Warmherzige Geistergeschichte

Kinderbuch | Katarina Genar: Der rubinrote Mantel

Herbstzeit – Gespensterzeit, da kommt das spannende Buch der jungen schwedischen Autorin Katarina Genar ›Der rubinrote Mantel‹ gerade richtig. Von MAGALI HEISSLER

Katarina-Genar-Der-rubinrote-MantelEs beginnt in der Nacht vor Livias elftem Geburtstag. »Ein Traum«, denkt Livia, aber war es wirklich einer? Da stand plötzlich ein Mädchen und sagte einen ganz altmodischen Satz. Habe die Ehre zum Geburtstag …
Früh am nächsten Morgen ist das vergessen, obwohl es ein bisschen altmodisch weitergeht. Unter den Geschenken ist nämlich ein Mantel. Er ist glockig geschnitten, hat schwarze Samtknöpfe und ist aus weichem rubinrotem Stoff. Livia verliebt sich sofort in ihn. Dass er aus einem Antikladen stammt, stört sie kein bisschen.

Auch ihre beste Freundin Klara findet den Mantel wunderbar. Natürlich darf sie ihn anprobieren. Aber der Mantel ist ihr viel zu eng, obwohl Klara und Livia die gleiche Figur haben. Schlimmer noch, Klara findet ihn rau und kratzig. Fast bekommen sie Streit deswegen. Ärger gibt es auch beinahe beim Geburtstagskaffee, Livia kommt zu spät nach Hause. Ihr üblicher Weg von der Schule über den Friedhof hat ausgerechnet an diesem Tag viel länger gedauert. Ohne dass sie es erklären könnte, stand sie auf einmal an einem halb vergessenen Grab. ‚Elin‘ steht auf dem Grabstein, die Jahreszahlen zeigen, dass Elin nur elf Jahre als geworden ist. Genauso alt, wie Livia es ist.
Das ist nicht das einzige seltsame Zusammentreffen. Das muss etwas zu bedeuten haben, denkt Livia, und macht sich auf die Suche nach Elins Geschichte.

Wenn die Vergangenheit spricht

Genar verbindet mit einfachen Mitteln Vergangenheit und Gegenwart, ein alter Kindermantel, ein halb vergessener Grabstein, ein kleines Mädchen von heute, das alt genug geworden ist, sich mit der Welt außerhalb der Familie auseinanderzusetzen. Tatsächlich entdeckt Livia bei ihrem Nachforschen über die rätselhafte Elin eine andere Lebenswelt, die so weit von der unseren gar nicht entfernt ist: Die Umgebung ist die einer Stadt, es elektrisches Licht, Fabriken, Straßenlaternen. Aber auch Armut und Krankheiten, an denen die Armen sterben, nicht wenige schon als Kinder. Auch die gesellschaftlichen Verhältnisse sind noch anders. Alleinerziehende Mütter hatten es damals ungleich schwerer. Das alles erzählt die Vergangenheit in Form eines geheimnisvollen Tagebuchs. Livia und mit ihr die jungen Leserinnen werden so mit ernsthaften Problemen konfrontiert, ein wichtiger Beitrag beim Aufwachsen.

Nicht romantisch-sentimental

Die Geistergeschichte ist keine romantisch-sentimentale Albernheit zum bloßen Zeitvertreib. Im Gegenteil geht es um Verantwortung und Freundschaft, um Liebe und Liebesgaben. Die können auch vergeblich sein oder für den gegebenen Moment zu spät kommen. Die Trauer darüber muss man ertragen. Hoffnung macht Genar dadurch, dass sich Missverständnisse eines Tages doch noch klären lassen. Das gibt dieser Geschichten ihren warmherzigen Ton.

Die Herbstatmosphäre ist berückend beschrieben, Kühle und Wärme, Dunkelheit und Licht, Düsternis und Farbigkeit der Welt wie der Menschen untereinander. Der tiefrote Mantel ist einer der leuchtenden Flecken, die Wärme und Liebe symbolisieren. Der sehr attraktiv gestaltete Einband von Lina Bodén spielt gleichfalls mit diesen Motiven.

