer ›TATORT‹. Der Ablauf des Geschehens ist zwar zum Schluss aufgeklärt, so gehört es sich, doch dieser Film ist starker Tobak an einem Sonntagabend.

In einem privaten Moment gesteht Flückiger seiner Kollegin, dass er selbst hätte Vater sein können, wenn er seinerzeit seine schwangere Partnerin nicht zur Abtreibung gedrängt hätte. Im Abspann zieht er sich zurück auf seine kleine Yacht und nimmt ein Bad im See. Es fällt ihm nicht leicht, unter den Menschen zu leben, das weckt Sympathien.

| WOLF SENFF

Titelangaben
TATORT: ›Zwischen zwei Welten‹ (Schweizer Radio und Fernsehen)
Regie: Michael Schaerer
Ermittler: Stefan Gubser, Delia Mayer
So., 21. 4. 14, ARD, 20:15 Uhr

Reinschauen
| Alle Sendetermine und Online-Abruf auf DasErste.de
| Gregor Keuschnig zu Rüdiger Dingemann: »Tatort«-Lexikon
| Rüdiger Dingemann: »Tatort«-Lexikon (eBook)

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