//

Femme fatale, männerverschlingend

Film | Im TV: Tatort – Am Ende des Flurs (BR), 4. Mai

Schön, man kann sagen, da zieht ein Täter von Anfang bis Ende sein Ding durch, konsequent, in aller Unschuld, einverstanden, kein Einwand. Wie so oft beginnt das Geschehen vergleichsweise unauffällig. Lisa Brenner, die bis vor anderthalb Jahren ein Verhältnis mit Franz Leitmayr hatte – man weiß davon noch nicht, der Herr Kommissar mag nicht mit der Sprache herausrücken, das wird ihm noch leidtun –, nun stürzt sie aus dem zwölften Stock. Wie sich bald herausstellt, trank sie den Champagner nicht alleine. Von WOLF SENFF

Tatort - Am Ende des Flurs - Foto BR Denise Vernillo
Tatort: Am Ende des Flurs
Foto: BR/Denise Vernillo
Die Zahl der Verdächtigten wächst, der Fall beeinträchtigt das Vertrauen zwischen den Kommissaren, ein energischer Staatsanwalt tritt auf, … nichts Besonderes für einen Krimi. Nur dass Männer immer gleich so brüllen, das irritiert. Im Verhör wirkt das unprofessionell, möglicherweise hat sich die Regie dabei etwas gedacht, doch was es auch sein mag, man denkt angestrengt nach und kommt nicht drauf.

Odysseus war gut

Wenn man all das bunte Dekor beiseitelegt, bleibt in jedem Film eine einfache Erzählung zurück, in diesem Falle ist es eine Geschichte, die ist so alt und langweilt beinah‘ schon: ’s ist die Erzählung von einer männerverschlingenden Femme fatale.

Wir erinnern uns an Circe, doch ein bayrischer Leitmayr ist leider nicht argwöhnisch wie ein griechischer Odysseus. Kann es sein, die sich bei jeder Gelegenheit selber lobhudelnde Moderne – Fortschritt, Errungenschaften, Wachstum, BMW, Tiefkühltruhe, Gentomate usw. usf. – ist doch nicht auf der Höhe der Zeit? Alles Lüge?

Leistung auf allen Spielfeldern

Das Geschehen ist teils skurril, teils seifenopernhaft aufbereitet, Liebe kann romantisch sein. Es dreht sich um eine Prostituierte. Was schickt sich und was unterlässt man besser? Die Verhältnisse um die Gefallene sind behutsam den Trends der Münchner Schickeria angepasst, wir sehen Fotos von Shibari, Liebesspiel japanisch aufbereitet, Phantasien von männlicher Macht und Herrschaft. Lisa Brenner? »Die war vor vier Jahrn die Größte in München, und jetz a no.«

Herr Feistl, der auch nur Mensch ist, beschreibt Münchner Champions-League-Niveau. Ungetrübt von Menschenhandel und Zwangsprostitution kümmert sich der hochklassige weibliche Profi um die hormonelle Balance einer besserverdienenden Klientel, woraus der Drittligafreier entnimmt, wie kundengerecht das Angebot auch in diesem Sektor ausdifferenziert ist, rein ökonomisch ist die Leistungsgesellschaft der Moderne halt auf allen Spielfeldern akkurat aufgestellt, Ordnung muss sein.

Das hätte man nicht ändern müssen

Sicher, man darf so empört, so unverblümt fragen wie Ivo Batic. »Was hat die Frau mit euch allen gemacht? Ich hab gedacht, ich kenn dich – und jetzt stehst du da wie ein Irrer.« Batic ist stocksauer; realitätsblinde Sehnsüchte, wir erleben das auch außerhalb des Flachbildschirms täglich, spuken in Kindsköpfen jeglichen Alters herum, Kommissar Leitmayr macht sich zum Deppen, ein Odysseus wird er nicht werden. Er wird die Suppe halt auslöffeln, darin ist er konsequent, das Ende wird wenig erfreulich.

Punktabzüge für diesen ›TATORT‹? Femme fatale, gab’s das nicht jüngst als historischen Krimi im Tempel der Königin Nefertari am Oberlauf des Nils, nein, das reißt nicht vom Hocker, doch ›Am Ende des Flurs‹, ehrlich, ist rund und spannend. Ganz zweifelsfrei jedoch Abzüge wegen Waylon Jennings, dieser Schlaftablette, die bislang in Mitteleuropa außer meinem schwerhörigen Nachbarn kaum jemandem bekannt war, das hätte man nicht ändern müssen, der Bayerische Rundfunk, so scheint’s, hat einen Narren gefressen an anästhesierenden Cowboyschmonzetten. Weiteren Punktabzug wegen diverser nervtötender Rückblenden; sie bremsen den Ablauf, sie nehmen Spannung heraus.

Ein illustres Völkchen

Das altväterliche Flair, das sonst gelegentlich auf den Münchner ›TATORT‹ drückt, ist diesmal heraus, der neue Assistent bringt eine steife Brise frischer Luft herbei. Die Kommissare ermitteln über weite Strecken parallel, auch das nicht zum Schaden des Films, das Geschehen läuft flott geradeaus, und hinzu kommt, dass die Verdächtigten –lässt man sie nacheinander in Gedanken Revue passieren – ein originelles, illustres Völkchen abgeben.