Livia, die sich auf Elins Spuren begibt, sieht sich auch mit der Frage nach dem Tod konfrontiert. Er ist unausweichlich, traurig, aber es gibt Trost. Angst macht er an keiner Stelle, so wie auch die übersinnlichen Geschehnisse nicht furchterregend sind. Hier soll nicht zerstört, sondern aufgebaut werden, eine Verbindung geschaffen zwischen gestern und heute, zwischen Jung und Alt.
Verpackt ist das alles in einem spannenden Abenteuer mitten im ganz normalen Kinderalltag. Erzählt wird mit leichter Hand, aber nie oberflächlich. So zeichnet das kleine Buch genau die richtige Mischung zwischen Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit, Traum und Realität aus.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Katarina Genar: Der rubinrote Mantel
(2012 Den magiska kappan, übers. von Susanne Dahmann)
124 Seiten. 12, 90 Euro.
Stuttgart: Urachhaus 2014
Kinderbuch ab 9 Jahren

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Historische Arbeit mit Gegenwartsbezug

Nächster Artikel

Finstere Pläne und rosarote Träume

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Sind wir nicht alle ein bisschen Jandl?

Kinderbuch | Carson Ellis: Wazn Teez? Es frühlingt. Vielleicht noch nicht so ganz richtig, aber das erste winzige Schneeglöckchengrün guckt schon vorwitzig aus Schneeresten. Da fragt sich mancher erstaunt ›Wazn teez?‹ Von ANDREA WANNER

Immer einfacher, immer schneller

Kinderbuch | Yvonne Rogenmoser: Über den Gotthard Flüsse und Täler, Wälder oder Berge haben Menschen noch nie daran gehindert, sie zu durchqueren, ganz gleich, wie groß oder auch gefährlich das Hindernis war. Dafür haben sich Menschen immer viel einfallen lassen. Die Aufgabe scheint zu lauten, Wege immer schneller und einfacher passierbar zu machen. Ein solcher Weg führt über den Gotthard-Pass. Yvonne Rogenmoser erzählt seine lange Geschichte in bunten Bildern für die Kleinen. Von MAGALI HEISSLER

Von dem Problem, nicht müde zu werden

Kinderbuch | Catherine Rayner: Arlo kann nicht schlafen

Das ist überhaupt nicht so lustig, weder für Tiere noch für Menschen: Wenn man einfach nicht schlafen kann. Wenn man zwar müde ist, hundemüde, aber die Augen einfach nicht zufallen wollen. Und wenn wir das Problem schon kennen, wie soll es da erst einem Löwen, einem großen, wilden Löwen zumute sein? BARBARA WEGMANN schaut, ob es da eine Lösung gibt.

Auf dem Holzweg

Kinderbuch | Klaus Cäsar Zehrer: Das längste Tier der Welt

Wer das Cover anschaut, glaubt sicher die Lösung des Rätsels bereits gefunden zu haben: Das längste Tier der Welt muss das sein, dessen Kopf man auf dem langen Hals gar nicht sieht. Oder? ANDREA WANNER war überrascht vom Ergebnis der fantasievollen Geschichte.

»Als ich neun Jahre alt war, wurde ich von einem Gorilla adoptiert«

Kinderbuch | Frida Nilsson: Ich, Gorilla und der Affenstern Jedes Auftauchen eines Autos bedeutet für die 51 Kinder aus dem Waisenhaus Rainfarn die Hoffnung mitgenommen zu werden in ein anderes, besseres Leben. Für Jonna mit den ewig ungewaschenen Händen wird das wohl immer ein Wunschtraum bleiben. Aber bereits der erste, verblüffende Satz dieser Geschichte verrät, dass ihr ein anderes Schicksal beschieden ist. Von ANDREA WANNER