//

Ein neues Ermittlerduo

Film | Im TV: ›TATORT‹ Das Muli (RBB), 22. März

Jo – Johanna Michels – irrt desorientiert in der Stadt umher und ruft verzweifelt ihren Bruder Ronny an. Nina Rubin, neue Ermittlerfigur, verlässt die Disco und es kommt zu einem derben Akt in einem dunklen Gang. Nein, der Ehemann war’s nicht. Robert Karow, ebenfalls neue Ermittlerfigur, betrachtet nachdenklich eine Leiche am Ufer der Spree. Anschließend folgen wir der Tatortsicherung an einer blutverschmierten Badewanne. Von WOLF SENFF

Foto: ARD / RBB / Frédéric Batier
Foto: ARD / RBB / Frédéric Batier
Nein, man verrät uns nicht, was für weiße Kügelchen Robert Karow dort vom Bettlaken sammelt und was er schwarz zwischen den Dielen hervorkratzt. Vermutlich ist das Geschehen – obgleich der Zuschauer keinen Schimmer hat, wer die Figuren sind und worum es geht – strikt auf Ordnung angelegt, mit Jo wurde uns einer der Mulis vorgeführt, die von Mexiko Droge in ihrem Körper schmuggeln, beliebtes Motiv in US-amerikanischen Serienformaten, üblicherweise aus Mexiko in die USA.

Berlin bleibt Berlin

Das Geschehen dieser ersten Minuten ist verwirrend, das Personal ist uns nicht bekannt, da will man uns überraschen. Kann ja sein, und man könnt‘ lässig sagen, da seien mal wieder neue Besen am Werk.

Berlin ist ehrgeizig, rbb will Standards setzen, man zeigt uns Fernsehturm, Gedächtniskirche, das Riesenrad im Plänterwald im Spreepark, hübsch abgelegener Ort, und dort am Spreeufer lag die erwähnte erste Leiche, die gehört jedoch in die Vorgeschichte, das soll uns gar nicht beschäftigen, das gehört zur Figur Karow und wird in den nächsten Folgen aufgeblättert.

Die neuen Kommissare

Der letzte ›TATORT‹ aus Berlin spielte mit Stark (Boris Aljinovic) und mit der blonden Norwegerin, Sie erinnern sich, die von der Vorahnung eines Verbrechens heimgesucht wurde und schließlich sogar den Kommissar vor einer Messerattacke warnte, ein gelungener, nachdenklicher, atmosphärisch dichter Film.

Der Zugang zur Figur Karow ist schwierig und widersprüchlich. Gut, das mag konzeptionell begründet sein, er ist ein verschlossener Typ. In diesem aktuellen Fall ist er in die Dealerszene verstrickt, und der Film schafft keine Klarheit darüber, wie tief er drinsteckt. So manches an diesem Film überzeugt nicht. Dazu zählt auch die »Viktor-kommst-du-zurück?«-Schnulze der Ermittlerin Nina Rubin, die allein mit den zwei Söhnen nicht klarkommt, Privatleben im Stress, da eröffnen sich geballte Entwicklungsperspektiven, oh nein, lieber nicht.

Vom Müllsack und von den Dealern

Der Film macht zunächst ein Geheimnis um den Kriminalfall, um zwei ›Mulis‹, der Titel hat es ausgeplaudert, es geht um Mädchen, die in Begleitung eines älteren Mannes aus Mexiko kommen, eine von ihnen ist Jo, die entkommen ist und gejagt wird. Ihre Freundin, hammerhart, fällt als Leiche aus dem Müllsack. »Bisher haben wir einen Arm gefunden, ein Bein und den Korpus.« – »Kopf?« – »Leider noch nicht.« Folgen Rückblenden auf den qualvollen Tod der Freundin. Die Regie gibt sich Mühe, uns das effektvoll auf den Schirm zu stellen. Derart reißerische Qualitäten sind bei ›TATORT‹ bislang unüblich.

Im Verlauf der Jagd auf Jo trifft Drogendealer auf Drogendealer, süffisant wird nach dem Wohlbefinden der süßen Kinder gefragt. Besonders neu ist das alles nicht, wir haben US-Serienformate Abend für Abend im Privatfernsehen, und manch kluger Drehbuchautor hat das gesamte Thema in die Mottenkiste gelegt. Übrigens, wie treffen sich zwei Drogendealer? Der ranghöhere Dealer stellt sich in seiner nachtschwarzen Karosse quer, sodass der andere abbremsen muss. Weiß doch jeder.

Stringente Handlung Fehlanzeige

Überraschend ist in dieser ›TATORT‹-Version, dass der ranghöhere Dealer, Robert Karow, gleichzeitig Partner im polizeilichen Ermittlerduo ist. Gut, dass der Zuschauer das frühzeitig erfährt, sonst könnte ja Spannung entstehen.

