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Die Heiligen der Schattenbibel

Roman | Ian Rankin: Schlafende Hunde

Nach seinem Intermezzo bei den Cold Case Units (Mädchengrab, 2013) ist John Rebus im neuen Roman von Ian Rankin zurück an seiner alten Wirkungsstätte. Allein rangmäßig ging es ein Stück bergab mit ihm. Als Detective Sergeant ist er plötzlich seinem einstigen Schützling Siobhan Clarke unterstellt. Doch mit der kommt er klar. Dagegen machen es ihm Dienststellenleiter Page und der von Generalstaatsanwältin Macari auf eine Gruppe von ehemaligen Polizisten angesetzte interne Ermittler Malcolm Fox erheblich schwerer. Denn Rebus war ein Teil jener verschworenen Gemeinschaft, die sich den Namen »Die Heiligen der Schattenbibel« gegeben hatte. Von DIETMAR JACOBSEN

RankinEtwas ist im Busch, als John Rebus in den Polizeidienst zurückkehrt. Schottland befindet sich im Unabhängigkeitskampf – Yes- und No-Kampagnen spalten das Land. Und während man sich auf eine Zukunft im Vereinigten Königreich oder unabhängig von diesem vorbereitet, gewinnt die Vergangenheit immer mehr an Bedeutung.

Auch für Rebus rücken jene frühen 80er Jahre, da er sich als Frischling im Polizeirevier Summerhall seine ersten Sporen verdiente, plötzlich in den Fokus. Denn die alten Kollegen sind dabei, die Reihen wieder fester zu schließen. Und die ehrgeizige Generalstaatsanwältin Elinor Macari hat sich vorgenommen, auf einer neuen Gesetzesgrundlage und mithilfe des internen Ermittlers Malcolm Fox jene Summerhall-Verschwörung endlich aufzudecken, die vor dreißig Jahren den beteiligten Polizisten nicht nachzuweisen war. Doch zunächst hat sich der Rückkehrer um einen Verkehrsunfall zu kümmern.

Wenn die Vergangenheit zurückkehrt

Dass in einem Roman von Ian Rankin auch die scheinbar unwichtigsten Nebensächlichkeiten irgendwann bedeutend werden, wissen seine treuen Leser längst. Und so verwundert es nicht, dass die Ermittlungen in dem Fall von Fahrerflucht, der ein junges Mädchen fast das Leben kostet, Rebus und Clarke schon nach kurzer Zeit in Kreise führen, die nicht daran interessiert sind, dass ihnen die Polizei allzu genau auf die Finger schaut. Korrupte Politiker, intrigante Großindustrielle, Drogenbosse und Kleinkriminelle, allesamt gut miteinander vernetzt, tun alles, um nicht ins Rampenlicht zu geraten, sondern ihre Geschäfte in einem Schattenreich abzuwickeln, in das sie auch die staatlichen Untersuchungsbehörden nicht gerne hineinsehen lassen.

Als freilich das Haupt der schottischen Yes-Kampagne, Justizminister Patrick McCuskey, ermordet wird und sich herausstellt, dass dessen Sohn Norman der Freund eben jener in der Nähe von Edinburgh verunglückten Frau war, haben der Detective Sergeant und seine junge Vorgesetzte einen Zusammenhang entdeckt, an dem sie sich festbeißen können bis zur Lösung beider Fälle.

Seinen Ruf, ein grundehrlicher Mensch zu sein, der, wenn es um Recht und Gerechtigkeit geht, auch vor seinen ehemaligen Kollegen nicht einknickt, beweist Rebus, indem er sich neben den aktuellen Ermittlungen noch Malcolm Fox zur Verfügung stellt, um dem zu helfen, hinter das Geheimnis der »Heiligen der Schattenbibel« (»Saints of the Shadow Bible«) zu kommen. Er selbst gehörte einst zu jenen Polizisten, die sich diesen hochtrabenden Namen gaben, einer verschworenen Gruppe von Beamten des Polizeireviers Summerhall, deren Methoden häufig nicht die feinsten waren, aber nach der Devise »Der Erfolg heiligt die Mittel« nie wirklich hinterfragt wurden. Doch ein verschleierter Mord aus jener frühen Zeit und die Tötung eines Zeugen, der aktuell gegen die »Heiligen« auszusagen bereit war, zwingen Rebus sich zu entscheiden zwischen falscher Loyalität und seinem Gewissen. Dass noch dazu seine Wiederbegegnung mit den einstigen Verbündeten auch eine alte Liebesgeschichte aufrührt, macht diese Entscheidung um so schwieriger.

Rebus und Fox – ein Polizistenduo mit Zukunft

Schlafende Hunde ist ein großartiger Roman, der Ian Rankin auf der Höhe seiner Kunst zeigt. So geschickt wie souverän verknüpft der Schotte die einzelnen Handlungsstränge miteinander, so dass zum Schluss kein einziges loses Ende bleibt. Oft genügt eine Kleinigkeit, die feine Beobachtung einer Marotte, um mehr über eine der handelnden Personen preiszugeben als das eine komplexe, mehrseitige Charakterbeschreibung zu leisten imstande wäre. Mit wem man es bei Malcolm Fox zu tun hat, erfährt man zum Beispiel am besten, wenn man liest, wie der Mann nach einem Pub-Gespräch mit Rebus und Clarke am Tisch zurückbleibt: »Alleine im Hinterzimmer fiel Fox auf, dass sein Glas nicht exakt in der Mitte des Bierdeckels stand. Langsam und vorsichtig machte er sich daran, es zurechtzurücken.«

Hier der Pedant, stets misstrauisch und politisch korrekt – da der unorthodoxe, grundehrliche Wahrheitsfanatiker. Größere Gegensätze lassen sich eigentlich nicht denken. Und doch freut man sich am Ende schon auf den nächsten Fall der beiden. Denn Fox‘ Zeit in der internen Ermittlung geht zu Ende. Und er wird John Rebus brauchen können, wenn er zu denen zurückkehrt, die ihn aufgrund seiner Tätigkeit in den letzten Jahren nicht unbedingt als ihren Freund wahrgenommen haben.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Ian Rankin: Schlafende Hunde
Aus dem Englischen von Conny Lösch
München: Manhattan 2014
462 Seiten. 19,99 Euro

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