Ins Lot bringen

Jugendbuch | Nils Mohl: Mogel

Veränderungen gehören zum Leben, kleine wie große. Selten kann man darüber bestimmen. Aber auch wenn die Veränderungen einschneidend sind, muss man nicht daran scheitern. Sie verhelfen vor allem zu einem, nämlich das Gewohnte mit anderen Augen zu sehen. Nils Mohl lässt in einer schrägen Geschichte einen Fünfzehnjährigen eine lange Nacht im Dunkeln herumtappen, bis die Welt am Morgen von Neuem im Lot ist. Bis auf Weiteres. Von MAGALI HEISSLER

nils-mohl-mogelMiguel ist mit Flo, Dimi und Silvester aufgewachsen, die unschöne Welt der Hochsiedlung hat sie geprägt. Doch nun sind Miguels Eltern umgezogen, in ein typisches siebziger Jahre Reihenhäuschen, Partykeller inklusive. Miguel hat nichts gegen das Reihenhaus und auch nichts gegen die neue Schule.

Überdies hat der Umzug gezeigt, dass seine Familie wieder harmoniert. Das Leben zu dritt ist schön. Aber es gibt auch noch die Verbindungen zur Vergangenheit. Aufgeben will er sie nicht, er ist aber unsicher, wie man sie fortführen kann. Kurz entschlossen lädt er die Freunde ein. Beim Spielen ihrer sehr eigenen Version von Ping Pong, bei der Bier und Pappbecher wesentliche Bedeutung haben, scheint das vertraute Verhältnis wiederhergestellt, bis Flo entdeckt, dass Miguel gemogelt hat, was das Bier anging. Das schreit nach Rache und Wiedergutmachung.

Kurz darauf steht Miguel als Miguela ausstaffiert vor der Tankstelle, um die Freunde mit dem Bier zu versorgen, um das sie sich betrogen fühlen. Miguel ist sicher, dass das nicht gut gehen kann, aber er irrt sich. Es geht sogar sehr gut, auch wenn er auf die Hilfe des größten Aufreißers der Gegend angewiesen ist.

Bier und Erfolg aber steigen ausgerechnet Flo so in den Kopf, dass er von Miguel verlangt, das Spiel noch ein bisschen länger zu spielen. Bis Mitternacht soll er sich als Miguela unter die Menge in der Disco mischen. Miguel stimmt zu. Dass seine großer Schwarm Candy in Gesellschaft des Aufreißers in der Disco ist, hat einiges mit dieser Entscheidung zu tun. So beginnt die Nacht der Nächte für Miguel und Miguela. Gemogelt wird dabei mehr als genug.

Faszinierende Studie von Freundschaft

Mohl erzählt seine Geschichte von Anfang an so rasant und so konzentriert auf das Verkleidungsspektakel, dass man einige Zeit braucht, bis man versteht, wie raffiniert er ebenfalls von Anfang an die Probleme und Fragen, die er behandelt, eingebaut hat. Er beginnt mittendrin und fängt dann wieder von vorne an, die Kapitelzahlen belegen das. Er lässt Miguel erzählen, der mit seinen Teenagerängsten und Unsicherheiten, aber auch seiner Neugier auf das Leben, seiner Fähigkeit zu vertrauen und zu lieben, Identifikationsfigur und Spiegel der anderen Romanfiguren zugleich ist.

Wesentlich dabei ist die Sprache, die Miguel im Mund führt. Vom schnoddrigen Teenagerslang, der je nach Gemütslage ins Extreme kippt, über lässiges Alltagsdeutsch bis hin zu Floskelhaftem zeigt sie bis ins Feinste die Gefühle, die Miguel gerade beherrschen. Zugleich bestimmt sie die Atmosphäre. Miguel tastet sich sprachlich durch die neue Welt. Mohl zieht dabei alle Register, nicht weniges kommt äußerst derb daher: Das verbale Muskelprotzen von Teenagern, zumal verunsicherten, hört man geradezu. Dass der Autor seinen Spaß dabei hatte, merkt man auch und verzeiht ihm, wenn er deswegen noch einen nachlegt. Empfindsame kann das abschrecken, was schade ist, denn die Geschichte ist eine empfindsame. Schließlich geht es um Freundschaft.

Sie bestimmt die Beziehungen, wo sie fehlt, geht alles schief. Weil das damit verbundene Vertrauen fehlt und die Liebe, die auf dem Vertrauen aufbaut. Jede traumatische, jede schwierige, jede schöne Familiengeschichte, die Mohl seinen Figuren als Hintergrund gibt, kreist darum. Die Eltern der Jungen betrifft das ebenso wie die Jugendlichen, gleich, ob es um Freundinnen, Freunde, Geschwister geht. Der kleine Roman ist eine faszinierende Studie von Freundschaft. Echte, falsche, verlogene, zwischen den Geschlechtern, zwischen Generationen, Freundschaft als wertvoller Baustein tragender Beziehungen zwischen Menschen.

Mit anderen Augen

Attraktiv ist Mohls Geschichte aber auch wegen des offensichtlichen Gags, ein als Mädchen verkleideter Junge. Mohl präsentiert einen großartigen Spaß, und zwar ohne auch nur einmal auf Klischees zurückzugreifen. Er geht sein Thema ernsthaft an und beschreibt Ernsthaftes. Wie sprechen Mädchen, wie sprechen Jungen, was bewegt Mädchen, wie sehen Jungen die Welt? Diese Frage stellt sich Miguel häufig in dieser Nacht. Sein Staunen darüber, in welchem Maß Mädchen zu Freiwild werden, kaum dass sie irgendwo erscheinen, schlägt rasch in Schrecken und Zorn um. Zornig wird er auch angesichts der Tatsache, wie schnell man dann in die Rolle der Hilflosen rutscht, die gerettet werden muss, unter Umständen auch gegen ihren Willen.

Eine ähnliche Fallgrube ist die Liebe. Was als solche daherkommt, kann sich als Abhängigkeit entpuppen, die zum Albtraum wird. Der andere Blick auf die Dinge, die ein Junge allein durch eine Verkleidung bekommt, öffnet ihm und den Leserinnen und Lesern die Augen für sehr unangenehme Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern. Auch das illustriert Mohl anhand von Hintergrundgeschichten, die zum Teil fast beiläufig eingeflochten werden, wie die Frage nach Flos Vater oder Dimis erschreckenden Familienverhältnissen. Was Miguel berichtet, sind zugleich Denkanstöße für ihn. Sie tragen dazu bei, dass er am Ende seine Schlüsse zieht und seine Entscheidung fällt, wie es mit ihm und seinen alten Freunden weitergehen soll.

Diese kleine Komödie ist alles andere als zeitübliche Comedy, sie ist auch kein traditioneller Slapstick. Sie ist Komödie im klassischen Sinn. Das Überzogene wird zum Spiegel des Lebens, die Komik zeigt das Schreckliche und hilft zugleich bei dessen Überwindung. Zuweilen klappt das sogar. Hoffen kann man immer, findet Miguel.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Nils Mohl: Mogel
Hamburg: Rowohlt Rotfuchs 2014
200 Seiten. 9,99 Euro
Jugendbuch ab 15 Jahren

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