Blicke ins eiserne Kästchen

Kinderbuch | Kathi Bhend: Der goldene Schlüssel Nr. 2

Viele werden es kennen, das Märchen ›Der goldene Schlüssel‹, das ab dem zweiten Teil der Erstauflage von 1815 der Märchensammlung der Brüder Grimm immer an letzter, ab der vorletzten Auflage von 1850 an 200. Stelle zu finden war. Es gehört zu den Neckmärchen, die die Zuhörenden neugierig machen, mit ihren Erwartungen spielen und dann: Schluss. ANDREA WANNER freut sich, dass sie jetzt doch einen Blick ins Kästchen werfen darf.

cov_978-3-314-10252-3.inddBei den Brüdern Grimm will sich ein armer Junge, der Holtz auf einem Schlitten transportiert, mitten im Winter an einem Feuer wärmen. Unter dem Schnee findet er einen kleinen goldenen Schlüssel und unter der Erde ein eisernes Kästchen. Er und die Zuhörenden warten gespannt auf die kostbaren Dinge, die er in dem Kästchen finden wird – allerdings bricht das Märchen an genau der Stelle ab, wo er den Schlüssel ins Loch steckt und umdreht. Wir werden aufgefordert zu warten, bis er es geöffnet hat – und der Frust ist vorprogrammiert. Käthi Bhend nennt ihre Geschichte ganz unaufdringlich ›Der goldene Schlüssel Nr.2‹ Hauptfiguren sind eine alte Frau und eine dicke, schwarze Katze. Es ist nicht Winter, sondern Herbst. Die Blätter fallen von den Bäumen und die beiden machen einen Spaziergang ins Schloss zu Frau Flora. Die händigt ihnen den goldenen Schlüssel aus, mit dem das Abenteuer beginnt.

Es ist nicht weniger allegorisch als das der Brüder Grimm. Auch hier wird der Schlüssel zu einem Symbol, die Frage nach den Schätzen zu einer existenziellen. Die alte Frau verwandelt sich in ein junges Mädchen, der Weg führt über einen Kaninchenbau – Alice lässt grüßen – in eine magische Welt, wo Löwen über den Schatz wachen. Alles ist voller Zauber, Anspielungen, Wunder. So wie immer bei Käthi Bhend, deren Bilderbücher eine eigene Magie besitzen.

Frau Floras Magie zaubert Blüten in den Herbst, und wenn dann auch hier der Winter kommt, bleibt die Erinnerung an den Frühling und Sommer, trägt die alte Frau ihre eigene Jugend für immer in sich. Die schlafenden Löwen werden wach und lassen sich graulen; Riesenpilz wachsen über die Buchseiten; die Brüder Grimm wachen zu Säulen geworden über den Märchenschatz, der voller Wahrheit und immerwährender Gültigkeit steckt. Am Ende schließt sich der Kreis, das Kind ist wieder zur alten Frau geworden. Staunend folgt man den Seiten, lässt sich hineinziehen in die Ungeheuerlichkeit der Geschichte, die ohne Worte erzählt. Doch Worte gibt es auch. Gut versteckt, wie ein Rätsel. So wie das ganze Buch voller Rätsel ist. Wunderschön. Für die Kleinen und die Großen. Und was steckt nun tatsächlich in dem Kästchen? Kathi Bhend lässt uns von wunderbaren Dingen träumen, ohne Eindeutigkeit, genau so, wie Märchen sein sollen.

| ANDREA WANNER
Titelangaben

Kathi Bhend: Der goldene Schlüssel Nr. 2
Zürich: NordSüd 2014
32 Seiten. 15,99 Euro
Bilderbuch ab 5 Jahren

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