Zwischen Kinderzeichnungen, Partys und Bomben

Comic | Marcelino Truong: Ein schöner kleiner Krieg. Saigon 1961-1963

Noch heute ist der Vietnamkrieg das Trauma in der Geschichte der US-Außenpolitik: Ein Krieg gegen die nordvietnamesischen Kommunisten, mit technisch überlegenen Mitteln und menschenrechtswidrigen sowie widerwärtigen Methoden, den Amerika dennoch nicht gewinnen konnte und daher ein zerstörtes Land zurückließ. Ein Trauma zwar, das jedoch die USA häufig zu wiederholen scheint. Doch viel wichtiger als das amerikanische Vietnamtrauma ist das, was dieser Krieg mit Vietnam machte. Darum geht es in Marcelino Truongs Comic >Ein schöner kleiner Krieg. Saigon 1961-1963<. Als Sohn einer Französin und des vietnamesischen Dolmetschers Truong Buu Khánh verbrachte er seine Jugend in den USA, Großbritannien, Frankreich und Vietnam. Von den wenigen Jahren, die er in seiner Kindheit dort verbrachte, als sein Vater für die Regierung in Südvietnam arbeitete, handelt sein Comic. PHILIP J. DINGELDEY blickt auf das persönliche und sensible Saigon-Portrait.

IMG-20150526-WA002Truong versetzt den Leser zurück in die Zeit des Beginns des Vietnamkrieges, also in die Zeit, die der Autor und Zeichner als Kind mit seinen Geschwistern und seinen Eltern in Saigon verbrachte. Dabei ist der Graphic Novel eine sehr heterogene Mixtur aus diversen zeitgenössischen Impressionen, die sich in schnellen Folgen, Topoi und Stilmitteln abwechseln.
Begonnen wird mit Kindheitserlebnissen in den USA. Diese drehen sich um Reisen nach Südvietnam, unterbrochen von der Erläuterung des politischen Kontextes der Teilung des Landes, dem Intervenieren der USA zur vermeintlichen Sicherung der Freiheit unter Präsident John F. Kennedy, den Antagonismus zwischen den kommunistischen Vietcong im Norden, unter der Führung von Ho Chi Minh, und der nationalistisch-repressiven Regierung im Süden, unter Präsident Ngô Đình Diệm, für die Truongs Vater bedenkenlos arbeitete. Ebenso wechseln sich Kinderspiele, Kinderzeichnungen und Briefe der Mutter, mit Kriegserlebnissen ab, abermals unterbrochen von mondänen Tänzen auf dem Vulkan bei Partys der südvietnamesischen Bourgeoisie. Lediglich die Chronologie wird eingehalten.

Eine Kindheit im Krieg

Mit diesen Wechseln kreiert er einige groteske und bizarre Szenen – wie auch der Titel schon impliziert –, besonders wenn aufeinanderfolgend die naiv-kindlichen Kriegsspiele unter den Geschwistern zu den psychischen Problemen und den Ängsten der bipolaren Mutter Yvette überleiten, um dann auf echte Kriegsmomente zu verweisen, die jedoch immer wieder ebenso unterbrochen werden, etwa von den arroganten Reden von US-amerikanischen und südvietnamesischen Militärs, um besorgte europäische Wohlstandsehefrauen zu beruhigen.

Die persönliche Mischung wird auch durch Truongs Zeichnungen forciert: Fast der gesamte Comic ist in ein mattes Rot getaucht. Lediglich politische Exkurse haben einen kühl-bläulichen Ton. Das Rot kann einerseits die brütende, schwüle, den Alltag überziehende Hitze Saigons, als auch das geflossene Blut symbolisieren – sprich, die Alltäglichkeit des Krieges in kleinen, scheinbar nebensächlichen Details. Besonders in der zeichnerischen Arbeit zeigt sich die persönliche Note der Graphic Novel. Mal sind die Menschen und Orte eher grob und naiv gezeichnet, mal wird alles detailliert illustriert. Das Lettering der Sprechblasen und Textkästchen ist immer handschriftlich, wobei Truong oft die Schrifttypen wechselt – etwa dann, wenn es sich um verzweifelte Briefe der Mutter an die französischen Großeltern handelt.

Vielschichtig und ungeschönt

Dies alles erweckt zunächst den Anschein, bei Truongs Graphic Novel handele es sich schlicht um eine medial aufbereitete Kindheitserinnerung und insofern um eine historischen Abriss unter vielen. Doch damit wäre >Ein schöner kleiner Krieg< nicht hinreichend beschrieben. Durch das Persönliche und Ehrliche, durch das Kindliche in Kombination mit Kriegsberichten, den plastischen Zeichnungen von Verletzten und Kriegsopfern – etwa Hinrichtungen, zerfetzte Leichen, Menschen ohne Arme und Beine oder von Napalm verätzte Körper –, durch das Aufzeigen der politischen Akteure auf beiden Seiten, durch die Darstellung der Armut in Südvietnam und die erwachsenen, multikulturell geprägten Reflexionen, die in der Retrospektive immer wieder einfließen, wird >Ein schöner kleiner Krieg< zu einer künstlerischen (und teils auch intendiert konstruierten) Aufarbeitung der Kriegsjahre 1961 bis 1963.

Truong beleuchtet nicht nur seine Kindheit, sondern Saigon, ja, Vietnam als Ganzes. Und, was beachtlich ist, ihm gelingt es in seiner Kritik an beiden Kriegsseiten mit keiner der vietnamesischen Parteien zu fraternisieren, obgleich, bedingt durch seinen sozialen Kontext, Südvietnam mehr Platz eingeräumt wird.

| PHILIP J. DINGELDEY

Titelangaben
Marcelino Truong: Ein schöner kleiner Krieg. Saigon 1961-1963
Köln: Egmont Graphic Novel 2015
272 Seiten, 24,99 Euro

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