Das zeigt sich so bunt wie unverfroren, herrlich gespielt von Franz Xaver Kroetz, am wackeren Toni Feistl. Denn, so der Staatsanwalt mit mahnendem Tonfall, »dieser Mann ist ganz Bayern – Regierung, Wirtschaft und ein paar Millionen Wiesnbesucher«.

Toni Feistl ist sichtlich nicht als Klischee gezeichnet und läuft uns »echt« und glaubwürdig, aber wohl genau deshalb um so schurkischer auf die Flachbildschirme. Das Ende, das ihn ereilt, hat dieser Halunke sich redlich erarbeitet, finden Sie nicht? Wie schön, dass wir uns Gedanken über die Figuren machen können.

| WOLF SENFF

Titelangaben
TATORT ›Am Ende des Flurs‹ (BR)
Regie: Max Färberböck
Ermittler: Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec
So., 4. Mai, 20:15 Uhr

Reinschauen
| Alle Sendetermine und Online-Abruf auf DasErste.de
| Gregor Keuschnig zu Rüdiger Dingemann: »Tatort«-Lexikon
| Rüdiger Dingemann: »Tatort«-Lexikon (eBook)

2 Comments

  1. Mein Senf zu Senff: Schönen Gruß an Ihren schwerhörigen Nachbarn, vielleicht sollte er seine Anlage gelegentlich noch etwas weiter aufdrehen, damit Sie einen besseren Eindruck von Waylon Jennings bekommen. Sie sind jedenfalls der erste mir bekannte Mitteleuropäer, dem zu Jennings das Etikett „Schlaftablette“ einfällt. Immerhin, auch eine Leistung.

    • Mein Nachbar grüßt zurück. Es sei zwecklos, läßt er ausrichten, jemandem, der Percussion liebt und gern auch moderne Norweger hört, einreden zu wollen, daß Waylon Jennings‘ Country-Sound empfehlenswert sei. So ist’s. Nichts für ungut.

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Wider die Tyrannei des einzigen Blickpunkts

Nächster Artikel

Music To Put Hair On Your Chest Pt. 2.

Weitere Artikel der Kategorie »Film«

Auf anspruchsvollem Niveau

Film | TATORT – Eine andere Welt (WDR), 17. November Soll man anfangen mit den Peinlichkeiten Fabers (Jörg Hartmann), die uns befristet aufregen dürfen, bis wir uns am Zügel einer souveränen Regie (Andreas Herzog) hinreichend aufmerksam, erleichtert gar, der Handlung zuwenden? Hm. Ebenso überzeugend ist die Idee, Bildfolgen von Nadine Petzokats (Antonia Lingemann) Mobiltelefon leitmotivisch einzuspielen und damit dem Geschehen ein Gerüst zu verleihen, originell und tragfähig, das die Ereignisse faszinierend ätherisch ausbalanciert. Von WOLF SENFF

Kinder, Kinder

Film | Tatort – Angezählt (ORF), 15. September Angezählt breitet die Odyssee eines Zwölfjährigen aus. »Ich bin Ivo. Ich bin zwölf Jahre alt. Im Sinn §64 StGB ist unmündig. Darf nicht strafen.« Da hat er zweifellos recht. »Er hat niemanden auf der Welt«, so Bibi Fellner (Adele Neuhauser). Da hat sie ebenfalls recht, schon sind wir mittendrin. In Wien wird eine Prostituierte ermordet, die mit Versprechungen aus den verarmten Regionen Osteuropas herbeigelockt wurde. Menschenhandel. Wir sind eine Leistungsgesellschaft. Von WOLF SENFF

Über den Tellerrand blicken!

Kommentar | über die Notwendigkeit einer umfassenden Film-Kritik Einem Artikel auf der Medienseite der SZ vom 9.3. entnehme ich, dass sich deutsche Kleinverleiher – nach der viel beredeten Überproduktionskrise der Degeto – an die ARD in einem Brief gewandt und die Befürchtung geäußert hatten, dass die Sender des 1. Programms nun weniger »Arthouse«-Filme einkaufen würden – wie diese ja auch »kaum noch im Programm des ZDF« vertreten seien. Von WOLFRAM SCHÜTTE

Die Dunkelheit unterm Zucker-Candy – Teil II

Thema | Germany’s Next Topmodel JAN FISCHER hat die erste Folge der neuen Staffel Germany’s Next Topmodel mal gründlich auseinandergenommen. In seinem großen, dreiteiligen Essay findet er unter der bunten Candy-Verpackung der Sendung eine saubere Erzählung von der Dunkelheit am Rande der Stadt.

Dem Hai zum Fraß vorgeworfen …

Film | Im Kino: The Meg Als ein Forschungs-U-Boot angegriffen wird, ist klar: In den Tiefen des Pazifischen Ozeans lauert etwas Großes. Die Zeit für die Crew wird knapp. Manövrierunfähig liegt ihr Hightech – Wasserfahrzeug am Meeresgrund. Ein Fall für einen Tauch- und Bergungsexperten! Doch was dort in der Tiefe passiert, bleibt in der Tiefe! Oder? ANNA NOAH ist gespannt, wie sich die Menschheit diesmal vor der Verderbnis rettet.