Das Wasser fließt vom Gebirge ins Meer

in Brasilien 2014

TITEL-Thema | Brasilien 2014

Nein, ich muss um Nachsicht bitten. Ja, genau, was die Irrenärzte betrifft. Man vertut sich schon mal. Richtig ist, dass es Irrenärzte einfach nicht mehr gibt. Wer ›Irrenarzt‹ eintippt, den reicht Wikipedia automatisch zu ›Psychiater‹ weiter. Echt. Gibt null Erklärung, wird glatt so weitergereicht. Tatsache. Woanders steht was von ›Geusenwort‹ und von ›Euphemismus-Tretmühle‹. Gut, wir wollen es nicht drauf ankommen lassen, doch dass man sich wundert, das wird erlaubt sein. Von WOLF SENFF

Brasilienlogo_linseIrre, oder? Ich mein‘, dass es keine Irrenärzte mehr geben soll. Angeblich. Man könnte glatt Tränen vergießen über all die allein zurückgebliebenen Irren. Nein, im Endeffekt glaub‘ ich’s nicht, kein Stück, und wenn du nur bisschen drüber nachdenkst – das kann gar nicht sein. Völlig unmöglich.

Eher doch Gefängnis

Freund von mir steckten sie, da er zwei Wochen auf seine Prostataoperation warten musste, er ging auf die Sechzig, in die Psychiatrie – aber wie ratzfatz war er da raus aus dem Alltag, er hat’s nie kapiert, und übers Wochenende durfte er überhaupt nur nach Hause, sofern ich ihn in der Station abholte und dort wieder ablieferte. Gesichtskontrolle. Nein, Psychiatrie ist keine Irrenanstalt, eher Gefängnis. Meinen Freund brachten sie dort unter, weil sie einen Platz belegt haben wollten, so etwas kommt vor, auch Krankenhaus muss rechnen.

Wenn du in der Geriatrie in einen falschen Korridor abbiegst, findest du dich im geschlossenen Bereich, Geriatrie ist für Leute wie Blatter, die außer Mammon nichts raffen. Das sind die ersten, die einen Arzt dringend nötig hätten. So Leute, die den Anschluss verpassen und lebenslang an ihren Sesseln kleben, während die bucklige Verwandtschaft längst auf das Erbe bibbert, und denen es gleichgültig ist, dass das schöne Spiel durch sie in Verruf kommt.

Vom Schalker Kreisel

Nein, unseren Irrenarzt geben wir nicht her, der war letztes Mal da, der bleibt bis zum Finale, er ist der letzte seiner Art. Klar, sagt er, es herrsche eine erschütternde Begriffsverwirrung, eine Schwemme englischsprachiger Neologismen halte Einzug in der Ökonomie. Eine Flut von Sprachingenieuren lässt Kreativität einfließen, gern gendermäßig gefärbt, die oh oh die Sprache allen Ernstes verbessern soll, wohin wird das führen, es stiftet Verwirrung und ändert nix.

Fußball?, fragt er und kommt zum Thema, auch Fußball bleibe nicht frei davon. Der berühmte ›Schalker Kreisel‹ sei, Ernst Kuzorra, Fritz Szepan, in den dreißiger, vierziger Jahren überaus erfolgreich gewesen: Schnelle kurze Pässe, aktives Freilaufen der Mitspieler. Moment mal bitte! Kenn wir das? Genau! One-Touch-Fußball! FC Arsenal! FC Barcelona! Jupp Heynckes!

Ein bisschen irre ist das schon

»Früh stören«, habe man sich einst auf dem Bolzrasen zugerufen, also eingreifen und verhindern, dass der Gegner sein Spiel ruhig und kontrolliert aufbaue, Jahre sei das her. »Ball erobern!«, hieß es: »Stürmen! Angreifen!« Dasselbe werde heute gewichtig, mit Pomp und selbstverliebter Jogi-Löw-Attitude, ach bohrt er wieder in der Nase, als ›Pressing‹, als ›Gegenpressing‹, als ›Umschaltspiel‹ hochgejazzt.

»In die Gasse spielen« hieß es, wir spielten »in den freien Raum« und »legten steil vor« – die Worte seien ausgewechselt, sonst nichts. Unser Arzt schmunzelt. Wer solle damit hinters Licht geführt werden? Ein bisschen irre sei das schon. Werde halt professioneller Betrieb vorgegaukelt und reichlich Alarm, sagt er, der Flachbildschirm müsse flackern, müsse blitzen, auf dass die Kids sich freuen. Die Farben wechseln rasant, hier ziehe der Bär die Schuhe aus, man denke nur an die Eröffnungsfeier, während real sich gar nix bewege und null sich ändere.

Neugierig auf die Spiele

Wer das Spektakel verstehen wolle, sagt er, jedes Mal und überhaupt, der müsse sich in jedem Fall darauf einlassen, dass er mit Fußballtheorie neu von vorn beginne, der Wortsalat werde ständig frisch angerichtet und aufgetischt, Dressing nach Wahl, und was ein Haken werden wolle, das krümme sich eh beizeiten, gar keine Frage, sei noch kein Meister vom Himmel gefallen oder von sonst woher, oder so ähnlich, egal.

Na sind wir mal neugierig auf Spiele, sagt der Herr Doktor, das Wasser fließe unverändert vom Gebirge ins Meer. Nein, Teilriss der Syndesmose, das falle nicht in seine Zuständigkeit, er sei hier lediglich der Irrenarzt, der ultimative, gerne doch.

| WOLF SENFF

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Ich akzeptiere die Datenschutzhinweise.

Zuletzt erschienen in Brasilien 2014

Gehe nach oben