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Revolutionäre Landkarte

Menschen | Georg Schweisfurth: Die Bio-Revolution

Georg Schweisfurth, Mitinitiator der Herrmannsdorfer Landwerkstätten und der basic AG, macht sich auf die Suche nach dem guten Geschmack. Auf den Spuren der ›Bio-Revolution‹ reist er zu einundzwanzig Bio-Betrieben in Europa, um heraus zu finden, wie ökologisch nachhaltige Landwirtschaft wirklich funktionieren kann. ›Die erfolgreichsten Bio-Pioniere Europas‹ liefern ein beeindruckendes Zeugnis dafür, wie die landwirtschaftliche Zukunft aussehen könnte. VIOLA STOCKER ließ sich aufklären.

Georg Schweisfurth: Die Bio-RevolutionZugegeben, die hochtrabenden Versprechungen des Klappentextes sind nicht zu erfüllen. Es ist von Lösungsansätzen die Rede, welche die ökologischen Krisen unseres Planeten überwinden könnten. Klimawandel, Lebensmittelskandale, genmanipuliertes Saatgut. Auch Georg Schweisfurths Tour de Force durch Europa liefert keine Antworten auf dringende Fragen. Insofern bleibt das Buch weit hinter den eigenen Ansprüchen zurück. Aber es wäre wohl auch zu viel verlangt, vom Autor Wunder zu erwarten, die ein ganzer Stab von Ökonomen und Klimaforschern nicht vollbringen können.

Zögernder Einstieg

Dennoch liest sich Georg Schweisfurths Reise durch Europas Biobetriebe wie ein fantastisches Märchen. Um zu verstehen, wie die meisten Biolandwirte organisiert sind, gibt Schweisfurth zu Beginn einen kurzen Überblick über seine Hauptargumente. Wirtschaftliche Gegenentwürfe zum Wachstumspostulat stehen hier an vorderster Stelle, zusammen mit der sogenannten Retro- Innovation: zu sehen, was die Vorväter besser konnten und genau das an die Gegenwart anzupassen. Ingenieursschelte ist ebenfalls ein Thema, wobei man hier noch stark das Gefühl von klischeebehafteter Argumentation hat.

Es sind dies Thesen, die weder neu noch revolutionär sind. Rohstoffausbeutung, Land Grabbing, die Abhängigkeit von Nahrung und Erdöl und die Zunahme der Müllproduktion geistern immer wieder durch die Schlagzeilen. So lesen sich die ersten Seiten in ihrer Informationsdichte etwas quälend. Interessierte Leser wissen möglicherweise längst Bescheid und tiefergehende Erörterung ist auf nur dreissig Seiten schlecht machbar. Aber es bleiben ja noch weitere 200 Seiten zu durchschmökern.

Spannende Reise nach Utopia

Wirklich spannend wird es, wenn Schweisfurth die einzelnen Unternehmer besucht und zu Wort kommen lässt. Alle hergebrachten Vorurteile werden hier Lügen gestraft. Sämtliche Lebenswege sind zu finden. Da gibt es Biobauern, die seit Familiengenerationen nichts anderes als Biolandwirtschaft betreiben und auch die Quereinsteiger, die Geisteswissenschaften studierten, bis sie ihre Biographie in eine andere Richtung führte.

Als Leser darf man sich auf abwechslungsreiche Stationen quer durch Europa freuen. Es wird mit Roswitha Huber eine Bäuerin und Brotbäckerin vorgestellt, die auf einer Alm Kindern und Erwachsenen zeigt, wie man Bauernbrot bäckt. In den Schweizer Alpen lebt ein Paar, das sich dem Käsen mit Milch von Biokühen verschrieben hat und offenbar vorzüglichen Käse herstellt. Es ist aufregend, zu sehen, nach welchen Prinzipien solche Menschen leben und wirtschaften und wie gut sich auch Privates mit Geschäftlichem verbinden lässt.

Von Nord bis Süd Erfolg

Faszinierend auch die Landwirte in Südeuropa, die sich den angestammten Kulturlandschaften widmen und sich dem Arterhalt verschrieben haben. Zwei Deutsche haben ein Stück spanische Dehesa in Andalusien gekauft und erhalten damit eine weltberühmte Kulturlandschaft mitsamt Flora und Fauna: denn das dort autochthone Ibérico-Schwein liefert weltbekannten Schinken und hilft beim Rekultivieren der Dehesa.

Um das Wiederbeleben fast vergessener autochthoner Sorten geht es auch auf Mallorca, wenn statt beliebter Modeweine jene Rebsorten gezüchtet werden, die für Generationen auf der Insel wuchsen und an Witterung und Klima angepasst waren. Erhalt und Entwicklung, dies scheinen die treibenden Motive für viele der vorgestellten Bio-Revolutionäre zu sein. Dem Land wiedergeben, was dorthin gehört und dies so weiter zu entwickeln, dass Landwirtschaft auch für kommende Generationen nachhaltig bleibt.

Vom Außenseiter zum Mainstream

Wie so oft haben auch in Sachen ökologischer Landwirtschaft die skandinavischen Länder eine Vorreiterrolle übernommen. Biobauern in Schweden und Dänemark werden vorgestellt, deren Popularität ihnen längst den Weg in die Medien geebnet hat, und deren Bewirtschaftungsmodell beispielhaft für die ökologische Landwirtschaft in Nordeuropa geworden ist. Direktvermarktung heißt oftmals das Zauberwort, zusammen mit einer starken Identifikation mit dem Kunden. Viele Landwirte betreiben auf ihrem Hof zusätzlich Hofladen, Metzgerei und Gastwirtschaft.

Was Georg Schweisfurth somit auf 200 Seiten anschaulich zeigt, ist, dass ökologisches und nachhaltiges Wirtschaften keineswegs ein Hirngespinst von wenigen technikfeindlichen und rückwärtsgewandten Nachfahren der 68er-Generation ist. Es wird ein starkes Gefühl dafür vermittelt, dass eben dieser Wirtschaftsweise die Zukunft gehören muss und dass alle Bestrebungen, diese Modelle flächendeckend umzusetzen, zu unterstützen sind. Grundlegende fachwissenschaftliche Fragen sollte man sich dennoch lieber von Spezialisten beantworten lassen.

| VIOLA STOCKER

Titelangaben
Georg Schweisfurth: Die Bio-Revolution. Die erfolgreichsten Bio-Pioniere Europas
Wien: Christian Brandstätter Verlag 2014
304 Seiten. 22,50 Euro

Lesung
4. Juni 2014, 19 Uhr
Buchpräsentation und Diskussion: »Biorevolution und Bio 3.0 – Wohin geht die Reise für die Biolebensmittelwirtschaft?«
Südliches Schloßrondell 1
80638 München
Anmeldungen bitte bis 30. Mai telefonisch unter 089-17 95 95 11 oder per E-Mail: veranstaltungen@schweisfurth.de

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Schweisfurth-Stiftung

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