Viele Fragen – und unerwartete Antworten

Kinderbuch | Stefanie Höfler: Mein Sommer mit Mucks

Eigentlich weiß Zonja (mit Z und eben nicht Sonja) schon genau, wie ihr Sommer aussehen wird. Sie wird ins Freibad gehen und Leute beobachten. Fragen stellen und den Dingen auf den Grund gehen ist genau ihr Ding. Aber dann wird dieser Sommer ganz anders. Von ANDREA WANNER

Mucks400Zonja ist ein Einzelkind und eine Einzelgängerin. Sie liebt die Schule, weil sich dort Experten für alles finden, die die Welt und die Dinge erklären können. Ansonsten sammelt sie Fragen, um ungelöste Rätsel zu ergründen und Antworten zu finden. Die Chlormenge im Freibadwasser findet genauso ihr Interesse wie das Verhalten des afrikanischen Elefanten – auch ein Einzelgänger – oder die durchschnittliche Temperatur im Dezember im Weißrussland. Die Fragen der Zwölfjährigen sind geprägt von kindlichem Sammeldrang: die Welt ist groß und will ergründet werden. Dabei entfernt sich Zonja mehr und mehr von den Gleichaltrigen, die für sie unverständliche andere Dinge im Kopf zu haben scheinen: Klamotten, Smartphones …

Und dann taucht im Schwimmbad Mucks auf. Nein, eigentlich taucht der Junge, »dünn und groß wie eine frisch gepflanzte Birke vorm Friedhof und auch genauso wie«, ab. Spielende Kinder rempeln ihn versehentlich an und er fällt ins Wasser. Während Zonja das Geschehen beobachtet, stellt sie fest, dass der Junge nicht schwimmen kann – und rettet ihn. Das wird der Beginn eines gemeinsamen Sommers.

Zonja und Mucks – der natürlich nicht wirklich Mucks heißt – verstehen sich. Sie spielen miteinander Scrabble (Zonja legt die schwierigen und seltenen Wörter, der etwas ältere Mucks macht viele Rechtschreibfehler), reden über alles Mögliche, beobachten den Sternenhimmel. Zonja verrät Mucks sogar von ihrer Fragensammlung diffiziler Probleme. Sie nimmt ihn mit nach Hause, wo ein fürsorgliches Elternpaar bei Krisen die Welt mit selbst gebackenen Pfannkuchen wieder in Ordnung bringt. Das Daheim von Mucks ist weniger idyllisch: eine heruntergekommene Hochhaussiedlung, sozialer Wohnungsbau. Da lebt er zusammen mit seiner Mutter und seiner Großmutter. Wenn es um wirklich Privates geht, wird Mucks sehr schweigsam. Und die sonst so wissbegierige Zonja schafft es weder, ihm die richtigen Fragen zu stellen noch das, was ihr merkwürdig vorkommt, mit Erwachsenen zu besprechen. Bis Mucks ausrastet und es beinahe zu spät ist.

Die Lehrerin und Theaterpädagogin Stefanie Höfler findet in ihrem Erstlingswerk den richtigen Ton für junge Leserinnen. Naiv und kindlich begegnet Zonja der Welt, geht davon aus, dass sie überall so heil ist, wie bei ihr zu Hause, und muss lernen, dass das so nicht ist. Die Probleme, die der traumatisierte Junge mit sich herumträgt, kann er ihr nicht anvertrauen. Am Ende sind es dann doch die Erwachsenen, die vermitteln: zwischen Zonja und er Welt, in der es so schreckliche Dinge wie häusliche Gewalt gibt. Aber bis dahin ist es ein weiter Weg und sie muss lernen, dass es nicht genügt, etwas gut zu meinen. So wie Mucks das Schwimmen beizubringen. Ihre Träume von der Zeit nach dem Ende der Ferien, wo sie Mucks schon in ihrer Klasse sitzen sieht, zerplatzen. So einfach funktioniert es nicht. Der Fokus der Geschichte bleibt bei Zonja, konsequent wird aus der eingeschränkten Ich-Perspektive erzählt und Schritt für Schritt kann man Zonja beim Erkennen folgen.

Was nicht passt, ist das Cover. Die Bedrohung, die Mucks im Wasser spürt, in ein grünes Krokodil umzudeuten, lenkt die Erwartung in eine komplett falsche Richtung: in einem Kinderbuch lauern dann Abenteuer, Verrücktes. Stattdessen erleben Leserinnen den Beginn des endgültigen Abschieds von der Kindheit. Am Ende des Sommers wird alles anders sein: mit Mucks, mit ihrer Familie und vor allem mit Zonja selbst. Und nicht alles davon ist schlecht.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Stefanie Höfler: Mein Sommer mit Mucks
Weinheim: Beltz & Gelberg 2015
140 Seiten. 12,95 Euro
Kinderbuch ab 10 Jahren

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