Splitter Kino

in Comic

Comic | F. Debois/J-C. Poupard: Jack the Ripper; X. Dorison/R. Meyer: Asgard

Mit dem Label Splitter Double hat der umtriebige Comicverlag aus Bielefeld eine neue Reihe eröffnet, die zweibändige Comicerzählungen in jeweils einem großen Doppelband zusammenfasst, wodurch der Leser erstens etwas preisgünstiger wegkommt und zweitens ein kompakteres Lesevergnügen hat. Mit einem Splitter Double hält man in etwa das Äquivalent eines Kinoabends in den Händen – was sich auch in den ausgewählten Genres widerspiegelt. BORIS KUNZ hat zwei Tickets gelöst.

Jack the Ripper

Jack the RipperEs gibt wohl kaum ein historisches Rätsel, um dessen Lösung die Popkultur so viele Spekulationen angestellt hat, wie die wahre Identität von Jack the Ripper, dem nie gefassten Vater aller Serienkiller. Inspektor Frederick Abberline, der damalige Leiter der Ermittlungen, ist selbst längst zu einer fiktionalen Figur geworden: In dem Kinofilm ›Wolfman‹ macht er Jagd auf Werwölfe, in der hervorragenden britischen Krimiserie ›Ripper Street‹ ist er noch immer besessen davon, Jack the Ripper endlich zu fassen. Auch die französischen Künstler Francois Debois und Jean-Charles Poupard machen Abberline zur zentralen Figur ihres neuen Ripper-Mythos und leiten ihre Story bereits auf den ersten Seiten im Erzähltext mit einer kühnen These ein: »Ich, Frederick Abberline, ich bin Jack the Ripper.«
Zunächst einmal hält sich der Comic nah an die historischen Fakten, die Gottvater Alan Moore in seinem monumentalen ›From Hell‹ zum Allgemeinwissen eingefleischter Comicleser gemacht hat: Mehrere Prostituierte im Stadtviertel Whitechapel werden schrecklich verstümmelt aufgefunden, in London macht sich Angst breit. Der königliche Leibarzt Willliam Gull und sein Kutscher Netley treten recht bald in den Kreis der Verdächtigen – und auch in dieser Geschichte haben sie ihre Finger bei den Morden mit im Spiel. Doch recht schnell stellt sich heraus, dass auch der ermittelnde Inspektor viel intensiver in den Fall verstrickt ist, als die Geschichtsbücher uns lehren: Offenbar sind dem Ripper seine Opfer von einer konkurrierenden, rachsüchtigen Straßendirne zugespielt worden – und bei dieser Elizabeth Foster handelt er sich um keine Geringere als Abberlines Schwester.

Spätestens bei der spektakulären Verhaftung der Mörder am Ende des ersten Teils hat sich der Comic dann von den geschichtlichen Fakten ein gutes Stück weit entfernt. Dennoch liegt die Stärke dieses spannenden Historienthrillers bis dahin in der fundierten Recherche, auf die er sich stützt und die die verbürgten Figuren und Ereignisse in einen neuen Kontext stellen lässt. Dass sich die berühmte Tower Bridge damals im Bau befand, ist Fakt, dass die Baustelle der Schauplatz einer spektakulären Kutschenverfolgungsjagd war, wohl eher weniger…

»Die Aufschlitzer – es gibt noch mehr von ihnen!«

Im zweiten Teil dann betreten wir endgültig das Reich der Fiktion: Obwohl Jack the Ripper offiziell als gefasst gilt, finden sowohl in London als auch in Paris weitere Morde nach dem gleichen Muster statt. Während sich Abberline auf den Weg nach Frankreich macht, wird sein Kollege George Godley in London noch mit einem weiteren, äußerst mysteriösen Todesfall konfrontiert: Ein Mann mit ripper-haft aufgeschlitzten Innereien wird ausgerechnet in einem von innen verschlossenen Kellerraum gefunden. Nun zieht der Comic die Spannungskurve zunächst gründlich an und kombiniert geschickt Rätselspannung und Suspense, Zeitkolorit und Morbidität. Schade ist es dann eigentlich nur, dass der Autor den Clou der Story letztlich schon in der ersten Szene verraten hat. Es bleibt zwar immer noch spannend, wie geschickt es ihm gelungen ist, seine steile These plausibel zu erklären – der gemeine Storytwist, der das hätte werden können, wird allerdings so erheblich abgemildert.

Dafür gelingt es den wunderbaren Zeichnungen von Poupard, den Leser immer wieder in die Story zu ziehen. Wie auch der Autor legt Poupard eine kühne Mischung aus historischer Akribie und künstlerischer Freiheit an den Tag. So kann er natürlich nicht widerstehen, aus allen Huren schöne Frauen zu machen, auch zeichnet er Abberline als sportlichen Schönling mit markantem Kinn statt als schnauzbärtigen Beamten, hat aber dabei doch ein gutes Händchen für lebendige Figurenzeichnung und die morbide Schönheit des Todes. Den Oscar allerdings bekommt er für das Kostüm und das Set-Design. Die detaillierten, stimmungsvollen Straßenansichten von London und Paris bieten den perfekten Hintergrund für diesen düsteren, historischen Psychokrimi. Schönes Bonusmaterial aus der Werkstatt des Zeichners rundet den Band ab.