Das Geschehen wird in der zweiten Hälfte erheblich zurückgenommen, wird abgebremst, wir folgen – weshalb eigentlich – einer langwierigen Observationstour, man merkt, wie die Regie ihr Bestes gibt, um eine Balance zu finden, auch der aggressive, abstoßende Umgangston des Anfangs ist aufgehoben, »Das Muli« sucht eine stringente Handlung, eine einheitliche Atmosphäre und findet sie nicht.

Schnell noch zwei Tote

Im Drogenmilieu, die Welt ist schlecht, wird noch schnell jemand hingerichtet, bevor es zum Showdown auf der Suche nach Jo und Ronny kommt. Lange Verfolgung in leer stehenden Hoteletagen. Wer wird sie eher finden, die Kommissarin oder die Bösewichte? Und klar, dass Jo auf die Intensivstation eingeliefert wird, kein Reißer ohne Intensivstation.

Als alles geklärt scheint, gibt’s einen weiteren Mord, der Täter bleibt unbekannt, aber musste sein, drehbuchmäßig gesehen, damit der Beitrag von Robert Karow zum Drogenhandel nicht zum Problemfall wird. Die familiäre Situation von Nina Rubin klart kurzfristig auf. Nein, kein origineller Einstieg für ein neues Ermittlerduo.

| WOLF SENFF

Titelangaben
›TATORT‹ Das Muli (Radio Berlin Brandenburg)
Ermittler: Meret Becker, Mark Waschke
Regie: Stephan Wagner
Sonntag, 22. März, 20:15 Uhr, ARD

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Still Lost Inside The Velvet Trail: March New Album Reviews Pt. 2.

Nächster Artikel

Reisen mit leichtem Gepäck

Weitere Artikel der Kategorie »Film«

Brecht und der Film

FilmFritz Lang/Bertolt Brecht: Auch Henker sterben Der Titel dieses Films ist auch vielen bekannt, die ihn nie gesehen haben: Hangmen Also Die – auf Deutsch: Auch Henker sterben. Das kommt: Autor der Story ist kein Geringerer als Bertolt Brecht. Offiziell steht der Name des amerikanischen Mitarbeiters John Wexley für das Drehbuch im Vorspann. Auch Brechts Koautor, zugleich der Regisseur, trägt einen berühmten Namen: Fritz Lang. Aber es lässt sich nicht leugnen: dieser 1943 in den USA gedrehte Film bleibt zurück hinter dem übrigen Werk Brechts und auch hinter sowohl den deutschen Vorkriegsfilmen wie den amerikanischen Filmen Fritz Langs. Von THOMAS

Die Dunkelheit unterm Zucker-Candy – Teil III

Thema | Germany’s Next Topmodel JAN FISCHER hat die erste Folge der neuen Staffel Germany’s Next Topmodel mal gründlich auseinandergenommen. In seinem großen, dreiteiligen Essay findet er unter der bunten Candy-Verpackung der Sendung eine saubere Erzählung von der Dunkelheit am Rande der Stadt. PDF erstellen

Zeit der Wunder

Film | DVD: Das Wort (Arthaus Retrospektive) Ingmar Bergman und Andrej Tarkowski sind selbst in unseren geschichtsvergessenen Zeiten wenigstens dem Namen nach noch im öffentlichen Bewusstsein. Für Carl Theodor Dreyer gilt das nicht. Einer der bedeutendsten Regisseure der Filmgeschichte ist praktisch unbekannt, und selbst Liebhaber der Filmkunst wissen in der Regel allenfalls, dass Dreyer in seiner Passion de Jeanne d’Arc fast ausschließlich mit Großaufnahmen gearbeitet hat. Von THOMAS ROTHSCHILD PDF erstellen

Leben wie Erdbeben

Film | Japan-Filmfest Hamburg: ›Slum Polis‹, Japan 2014 ›Slum Polis‹ versetzt uns in das Japan des Jahres 2041, der Westen des Landes ist durch ein schweres Erdbeben verwüstet, als Location willkommen waren deshalb die zu Weihnachten 2011 vom Tsunami verwüsteten Regionen Japans, die Gegend sieht übel aus. Zwischen den Trümmern, so die Erzählung, formieren sich autonome Gebiete mit eigener Währung und Administration, die nationale Regierung greift nicht ein, sie überlässt diese Regionen des Elends einer urwüchsigen Anarchie. Von WOLF SENFF PDF erstellen

Durchgeknallte Freundeskreise

Film | TV: Tatort – Todesspiel (SWR), 19. Januar Eine Clique um die Dreißig, Konstanzer Boheme, bunt zusammengewürfelt; wer auf sich hält, ist dabei: Vom steinreichen Privatier über Boutiquenbesitzerin und Hedgefondsmanager zum Superstarwettbewerbszweitplatzierten bis zur traumatisierten, abgelegten Ex in der Klinik – sortiert von einer Kommissarin Blum (Eva Mattes), die zielstrebig und unbeirrbar ermittelt wie eine, Kompliment, Miss Marple at her best. Auf so tragfähigem Fundament wurde TATORT seit gefühlten Ewigkeiten nicht gedreht. Man vergisst zu schnell. Von WOLF SENFF PDF erstellen