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Polizei und Jugendszene

Film | Im TV: ›TATORT‹ Borowski und die Kinder von Gaarden (NDR), 29. März

»Wo Sie herkommen, kriegen die Eltern schon hysterische Anfälle, wenn der Sportlehrer die falsche Trainingshose anhat.« Wir sind in Kiel-Gaarden, erstens, und zweitens geht es um Sexualität, ist das so interessant, das hatte der Kieler ›TATORT‹ doch gerade erst neulich. Von WOLF SENFF

Foto: NDR / Christine Schroeder
Foto: NDR / Christine Schroeder
Eintonsound leitet ein, und der kleine Bojan stößt auf eine Leiche. Onno Steinhaus war, wie wir später erfahren, mal ein netter Kerl gewesen, aber war wegen Missbrauch im Knast und seitdem war er anders, war so einer, wie man ihn sich wohl in dieser prekären Wohngegend vorstellt, er sah Pornos mit Jungs aus der Gegend und konnte aggressiv sein, wenn er betrunken war.

Prekäres Milieu

Die Aufklärung betrifft einen eng begrenzten Personenkreis. Sarah Brandt hat anfangs ihren Hauptverdächtigen, Klaus Borowski hat seinen Hauptverdächtigen. Das treibt den Film um, er bemüht sich, das Milieu realistisch ins Bild bringen. »Regel Nummer eins«, klärt uns einer der Jugendlichen auf, »du kannst entweder alles falsch oder ganz falsch machen. Richtig gibt es hier nicht.« Oder, mit den Worten des fünfzehnjährigen Timo Schulz: »Das Leben ist kompliziert.«

Außerdem tritt ein Revierpolizist auf, ein Bekannter Sarah Brandts aus ihren Ausbildungslehrgängen, der mit Sonnenbrille und auch sonst wie ein Cop-Import aus Amiland auftritt. Man weiß nicht, wie weit derartige Sitten neuerdings in Mitteleuropa um sich greifen, machomäßig, sympathisch ist das kaum. Der NDR zeigt sich gern hoch auf der Welle der US-Action-Fans. Egal. Interessant ist, wie diese Figur sich verändert.

Die zwei Ermittler

Die Rolle der Ermittler verleiht diesem Film viel Würze. Weshalb Klaus Borowski diesmal gefällt? Er ist in diesem ›TATORT‹ nicht eintönig und fad, nicht oberlehrerhaft, er zeigt verschiedene Facetten und sogar die Sozialarbeiterattitude ist glaubhaft. Er kann einen Irrtum einsehen, oh oh.

Zickig und penetrant wirkt dagegen Sarah Brandt, eine fremde, verzerrte Figur, sie ist affektiert, rechthaberisch, humorlos, ihr Charme ist verkrampft. Man hat den Eindruck, da spielt jemand nur sich selber, neulich sah ich ›Nachtschicht‹, 06, ›Blutige Stadt‹, und sie sieht nicht nur genauso aus, sie stellt denselben Typus dar.

Derselbe Augenaufschlag, dieselbe Stimme, unverwechselbar. Allgemein geht man davon aus, Schauspielerei sei die Kunst, verschiedene Rollen darzustellen. Doch Schauspielerei, das kann gut sein, spielt heute nach anderen Regeln, nur welche, frag‘ ich mich, sollen das sein.

Polizei und Jugendszene

Nein, sie kann nicht anders, und sie ist da keineswegs eine Ausnahme. Das muss man nicht als Kritik verstehen, es zeigt lediglich, welch wichtige Rolle heute dem Casting zukommt. Vielleicht noch der Hinweis auf Jan Josef Liefers in ›Nachtschicht‹, 04, ›Ausbruch‹, weil man da merkt, dass einer auch verschiedene Charaktere überzeugend spielen kann. Nur von wo sie die Schaufeln haben, Liefers und sein Kumpan, um das Reh zu begraben, das weiß man nicht, da steckt keine Logik drin. Nur mal am Rande.

Insgesamt ist ›Borowski und die Kinder von Gaarden‹ eine der besseren Produktionen, die – wer hätte das gedacht – tatsächlich eine Gesprächsbasis zwischen Polizisten und Jugendszene präsentiert, obwohl gerade hier, im Abgleiten von dienstlicher Ermittlung auf persönliche, private Ebenen allzu viel des Guten getan wurde. Es bleibt ein sehenswerter ›TATORT‹.

| WOLF SENFF

Titelangaben
›TATORT‹ Borowski und die Kinder von Gaarden (NDR)
Ermittler: Axel Milberg, Sibel Kekilli
Regie: Florian Gärtner
Sonntag, 29. März, 20:15 Uhr, ARD

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