/

Life is money

Gesellschaft | Philip Roscoe: Rechnet sich das? Wie ökonomisches Denken unsere Gesellschaft ärmer macht

Philip Roscoe ist quasi prädestiniert, eine Kritik des neoliberalen Denkens zu verfassen. Der Wirtschaftswissenschaftler und Dozent für Management hat auch Theologie und Arabisches Denken des Mittelalters studiert. Der plakative Titel Rechnet sich das? Wie ökonomisches Denken unsere Gesellschaft ärmer macht wird damit dem philosophisch aufgeladenen Inhalt des Buches nicht gerecht. VIOLA STOCKER ließ sich tiefer leiten.

Roscoe_Rechnetsichdas?P04def.inddRoscoe ist ein ruhiger Denker. Seine Analyse menschlicher Verhaltensweisen ist gründlich und oft beschämend entblößend. Bei aller derzeitigen Ökonomiekritik und der Medienwirksamkeit der »Occupy Wallstreet«-Bewegung zeigt er in einem einführenden Kapitel auf, wie durchdrungen die Menschheit ist vom Wirtschaftlichkeitsdenken. Natürlich ist es in Zeiten des Internets und komplexer Rechensysteme noch einfacher geworden, auch im eigenen Alltag Wirtschaftlichkeitsberechnungen durchzuführen. Doch lässt man sich auch zunehmend durch Algorithmen fremdbestimmen.

Philosophische Grundlagen im Liberalismus

Es ist erstaunlich, wie genau Roscoe aufzeigt, dass das derzeitige marktwirtschaftliche Konzept eine logische Konsequenz aus den philosophischen Traditionen des 17. und 18. Jahrhunderts ist. Dort erstmals fallen Begriffe wie Naturrecht, Selbstinteresse, oder Hobbes‘ berühmtes Bonmot vom »Homo homini lupus«. Aus der Erfahrung der zahlreichen Kriege, politisch wie religiös motiviert, ließ sich für die friedenshungrigen Philosophen die menschliche Leidenschaft nur durch einen Staatsvertrag, der die Grundrechte garantierte, regeln.

Von hier aus ist es nur ein kurzer Schritt zu Adam Smith, der, aus der verheerenden Erfahrung des Merkantilismus und Absolutismus heraus, der Überzeugung war, ließe man nur dem Markt freie Hand, würde sich das Wirtschaftsgeschehen zum Besten des Menschen regeln. Offensichtlich, und das betont Roscoe, gründet unser marktwirtschaftliches System auf grausamen Erfahrungen. Das heißt aber natürlich nicht, dass es ein naturgegebenes System sein muss.

Konstruktion des Homo Oeconomicus

Roscoe wirft der Wirtschaftswissenschaft vor, ein System als naturgegeben anzunehmen, das konstruiert ist. Der oft bemühte Idealtypus vom Homo Oeconomicus, einem Wesen, das sich von Selbstinteresse und Nutzenoptimierung leiten lässt, wird durch ihn meisterhaft zerpflückt. Während nämlich suggeriert wird, dass jeder Mensch nach diesem Prinzip funktioniere, findet Roscoe genügend Situationen, für die das nicht zutrifft. Er zitiert soziologische Studien über Prostitution und Organspenden. Weshalb gibt es Menschen in wohlsituierten Lebensentwürfen, die ihre Organe auch nicht gegen beliebig hohe Bezahlung abgeben? Weshalb werden nicht alle Frauen Prostituierte, wo doch der durchschnittliche Wochenlohn den einer Supermarktmitarbeiterin deutlich übersteigt?

Ökonomisches Denken hat Grenzen. Doch nicht nur das. Roscoe entblättert die Systemstrukturen geschickt. Jedes seiner Argumente wurzelt sowohl in philosophischen, statistischen als auch praktischen Beobachtungen. Ungleich der Naturgesetze à la Newton sind ökonomische Gesetze eben nicht per se existent. Sie bestehen immer innerhalb eines bestimmten Paradigmas. Roscoe vergleicht den Homo Oeconomicus zynisch mit einem studentischen »Schnorrer« und kann anhand statistischer Studien nachweisen, dass die Zahl derselben an wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten höher ist als an geisteswissenschaftlichen. Generiert das System die eigenen Kinder?

