Fotzelschnitten und Psychowracks

Roman | Wolfgang Bortlik: Arme Ritter

Wir schreiben das Jahr 1974: Kommunen, freie Liebe und der Kampf gegen das System stehen bei vielen Jugendlichen an der Tagesordnung. So geht es auch einer Vierer-WG, die für den politischen Zweck eine Kreissparkasse in Oberbayern überfällt. Doch was nun? Bis sie sich entscheiden, verstecken sie das Geld erst einmal bei Oma. Aber dann ist das Geld weg, samt einem der Bewohner. Die Gruppe trennt sich, jedoch ist damit die Sache noch lange nicht erledigt. Denn bis in das Jahr 2010 wirft das Ereignis seine Schatten … Bortliks neuer Roman ›Arme Ritter‹ über alternde Altlinke und Idealismus wurde in der Presse hochgelobt, zu Recht? Von TANJA LINDAUER

CC_Bortlik_Ritter_125
1974 – Umsturz der ungerechten Gesellschaft: »Die Banken sind noch keine schusssicheren Glasfestungen. Das Personal ist nicht geschult, wie es sich bei Überfällen verhalten soll. Die aus der Sommerruhe gerissene Provinzpolizei hält überhaupt nichts von Eile, von Straßensperren oder von großflächigen Suchaktionen. Und überhaupt, was ist schon ein Banküberfall gegen die Eröffnung einer Bank?«

Die vier WG-Bewohner Rademacher, Ziegler, Schott und Gerda wollen das System aufrütteln, dazu benötigen sie das nötige Kleingeld, was liegt also näher, als eine Bank zu überfallen? Nach der Aktion werden dann erst einmal Arme Ritter zubereitet. So süß wie die Revolution. Das »perfekte proletarische Mahl. Zwei, drei Tage altes Weißbrot oder Semmeln in Milch und Ei eingelegt und in Butter gebraten. Danach mit Zimt und Zucker bestreut oder zu Kompott, ein Gericht wie die Revolution, süß und sättigend.«

Aber nach dem Überfall werden sie nervös: Was, wenn sie doch auffliegen? Also wird das Geld erst einmal bei Rademachers Oma im Keller versteckt. Dann verschwindet die Beute, samt Rademacher. Schott ist außer sich und auch Ziegler kann sich ebenso wenig beruhigen. Und dann will Gerda auch noch eine Beziehungspause. Und so packt Ziegler seine Koffer und kehrt zurück in die Schweiz.

Hämorriden und alte Parolen

Schnitt. 2010: Den betagten Ziegler, Ex-Musikproduzent, plagen schon seit langem Hämorriden. Revolution und Widerstand waren einst die Parolen, an die sich der Altlinke immer noch klammert. »’Neues Schaffen heißt Widerstand leisten! Widerstand leisten heißt Neues schaffen!’ liest er, schöne Worte, aber er kann mit dieser Parole nichts anfangen. Die ist ihm zu einfach, zu nebulös. […] Er muss noch einmal furzen und legt die Broschur zur Seite.“ Diese Parolen kennt Ziegler nur all zu gut, denn schon vor 36 Jahren galten sie.

Beinahe schwelgt er in Nostalgie, wären da die nicht die Vorfälle von 1974, die immer wieder hochkochen. Im Wechsel zwischen heute und Rückblenden zu damals wird nun erzählt, was in den letzten Jahrzehnten geschehen ist. Ziegler erinnert sich: Zwölf Jahre später besuchte ihn Gerda, die immer noch auf Rache aus war. Schott, der Künstler war, kam unter mysteriösen Umständen ums Leben. Schnell waren sich beide einig: Dahinter kann doch nur Rademacher stecken. Und so machte sich das einstige Liebespaar auf, den vermeintlichen Mörder zu stellen. Doch Ziegler kneift (erneut) und kehrt zurück in sein heimeliges Umfeld. Zwölf Jahre später kommt auch Gerda ums Leben. Doch an einen Unfall glaubt man nicht so recht. Steckt Rademacher dahinter? Wird Ziegler jetzt der Nächste sein?

Lost Generation?

Im Hier und Jetzt fährt Ziegler mit seiner neuen Anzeigenbekanntschaft Eva nach Paris, sie ist Lehrerin am Gymnasium, eine sichere Bank, denn Zieglers Reserven sind bald aufgebraucht. Doch es kommt ganz anders. Denn die beiden verbliebenen »armen Ritter«, Rademacher und Ziegler, treffen hier in Paris aufeinander. Und die Ereignisse der Vergangenheit können endlich aufgeklärt werden. Weder Ziegler noch Rademacher haben nach dem Überfall wirklich etwas auf die Reihe bekommen.

Mit knapp 60 schlagen sie sich immer noch mehr schlecht als recht durchs Leben. Rademacher fuhr unter falschem Namen als LKW-Fahrer in Tessin und Ziegler produzierte Musik für Yogastudios, doch der Erfolg schwand. »Wir sind eigentlich nur biologisch alt, sonst sind wir berufsjugendliche Psychowracks. […] Ich habe mir lange überlegt, wie beispielsweise meine Altenversorgung aussieht […] Ich sage dir, es gibt nur eines, das optional sicher ist. Das Verbrechen«, so Rademacher.

