Mythen entlarven

Jugendbuch | Inés Garland: In den Augen der Nacht

Menschen sind empfänglich für Mythen, ganz besonders, wenn sie jung sind. Aber Mythen sind gefährlich, weil sie den Anspruch haben, die einzige Wahrheit zu sein. Ein solcher Mythos ist die Liebe. Ihn literarisch zu entlarven ist eine höchst schwierige und gefährliche Aufgabe. Inés Garland ist das Wagnis eingegangen, mit beeindruckendem Ergebnis. Von MAGALI HEISSLER

AugenderNachtDalila hat sich von ihrer älteren Schwester überreden lassen, sich einem kurzen Campingausflug anzuschließen. Begeistert ist sie nicht, denn zwei Freundinnen von Lucía sind dabei. Die eine ein verwöhntes Prinzesschen, die andere schwärmt auf albernste Weise – so Dalila –Lucía an. Aber etwas Besseres zu tun hat Dal auch nicht. Ihre große Liebe Pablo hat sie wieder einmal versetzt und ist zu einem Trip nach Brasilien aufgebrochen. Flotte Sprüche und Fotos mit Bikinischönheiten sind keine gute Medizin gegen Liebesleid.

Beim Zelten am Fluss lernen die Mädchen den etwa gleichaltrigen Tharo kennen. Dal fühlt sich zu ihm hingezogen. Wie kann das sein? Sie liebt doch Pablo. Tharo bleibt nicht der einzige neue Bekannte, Zasiok taucht auf. Er ist gut zwanzig Jahre älter und seine Erfahrungen hat er, wie sich herausstellt, nicht nur auf der legalen Seite des Gesetzbuchs gemacht. Maite, die Verwöhnte, Selbstbewusste, lässt sich auf einen heftigen Flirt mit ihm ein. Auch Lucía scheint angezogen, die Vierte im Bund reagiert mit Eifersucht. Liebesgefühle unterschiedlichster Art und Stärke kreuzen sich immer heftiger, nicht nur aktuelle, auch vergangene kommen plötzlich wieder ans Licht. Dal ist entsetzt. Kann Liebe wirklich so ein Dschungel sein? So schwierig, so verwirrend und schließlich geradezu lebensgefährlich?

Sklavinnenleben

Garland benutzt einen ganz einfachen Handlungsablauf mit seiner ebenso einfachen Logik für ihre Diskussion über die Gefahren falsch verstandener Liebe. Sie zeigt zunächst das herrschende Modell vor allem in den Köpfen junger Frauen. Die Liebe als rosarotes Wunder, das ein Gift ist, das die Frauen lähmt und vom Geliebten abhängig macht bis zur Selbstaufgabe. Dal ist eine intelligente junge Frau von heute, aber sie ist ganz klassisch in den Sklavinnenketten des tödlichen Liebesmythos’ verstrickt.

Garland verstärkt das raffiniert mit der alten Geschichte von Dalila und Samson. Auch hier herrscht ein vermeintlicher Wahrheitsanspruch, wer liebt, wer verrät, ist eindeutig. Aber stimmen die Wertungen? Plötzlich kommt Ambivalenz ins Bild.

Dann erweitert Garland den Blick. Falsche Mythen verhindern die Entwicklung zur eigenen Persönlichkeit. Das betrifft alle Figuren. Maite, die die erotische Seite austestet, leichtfertig, gedankenlos, es ist ja modern. Petra, die entsagend Lucía anschmachtet, obwohl diese verlobt ist. Auch die Männer folgen dieser Liebesvorstellung, sie leben ihre Rolle als Mächtige aus, um am Ende gleichfalls in ihren Fallstricken zu enden. Nur Tharo scheint nicht infiziert. Das macht ihn in dieser Geschichte zum eigentlich erwachsenen Menschen, einen, der überlegt seine Entscheidungen trifft.

Garland wäre nicht Garland, würde sie es dabei belassen. »Erwachsen« ist hier nicht nur im Sinn eines Jugendromans auf das »Ankommen in der Gesellschaft« beschränkt. Dieser Gedanke ist schließlich nur ein weiterer Mythos. Erwachsen sein bedeutet, selbstständig und konsequent sich als Teil eines Ganzen zu verstehen, ohne blind Konventionen zu folgen oder Normen zu erfüllen. Wahrhaftig sein. Und nur damit eben auch wahrhaftig modern.

Der lange Weg in die Freiheit

Zur Liebe gehört klassisch die Sprache des Herzens. Die zentrale Arie von Saint-Saens’ Oper ist nicht nur titelgebend in Garlands Original, sie hat Dalila tatsächlich in den Ohren, während sie über sich und ihre Verstrickungen nachdenkt. Dalilas Verlockung, Lüge oder Wahrheit?
Dass sich Dal gleich zu Beginn im Wald verirrt, ist nicht nur ein überzeugend beschriebener Einstieg, sondern auch ein Rückgriff auf eine klassische Metapher. Ist ein solcher Fingerzeig einmal gegeben, tut man beim Lesen gut daran, auf Ähnliches zu achten, und so kommen weder der Fluss, an dem die Mädchen zelten, noch der Berg, den sie hinaufsteigen, noch die wild wechselnden Wetter von Ungefähr. Tharo gerät dabei eine Spur zu sehr in Richtung des ‚guten Wilden‘, aber man kann damit leben.

Die literarischen Grundmuster überfrachten dabei die Handlung keineswegs. Dals Kampf um ihre Freiheit, gegen die Mythen, gegen die Angst, Verräterin zu sein, wie man es von der antiken Dalila behauptet, ist immer echt. Ebenso sind es die anderen Figuren. Petra, die ihren Kampf auf ihre Weise ficht, Lucía, die ihr Leben mit dem Verlobten austariert, Maite, die Geister heraufbeschwört, die sie allein nicht bändigen kann. Garland erzählt viele Liebesgeschichten in diesem kurzen Buch, um ihren Standpunkt klarzumachen.

Verraten wird hier nur die falsche Überzeugung, die Erkenntnis ist das Ergebnis eines schmerzhaften Prozesses für die Figuren und die Erkenntnis tut gleichfalls bitter weh. Die Stimme des Herzens richtig gehört, ist die Stimme echten Vertrauens. Und nur, wo das herrscht, kann es echte Liebe geben. Allerdings muss man sie geben können und annehmen. Vom Himmel fällt sie nicht.

Übersetzt ist das Ganze höchst geschickt in einem genau passenden zeitgemäßen und zugleich verhalten literarischen Erzählton, der sich nie aufdrängt, trotzdem Nuancierungen erfasst und Assoziationsräume öffnet, die die Leserin betreten kann, aber nicht muss, um zu verstehen, was geschieht.
Sehr gelungene, sehr anspruchsvolle Geschichte über eine tatsächlich zeitgemäße Definition von Liebe als Beziehung zwischen Gleichberechtigten.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Inés Garland: In den Augen der Nacht
(Mi corazón se abre a tu voz 2014) Aus dem argentinischen Spanisch von Ilse Layer
Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag (Fischer KFB) 2015
190 Seiten. 14,99 Euro. Jugendbuch ab 16
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