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Unter Minderheiten

Gesellschaft | Weltecke / Gotter / Rüdiger: Religiöse Vielfalt und der Umgang mit Minderheiten

JOSEF BORDAT bespricht den Sammelband ›Religiöse Vielfalt und der Umgang mit Minderheiten‹, herausgegeben von Dorothea Weltecke, Ulrich Gotter und Ulrich Rüdiger. In ihm werden Erfahrungen aus Vergangenheit und Gegenwart behandelt, die einen anderen Blick auf das Phänomen ermöglichen: Religiöse Vielfalt ist normal.

ReligionDie Fragmentierung unserer Gesellschaft schreitet voran, Vielfalt ist ein Paradigma des globalisierten Zeitalters. Das hat konkrete, messbare Auswirkungen: Wo vor drei Jahrzehnten noch drei Parteien um den Einzug in die Parlamente stritten, sind es heute (mindestens) sechs, die sich Chancen ausrechnen können, das Volk in den Ländern und im Bund zu repräsentieren. Und: Wo sich früher nur die Frage stellte »Katholisch oder evangelisch?« ist heute gerade noch die Zuschreibung »christlich« für die Mehrheit der Gesellschaft möglich – bei 30 Prozent Konfessionslosen und 5 Prozent Muslimen.

Alle Prognosen der zukünftigen Entwicklung Deutschlands stimmen in einem Punkt überein: Die Fragmentierung der Gesellschaft wird weitergehen, nicht zuletzt durch Migration. Dies impliziert, dass es neue Minderheiten geben wird, auch religiöse Minderheiten. Wie gehen wir damit um? Zunächst: Was bedeutet das überhaupt? Diese Fragen stellen die Beiträge im Sammelband ›Religiöse Vielfalt und der Umgang mit Minderheiten‹. Und geben überraschende Antworten.

Minderheit und Macht

Gleich in der Einführung räumt Dorothea Weltecke mit einem Missverständnis auf: der Gleichsetzung von Minderheitenstatus mit Machtlosigkeit. Diese hemme das Verständnis religiöser Minderheiten im Verhältnis zur Mehrheitsgesellschaft. Historische Beispiele dafür, dass die religiöse Minderheit nicht selten zur Herrschaftselite aufstieg, zeigen, dass die Kategorien, mit denen soziale Marginalisierung beschrieben und analysiert wird, für eine Erforschung religiöser Minderheiten nicht ausreichen. Vielmehr sei zunächst konzeptionell zu klären, was eine religiöse Minderheit eigentlich sei.

Islam und Christentum

Der Islam ist in den letzten 50 Jahren zur Minderheitenreligion in Deutschland geworden. Entsprechend nimmt diese Religion auch im Sammelband einen besonderen Stellenwert ein, getragen von der Debatte um Kopftuch, Moscheebau und Zugehörigkeit. Zwei der sieben Aufsätze behandeln explizit diese religiöse Minderheit (Martin Sökefeld, Bärbel Beinhauer-Köhler).

Doch auch das Christentum wird als Minderheit thematisiert: im Osten Deutschlands ist die Kirche heute schon eine Randerscheinung (Wolf Krötke) und in (nicht allzu ferner) Zukunft könnte es nur noch religiöse Minderheiten geben, die vor allem durch Migration am Leben gehalten werden (Michael Blume).

Religion und Migration

Wie religiöse Minderheiten in »modernen Gesellschaften« wahrgenommen werden, stellt Christoph Bochinger dar. Je areligiöser diese »moderne Gesellschaft« wird (als Beispiele werden Deutschland und die Schweiz angeführt), desto fremder wird das Phänomen Religion. Dies wiederum impliziert die Zuschreibung von Religiosität auf Fremdheit und von Religion auf Migration: Die Religiösen, das sind die Anderen. Man kennt das: Türken bzw. Araber werden unter den Islam subsumiert, obgleich nicht wenige Türken und Araber gar keine Muslime sind. Diese Wahrnehmung führt dazu, dass sich die areligiöse Mehrheitsgesellschaft im Abgrenzungsdiskurs paradoxerweise auf die Ebene religiöser Unterschiede begibt, an religiöse Traditionen erinnert (mit denen längst gebrochen wurde) und Religion auf diese Weise in der politischen Rhetorik soziokulturell vereinnahmt wird (»jüdisch-christliches Abendland«). Gleichwohl habe Religion, so Bochinger, für Migranten eine wichtige Identifikations- und Integrationsfunktion, die von der Wertebildung bis hin zu praktischen Fragen reicht.

Der englischsprachige Beitrag von John Tolan gibt dem Band einen internationalen Anstrich und vertieft zugleich die historischen Fragen, um eine entscheidende Antwort zu geben: Ist das Phänomen auch jetzt besonders drängend, so ist es doch keineswegs neu. Religiöse Minderheiten hat es in Europa bereits im Mittelalter gegeben, inklusive eines beträchtlichen Einflusses auf das Rechtssystem.

Glaube und Mehrheit

In dem hochinteressanten Schlussbeitrag des Religionswissenschaftlers Michael Blume tritt zutage, dass auch die Konfessionslosen eine Minderheit sind und bleiben, trotz fortschreitender Säkularisierung. Dazu legt Blume Datenmaterial vor, aus dem einerseits die unterschiedliche Fertilität von (stark) religiösen und nicht-religiösen Menschen hervorgeht und andererseits ein verstärktes Interesse an spirituellen und religiösen Themen bei jungen Erwachsenen ersichtlich ist. Das zeigt: Religion ist eher von morgen als von gestern. Diese Erkenntnis deckt sich mit dem religionssoziologischen Befund, dass – bei abnehmender Kirchenbindung – die Sinnfrage nach wie vor spirituell und religiös beantwortet wird.

Der Sammelband ›Religiöse Vielfalt und der Umgang mit Minderheiten‹ stellt knapp und verständlich Erträge der jüngsten religionswissenschaftlichen Forschung zu religiösen Minderheiten in historischer und systematischer Perspektive vor und vergisst dabei nicht den Bezug zu aktuellen Fragestellungen in Politik und Praxis. Er macht deutlich, dass wir in der modernen multireligiösen Gesellschaft unter Minderheiten leben und selbst immer nur einer Minderheit angehören, wenn man hinreichend genau differenziert, und dass dies schon in der vormodernen Gesellschaft die Normalität gewesen ist. Damit friedlich umzugehen, das gilt es heute wieder zu lernen. Der Band gibt dazu einen Anstoß.

| JOSEF BORDAT

Titelangaben
Dorothea Weltecke, Ulrich Gotter, Ulrich Rüdiger (Hgg.): Religiöse Vielfalt und der Umgang mit Minderheiten
Konstanz: UVK 2014
165 Seiten. 29 Euro

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