Und so raufen sich diese Psychowracks noch einmal zusammen und landen einen großen Coup, der den Leser jedoch nicht so recht überzeugen kann. Wie können zwei alternde Altlinke, die durch ihr Leben stolpern, mit so einem genialen Streich davonkommen? Und auch wenn das Ende nicht ganz überzeugt, so hat Bortlik einen launigen Roman geschrieben, der kurzweilig ist und das eine oder andere Lächeln auf die Lippen zaubert. Die Zeitsprünge und Perspektivwechsel kann der Autor gekonnt in seinen Roman verweben, ohne dass man während der Lektüre verwirrt wird.

Süß und sättigend wie Arme Ritter ist Bortliks Schelmenroman, der dem Leser ein kurzweiliges Vergnügen bereitet.

| TANJA LINDAUER

Titelangaben:
Wolfgang Bortlik: Arme Ritter
Hamburg: Edition Nautilus 2014
160 Seiten. 19,90 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Heftiger Wellenschlag

Nächster Artikel

Mir graut vor euch

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Ich will mein eigener Freund sein

Roman | André Heller: Das Buch vom Süden »Es ist die Geschichte eines Menschen auf der Suche nach der angstlosesten Form seiner selbst.« Mit diesen Worten hat André Heller kürzlich seinen eigenen Roman Das Buch vom Süden, das soeben im Wiener Zsolnay erschienen ist, beschrieben. Mit nun fast 70 Jahren hat der Wiener Universalkünstler (Chansonnier, Theatermacher, Gartenkünstler, Entertainer und Feuerwerker) nach den Erzählungen Schlamassel (1993) und Wie ich lernte, bei mir selbst zu sein (2008) ein stark autobiografisches Sehnsuchtsbuch vorgelegt, eine pathetische Hymne auf das Unkonventionelle. Gelesen von PETER MOHR

Keine Leiche, kein Verbrechen

Menschen | Zum 80. Geburtstag von António Lobo Antunes erscheint der Roman ›Die letzte Tür vor der Nacht‹

Seit mehr als zwei Jahrzehnten wird sein Name im Herbst stets hoch gehandelt, wenn das Rätselraten um die Verleihung des Nobelpreises in die heiße Phase geht. Nun ist der 29. Roman des Portugiesen António Lobo Antunes erschienen, der am 1. September 1942 im durch den Fußball bekannten Lissaboner Vorort Benfica als Sohn eines Arztes geboren wurde und selbst viele Jahre als Chefarzt einer psychiatrischen Klinik gearbeitet hatte. Von PETER MOHR

Anders als die Anderen

Roman | Steffen Schroeder: Der ewige Tanz

Halbseidene Etablissements, Morphium- und Kokainexzesse, Affären mit beiden Geschlechtern – das war die Welt der Tänzerin Anita Berber. Der Autor Steffen Schroeder lässt in der ausschweifenden Romanbiographie Der ewige Tanz ihr selbstzerstörerisches Leben zwischen Ekstase, Euphorie und Eigensinn wieder aufscheinen. Von INGEBORG JAISER

Hilla in der großen bösen Welt

Roman | Ulla Hahn: Spiel der Zeit »Bitte nie vergessen: Ich habe einen Roman und keine Autobiografie geschrieben. Jeder weiß, wie Erinnerung funktioniert und wie trügerisch sie sein kann«, hatte Ulla Hahn kürzlich in einem Interview nach Erscheinen ihres dritten, stark autobiografischen Romans ›Spiel der Zeit‹ erklärt. Mit diesem opulenten Erzählwerk knüpft die einst von Marcel Reich-Ranicki als Lyrikerin geförderte Autorin beinahe nahtlos an die umfangreichen Vorgängerwerke an, den 500.000mal verkauften und später unter dem Titel ›Teufelsbraten‹ verfilmten Roman ›Das verborgene Wort‹ und den zweiten Band ›Aufbruch‹ (2009). Einen vierten Band hat Ulla Hahn bereits angekündigt. Von PETER MOHR

Aggression nach außen

Roman | Michael Kumpfmüller: Ach, Virginia

»Liebster, ich bin mir sicher, dass ich wieder wahnsinnig werde, ich kann nicht länger dagegen ankämpfen«, lässt Michael Kumpfmüller in seinem neuen Roman seine Hauptfigur, die weltbekannte Schriftstellerin Virginia Woolf (1882-1941) klagen. Der 58-jährige Erfolgsautor Kumpfmüller, der erst im Alter von fast vierzig Jahren mit seinem von der FAZ damals vorab gedruckten Romanerstling Hampels Fluchten debütiert und zuletzt mit Nachfolgewerken wie Die Erziehung des Mannes (2016) und Tage mit Ora (2018) respektable Erfolge gefeiert hatte, widmet sich künstlerisch nun zum zweiten Mal einer Lichtgestalt der Weltliteratur. Vor neun Jahren ließ er uns in Die Heimlichkeit des Lebens an seiner Annäherung an Franz Kafka teilhaben. Von PETER MOHR