Frei sein

Jugendbuch | Sabine Giebken: Über uns das Meer

Frei sein, wer träumt nicht davon? Wer spricht nicht von Freiheit, vor allem, wenn man noch jung ist und die Welt so groß und weit, dass alles, was die Größe mindert, nur Zwang sein kann? Freiheit kommt jedoch immer mit Grenzen daher und einen Preis hat sie auch. Wer mit beiden Händen blind danach greift, muss die Folgen tragen. Von Freiheit und Grenzen, Weite und Beschränkung erzählt Sabine Giebken unter einem ganz besonderen Blickwinkel in ›Über uns das Meer‹. Von MAGALI HEISSLER

MeerLou ist abgehauen, mitten in den Abiturprüfungen. Ihren Zufluchtsort, die alte Villa auf Elba, die ihrer Großmutter gehörte, erreicht sie, wie geplant, wenige Stunden vor ihrem achtzehnten Geburtstag. Nicht geplant war der fremde Typ auf der Veranda. Immerhin bleibt er höflich. Seinen Namen, Angel, hält Lou für einen albernen Witz und die Begegnung überhaupt für einen halben Traum, bis sie Angel wenig später in der Tauchschule wiedertrifft. Eigentlich wollte sie dort nur einen Freund aus Kindertagen sprechen, aber das, was sie von den Taucherinnen und Tauchern erfährt, fasziniert sie so, dass sie bleibt.

Lou ist eine sehr gute Taucherin, dass man ohne Atemgerät tief ins Meer taucht, hat sie jedoch nie ganz ernst genommen. Angel nimmt es ernst, es ist sein Leben. Der Besitzer der Tauchschule nimmt es ebenfalls ernst, er will mit Angels Rekordversuch Geld machen. Seine Schwester nimmt Angel ernst, weil sie sich in ihn verliebt hat.

Ehe Lou es sich versieht, hat sie sich ins Freitauchen verliebt. Oder ins Meer? Oder sind Angels meerblaue Augen daran schuld? Innerhalb weniger Tage hat Lou den Sinn ihres Lebens gefunden. Die Probleme aber, vor denen sie davongelaufen ist, lösen sich deswegen nicht in Luft auf. Im Gegenteil folgen sie ihr. Sie ist nicht die einzige, der das passiert. Auch Angel hat eine Vergangenheit. Die lässt ihm keine Ruhe. Lou muss mit ihren achtzehn Jahren Entscheidungen treffen, vor denen sie nicht davonlaufen kann.

Aufeinander angewiesen sein

Lou ist Hauptfigur und Ich-Erzählerin. Giebken nützt von Anfang geschickt die Grenzen dieser Perspektive, man merkt früh, dass man Lou nicht in allem trauen kann, was sie sagt. Sie ist trotzig, dickköpfig und voll falschem Stolz. Sie fühlt sich tief verletzt. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass sie nie damit fertig geworden ist, adoptiert worden zu sein. Es macht sie unsicher, zumal sie fest davon überzeugt ist, dass ihre Eltern ihre jüngere Schwester ihr vorziehen, weil sie deren biologische Eltern sind. Lou kämpft für eine Unabhängigkeit, die in ihrer Bedingungslosigkeit eher ein Phantom ist und keine Rücksicht auf andere nimmt.

Auch Angels Leben ist von einem Konflikt mit einem Geschwisterkind bestimmt, allerdings einem weit gefährlicheren. Er gibt dem Roman streckenweise Thrilleratmosphäre, ohne allerdings in das Genre abzudriften. Zwischen Lou und Angel und von ihnen aus zu anderen spinnt Giebken versiert ein differenziertes Beziehungsgeflecht, anhand dessen Geschwisterkonflikte, Konflikte mit Eltern, Freundschaften, Liebesbeziehungen und die Bedeutung von Beziehungen von Menschen untereinander überhaupt durchgespielt werden. Wir sind aufeinander angewiesen, das ist die Schlussfolgerung, auf die in dieser Geschichte immer wieder nachdrücklich hingewiesen wird und die dem Erzählten seine eigentliche Bedeutung gibt.

Eine Geschichte vom Meer

Dieser Roman ist die Geschichte von Lou und Angel, aber er hat noch einen wesentlichen Protagonisten und das ist das Meer. Schon der prachtvolle Schutzumschlag, in seiner Farbigkeit und Musterung fast zu harmonisch, gemessen am Inhalt, weist darauf hin.

Giebken wird nicht müde, das Meer in seinen Facetten zu schildern, sie findet berückende Beschreibungen und Bilder. Der Blick auf das Wasser, der Blick unter der Oberfläche. Lichteinfall, die Dunkelheit, Wärme – und Kälteempfindungen, Körper und Luft, Schwimmen, Schweben, Fallen, die Sehnsucht nach dem Einssein mit dem Element. Die nicht-menschlichen Bewohnerinnen und Bewohner sind allgegenwärtig, in ihrer Freundlichkeit, Schönheit, aber auch ihrer Gefährlichkeit. Auch hier klingt wieder das Thema Beziehungen an, Vertrauen und Fremdheit, es verschmilzt mit all dem, was zwischen den menschlichen Figuren geschieht. Selten sind so unterschiedliche Bereiche derart nahtlos zusammengefügt worden. Die Faszination, eng verwandt mit der Sucht, wird jedes Mal spürbar und ist jedes Mal überzeugend. Das gilt auch für die Gefahr, die andere Seite von Faszination und Sucht. Freitauchen ist ein Spiel mit dem Leben, denkt Lou einmal und sie hat recht.

Dem Text abträglich sind eine Handvoll sprachliche Schnitzer, die eben deswegen ins Auge fallen, weil er so gut ist. Mehr noch stört der immer wieder aufgenommene Flirt mit dem undifferenzierten Massengeschmack. Alltäglichkeiten werden in aller Breite geschildert, Emotionales wird unversehens platt, bei der Beschreibung eines Männerkörpers fehlt auch nicht der zum Standard gewordene, deswegen aber trotzdem alberne Ausdruck Sixpack. Das erdet diesen Roman auf ganz falsche Weise. Hier wäre mehr Mut am Platz gewesen, eine ungewöhnliche Geschichte auch inhaltlich selbstbewusst zu präsentieren. Gestaltet ist das Buch aufs Beste, ein Liebhaberinnenstück bis hin zum goldgelben Lesebändchen.

Als Gesamteindruck aber bleibt am Ende, einen besonderen Roman gelesen zu haben, den Roman einer ganz besonderen Liebe. Nicht zuletzt zum Meer.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Sabine Giebken: Über uns das Meer
475 Seiten. 17,95 Euro
Bamberg: Magellan 2014
Jugendbuch ab 15 Jahren

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