Wirklich immer? – Political correctness

Roman | Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen

Lange Zeit waren sie mit ihren Zelten dort: am Berliner Oranienplatz. Jenny Erpenbeck widmet sich in ihrem Roman den Flüchtlingen und beschreitet damit neue Pfade. Intensive Recherchearbeiten und Gespräche mit Betroffenen gingen diesem Roman voraus. Das Ergebnis: ein Buch, das wachrüttelt, tief bewegt und doch etwas verärgert. Jenny Erpenbecks ›Gehen, ging, gegangen‹ – rezensiert von TANJA LINDAUER

Gehen ging gegangen von Jenny Erpenbeck
Gehen ging gegangen von Jenny Erpenbeck
Es ist das Wort des Jahres 2015: Flüchtling. Wen wundert’s? Die Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache weist daraufhin, dass nicht nur das Thema der Flüchtlinge hochbrisant sei, sondern der Begriff selbst. »Das Substantiv steht nicht nur für das beherrschende Thema des Jahres, sondern ist auch sprachlich interessant. Gebildet aus dem Verb ,flüchten‘ und dem Ableitungssuffix ,-ling‘ (‚Person, die durch eine Eigenschaft oder ein Merkmal charakterisiert ist‘), klingt ,Flüchtling‘ für sprachsensible Ohren abschätzig.« Warum also nicht von »Geflüchteten« reden?

Die Debatte um das Wort Flüchtling verdeutlicht etwas, was auch Erpenbeck in ihrem Roman thematisiert: Sie zeigt, wie mit Menschen in unserer Gesellschaft umgegangen wird, und das auch auf sprachlicher Ebene. Letztlich macht es keinen Unterschied, ob es nun Geflüchtete und Flüchtlinge sind, entscheidend ist nur, wie man mit ihnen umgeht. Das Beamtendeutsch, das auch für jeden Muttersprachler zu einem unverständlichen Kauderwelsch werden kann, ist für Ausländer noch undurchschaubarer. Sie sind in einer endlosen Warteschleife. Und: ohne Aufenthaltsgenehmigung keine Arbeit, keine Bleibe.

Augen zu und durch

Und viele von uns verschließen die Augen und glänzen mit Halbwissen. Erpenbeck entschloss sich 2013, nachdem ein Schiff mit 400 Menschen untergegangen ist, dass sie nicht weiter wegschaut, sondern hinsieht. Die Geschichte dieser Menschen muss erzählt werden. Dies hat sie mit ihrem Protagonisten, Richard, emeritierter Professor für alte Sprachen, gemein. Auch er sah nicht hin und bemerkte sie noch nicht einmal. Doch dann wird er auf die Flüchtlinge aufmerksam, er möchte mehr erfahren, die Menschen kennenlernen, ein Buch schreiben.

»Wenn du Glück hast, wirst du geschlagen, wenn du Pech hast, wirst du erschossen […] Dann haben sie aus den Telefonen die SIM-Karten herausgenommen und vor unseren Augen zerbrochen, dann die Speicherkarten […] Broke the memory, sagt Awad. Das Gedächtnis zerbrochen […] Wer zurückzuschwimmen versucht, wird erschossen. Wir wussten nicht, wohin das Boot fährt […] Wir haben in eine leere Plastikflasche mit den Zähnen eine größere Öffnung hineingebissen, dann ein paar Schnürsenkel aus unseren Schuhen zusammengebunden, die Flasche angehängt, runtergelassen, und das Meerwasser geschöpft. Man muss ja trinken […] Die Toten wurden ins Meer geworfen.«

»Wohin geht ein Mensch, wenn er nicht weiß, wo er hingegen soll?«

Die Schicksale der Menschen bewegen und lösen Trauer aus. Es ist ein wichtiger Roman mit einer noch wichtigeren Botschaft, doch ist der Protagonist Richard Erpenbeck nicht sonderlich gut gelungen. Man erwartet als Leser einen belesenen Professor, der auch politisch die Welt verfolgt, und nicht nur in alten Sagen schmökert. Daher irritiert es, dass Richard so wenig weiß von der Flüchtlingsdebatte. Irritierend zudem seine Vergleiche: »Awad wurde in Ghana geboren. Seine Mutter starb bei der Geburt. So wie Blanscheflur, denkt Richard, so wie die Mutter von Tristan.« Er kann sich die afrikanischen Namen einfach nicht merken … Und dennoch: Erpenbecks Roman sollte gelesen werden, damit man nicht vergisst. Er rüttelt wach und ist keineswegs kitschig.