Asgard

Das Album eröffnet mit einem kleinen Glossar von Wikingerausdrücken. So erfahren wir zum Beispiel: Ein »Drak« ist ein Wikingerschiff und ein »Krokkentödter« ein professioneller Monsterjäger, der sich im Lande der Nordmänner mit allem Geschmeiß herumschlägt, mit dem die zünftigen Krieger dort oben nicht selbst fertig werden. Einer von ihnen, der Krüppel Asgard Eisenfuß, ist der Anführer einer kleinen Gruppe, die aufbricht, um einem besonders widerspenstigen Biest den Garaus zu machen. Doch aus der Jagd nach einem überdimensionierten Aal wird schon bald ein beinharter Kampf ums nackte Überleben.

Asgard doubleDie Story von Xavier Dorison könnte auch das Drehbuch zu einem klassischen B-Movie gewesen sein: »›Jaws‹bei den Wikingern«. Ein Trupp harter Wikingerkrieger und noch härterer Wikingerfrauen macht sich auf, den Krokken zu jagen, ein monströses Biest, das Fischerboote angreift und das von manchen für die Midgardschlange Jörmundgand gehalten wird, die das Ende der Welt einläuten könnte. In einer atemberaubenden Kulisse aus verschneiten und vereisten Fjorden, aus verlassenen Pfahlsiedlungen an felsigen Ufern, aus Flussläufen, die in verzweigten Höhlensystemen enden, spitzt sich die Geschichte in klassischer Dramaturgie zu: Nach und nach beißt ein Jäger nach dem anderen ins Gras, und für die Überlebenden wird der Kampf gegen das Monster noch erschwert durch einen Kampf gegen Kälte und Hunger. Schließlich läuft alles auf einen Showdown zwischen einem Liebespaar und einem Ungeheuer hinaus, der auch noch dramaturgisch so geschickt eingefädelt ist, dass ein Sieg über das Monster für den Helden gleichzeitig auch Heilung von seinen inneren Wunden bedeuten könnte. Klassisches Kino eben – und durchaus nicht so trashig, wie sich das in der Kurzbeschreibung vielleicht anhören mag.

Dennoch hätte es ein solches Drehbuch vermutlich schwer gehabt, das Budget für jene atemberaubenden Bilder aufzutreiben, nach denen so eine Geschichte verlangt. Zum Glück haben Comics es da einfacher. Zeichner Ralph Meyer scheint die cinematographische Nähe des Projektes durchaus bewusst zu sein, und so geht er wie ein guter Filmemacher sparsam mit den Effekten um: Er hebt sich die beeindruckenden, großformatigen Panels für die entscheidenden Momente des Zweikampfes zwischen Asgard und dem Monstrum auf. Die recht klassisch anmutenden Zeichnungen sind in der Ausführung zwar eher solide als wirklich atemberaubend, aber sie erfüllen ihren Zweck und bringen die Story gut voran.

»Wir werden ein größeres Drak brauchen«

Wie auch bei Jack the Ripper endet der erste Teil nicht mit einem Cliffhanger sondern mit einem vermeintlichen Schlusspunkt: Auch hier scheint der Gegner schon besiegt, und man kann an dieser Stelle noch nicht ahnen, dass die Geschichte im zweiten Teil noch einmal richtig an Tempo und Spannung zulegen wird. Eine kluge Entscheidung des Verlages also, diese Storys gleich im Doppelpack zu veröffentlichen.
Ob es sich beim Krokken nun tatsächlich um die mythische Ragnarök-Schlange oder doch nur einen zum Gigantismus neigenden Aal aus dem Südmeer handelt, lässt der Comic offen. Entgegen dem, was der Titel vermuten lässt, wird hier kein nordisches Weltuntergangsszenario erzählt – die Geschichte bleibt bis zum Ende bei ihren Protagonisten, und die mythischen Elemente finden nur über deren Glauben Einzug in die Geschichte. Man hat also kein Fantasy-Album in der Hand, sondern tatsächlich ein historisches Actionabenteuer mit einem großen Monsterfisch.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Francois Debois (Text), Jean-Charles Poupard (Zeichnungen): Jack the Ripper
(Jack l´éventreur 1: Liens du sang, 2: Le protocole hypnos)
Aus dem Französischen von Thomas Schöner
Bielefeld: Splitter Verlag 2013, 112 Seiten, 22,80 Euro

Xavier Dorison (Text), Ralph Meyer (Zeichnungen): Asgard
(Asgard 1: Pied-de-fer 2: Le Serpent-Monde)
Aus dem Französischen von Thomas Schöner
Bielefeld: Splitter Verlag 2013
112 Seiten, 22,80 Euro

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