Eine Reise nach Tlön

Das Zitat aus Borges Roman birgt für Roscoe eine Wahrheit, die auch in der Linguistik längst diskutiert wird: Die Performativität der Sprache. Entwickelt von John L. Austin zeigt es auf, wie der Sprecher durch die Anwendung der Sprache seine Umwelt generiert. Unlogisch? Früher gab es viel mehr Ausdrücke, die die Welt veränderten, man denke nur an: »hiermit taufe ich dich« oder »ich verfluche dich«. Ein Sprecher, der seine Welt als ökonomische beschreibt, wird sich entsprechend verhalten.
Tlön ist aber eine Kunstwelt, de facto non existent, die aber ab einem bestimmten Zeitpunkt nur durch die Rückbeziehung auf sie wichtiger wird als die reale Welt. Ist dies mit der Wirtschaft geschehen? Hat sich die Menschheit ein Land – Tlön – konstruiert, aus dem es kein Entrinnen gibt?
Tatsächlich bleibt Roscoe hier Antworten schuldig. Das mag mit an seiner Analysetechnik liegen. Wer die Gegenwart von der Vergangenheit und der Philosophiegeschichte her aufarbeitet, hat vielleicht über die Zukunft weniger zu sagen.

Auswege in die Realität

Es liegt an jedem Einzelnen, zu entscheiden, wie er die modernen Instrumente der Wirtschaft anwenden möchte. Roscoe betont das innovative Potential regionaler Tauschwährungen, die aber in Deutschland weit weniger verbreitet und ökonomisch einflusslos sind. Medienwirksamen Aktionen wie der »Occupy«-Bewegung dagegen gibt er wenig Chancen. Für Roscoe ist es wichtig, dass das System der Marktwirtschaft möglichst mit eigenen Waffen geschlagen wird. Inwieweit dies nur ein weiterer Kriegsschauplatz in Tlön wäre, bleibt abzuwarten.

| VIOLA STOCKER

Titelangaben
Philip Roscoe: Rechnet sich das? Wie ökonomisches Denken unsere Gesellschaft ärmer macht
Aus dem Englischen von Ingrid Proß – Gill
München: Carl Hanser Verlag 2014
316 Seiten. 21,90 Euro
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Verliebt – verlobt – verheiratet?!

Nächster Artikel

Israel: Eine Erfolgsgeschichte?

Weitere Artikel der Kategorie »Gesellschaft«

Wohnen und Leben

Hannes Lindenmeyer: Hellmut. Die lange Geschichte einer kurzen Straße Die Hellmutstraße bildet das Zentrum des Widerstands. Hannes Lindenmeyer, Hellmi-Aktivist der ersten Stunde, schildert das Innenleben eines Quartiers, das sich zum Ziel setzt, selbstbestimmt zu wohnen, d. h. selbst über die Bedingungen der eigenen Lebensumwelt zu entscheiden. Von WOLF SENFF

Warum wir betrügen

Gesellschaft | Esther Perel: Die Macht der Affäre

In dem Sachbuch ›Die Macht der Affäre. Warum wir betrügen und was wir daraus lernen können‹ schreibt die Autorin Esther Perel nicht nur über das Wesen der Affäre, wie es der Titel verspricht. Vielmehr schreibt sie darüber, was menschliche Beziehung im 21. Jahrhundert ausmacht und wieso Partnerschaft aktuell so schwierig ist. BASTIAN BUCHTALECK hat das Buch über das pikante Thema gelesen

Schmutzige Propaganda?

Gesellschaft | U. Gellermann, F. Klinkhammer, V. Bräutigam: Die Macht um acht Nein, Mainstream ist öffentlich kein Aufreger mehr. Nicht dass es ihn nicht mehr gäbe. Der Mainstream machte sich das Thema Mainstream zueigen, bis die Leute schon beinahe glaubten, er mache sich ernsthaft Gedanken, schmückte sich gar mit einem Anschein von Selbstkritik, und dann hat er’s fallenlassen. Schwuppdiwupp, Mainstream redet nun nicht länger über das Thema Mainstream, basta, und alles bleibt im alten Trott. Von WOLF SENFF

Ruhe kehrt nicht ein

Gesellschaft | Raul Zelik: Mit PODEMOS zur demokratischen Revolution? Krise und Aufbruch in Spanien Wie sehr sich die Entwicklung Spaniens von der anderer europäischer Nationen im Detail unterscheidet, zeigt Raul Zelik in dieser hochinteressanten jüngsten Veröffentlichung. Der Übergang von der vierzigjährigen Franco-Diktatur zu demokratischen Abläufen sei stets von Rückschlägen geprägt gewesen, einen skurrilen Höhepunkt bildete der Putschversuch vom Februar 1981. Von WOLF SENFF

Blut für Öl

Gesellschaft | Tyma Kraitt (Hg.): Irak. Ein Staat zerfällt Der Irak kommt seit über dreißig Jahren nicht aus den Schlagzeilen heraus. Und weil es eben die Schlagzeilen westlicher Medien sind, wird da fast ausschließlich über Blut und Tränen, Krieg, Terror und Massaker berichtet, kaum je über historisch-politische Fluchtlinien, Hintergründe oder wirtschaftliche und soziale Strukturen. Der von Tyma Kraitt (Österreichisch-Arabische Gesellschaft) herausgegebene Band Irak. Ein Staat zerfällt will dem abhelfen. Von PETER BLASTENBREI