| TANJA LINDAUER

Titelangaben
Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen
München: Knaus 2015
352 Seiten. 19,99 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

1 Comment

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Falsche Sicherheit

Nächster Artikel

Umgarnt

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Der Spielraum eines Satzes

Porträt & Interview | Ralph Segert im Gespräch mit dem Schriftsteller Martin Lechner

Martin Lechner erzählt über die Fallstricke und Tücken der Schriftstellerei, verrät uns, warum er skeptisch gegenüber dem realistischen Schreiben ist und besteht auf Verführung des Verstandes durch magische Sätze. Ein tiefsinniges Nachdenken über das Schreiben und die Literatur, nicht ohne den typischen Lechner-Humor.

Bonnie und Clyde in Südschweden

Roman | Hjorth & Rosenfeldt: Die Früchte, die man erntet

Drei Morde in kurzer Zeit in einer südschwedischen Kleinstadt – das verlangt nach der Anwesenheit der Reichsmordkommission. Die wird inzwischen von Vanja Lithner geleitet. Und weil sich deren Beziehung zum Kriminalpsychologen Sebastian Bergman, ihrem Vater, weitgehend normalisiert hat, wird auch der bald wieder eingespannt, um das Rätsel um den geheimnisvollen, eine Racheliste abarbeitenden Heckenschützen zu lösen. Bergman hat allerdings nach wie vor mit seiner eigenen Vergangenheit zu tun. Und schließlich ist da auch noch Vanjas Kollege und Freund Billy und dessen Verhältnis zur Gewalt. Genug Konflikte also, damit Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt in ihrem siebten gemeinsamen Kriminalroman erneut 500 Seiten ebenso spannender wie kurzweiliger Unterhaltung abliefern können. Von DIETMAR JACOBSEN

Trügerisches Paradies

Roman | Bernhard Aichner: John

Mit Yoko hat Bernhard Aichner vor einem knappen Jahr einen Thriller vorgelegt, der ganz in der bewährten Manier dieses Osttiroler Autors den blutigen Rachefeldzug einer von Mitgliedern einer chinesischen Triade aufs Korn genommenen Frau gegen ihre Peiniger thematisierte. Nun folgt mit John die Fortsetzung der Abenteuer dieser sich schließlich in eine neue, männliche Identität flüchtenden Figur. Auf einer griechischen Insel hat sich Yoko unter dem naheliegenden Namen John in Sicherheit vor all ihren Verfolgern gebracht. Doch nicht nur die Polizeihauptkommissarin Katrin Liebermann, die Yoko seit Jahren auf die Spur zu kommen versucht, sondern auch eine zweite Frau aus ihrer alten Heimat erkennen in John die von Polizei wie Triaden Gesuchte. Beide haben je eigene Pläne mit der Enttarnten. Und Yoko muss, ob sie will oder nicht, auch als John wieder töten. Von DIETMAR JACOBSEN

Wenn Lärm zu Mordgelüsten führt

Roman | Patrícia Melo: Der Nachbar Von Nachbarn fühlt man sich manchmal vielleicht schon einmal gestört. Dass daraus aber ein häusliches Drama mit einer Leiche wird, das stammt dann schon eher aus der bitterbösen Feder von Patrícia Melo. Schwarzer Humor vom Feinsten! Von BARBARA WEGMANN

Mensch ohne Wurzeln

Roman | Jan Böttcher: Y Der Buchstabe »Y« hat die Form eines Baumes oder einer Weggabelung. Jan Böttcher wagt in seinem neuen Roman Y ein Experiment: Zwei ganz unterschiedliche Menschen begegnen sich, finden kurzzeitig zueinander, um danach wieder getrennte Wege zu gehen. Jan Böttcher wird zum Wanderer zwischen zwei Extremwelten und erzählt eine große europäische Geschichte. Von HUBERT HOLZMANN