/

Spitz auf Knopf

Gesellschaft | Markus Metz, Georg Seeßlen: Hass und Hoffnung

›Hass‹ und ›Hoffnung‹ beschreiben die konträren Dispositionen im gegenwärtigen Flüchtlings-Hype, den man – das ganze Land ist involviert, so oder so – ähnlich verstehen darf wie den Sommermärchen-Hype von 2006, dessen korrupte Anbahnung erst heute nach und nach aufgeblättert wird – ohne Moos nichts los, so geht’s. Von WOLF SENFF

hassundhoffnungPostdemokratisches Regieren, so Seeßlen und Metz in Anlehnung an Carl Schmitt und Giorgio Agamben, baue darauf, das ein Ausnahmezustand hergestellt und dauerhaft reproduziert werde: Krieg gegen den Terror, Finanzkrise, Griechenland-Krise und nun Flüchtlingskrise, der Text ist auf der Höhe der Zeit.

Wohlstand? Demokratie? Nation?

Unter diesen Vorzeichen erweisen sich einst zentrale Begriffe – »Narrative« – wie Wohlstand, Demokratie, Nation als Schimären. ›Nation‹ etwa, gar ›Kultur‹, das sei real bloß noch eine »Inszenierung der Unterhaltungsindustrie«, Seeßlen und Metz sehen uns in einem von Dispositiven, Mythen und Ökonomisierungen regierten »geschmeidigen Übergang« hin zu einem oligopolistischen Finanzkapitalismus.

In der Ukraine-, der Griechenland- und der Flüchtlingskrise seien erkennbar keine offenen Debatten mehr geführt worden, sondern es sei Kampagnenjournalismus betrieben worden, »Dispositive« (Agamben) wurden ans Volk ausgegeben. Atmosphärisch seien diese Dispositive geprägt durch Nationalisierung, Militarisierung und Dehumanisierung. Anders gedreht, real, sei dies wiederum ein Symptom des Auseinanderbrechens von Wohlstand, Demokratie, Nation. Damit dürfte der aktuell dominante politische Trend treffend wiedergegeben sein.

Öffentlich verbalradikal

Seeßlen und Metz stellen die mit der Integration verbundenen Probleme – rechtliche Stellung, Arbeitsbedingungen, Wohnungsversorgung – konkret und sachgerecht dar; sie arbeiten die niederträchtige, unmenschliche Haltung der lautstark und aggressiv auftretenden Pegida-Front heraus, die diese auf dasselbe Niveau wie den Front Nationale, die skandinavischen Neofaschisten, die »wahren Finnen« sortiere.

Real zeigen sie besonders in ihrer dezidierten Darstellung der bayrischen Haltung, dass es starke und einflussreiche integrative Bestrebungen gibt, z. B. seitens der katholischen Kirche, die selbst von einer lautstark und aggressiv auftretenden CSU nicht ignoriert werden können; die Flüchtlingspolitik an sich, von öffentlichem Verbalradikalismus einmal abgesehen, arbeite durchaus effektiv.

Demütigungen vs. Fürsorge

Mit dem unversöhnlichen Auftreten Seehofers seit ca. Oktober, einer »Rhetorik von Abschreckung, Herabwürdigung und Denunziation«, werde – der Realität in den Kommunen zum Trotz – gezielt Macht- und Parteipolitik betrieben, die Flüchtlinge würden politisch instrumentalisiert. Wichtige Landtagswahlen stehen ins Haus.

Es sei ein Konflikt entstanden zwischen zivilgesellschaftlicher Fürsorge und administrativer Abschreckung und Demütigung; generell positiv schätzen Seeßlen und Metz jedoch die Tatsache ein, dass allein die Notwendigkeit, den Flüchtlingen zu begegnen, diese Gesellschaft verändern werde.

Geopolitische Fronten

Abschließend gehen sie auf den Zusammenhang von westlicher Zivilgesellschaft und Islamischem Staat ein, der einer Schätzung Interpols zufolge über dreißig Prozent seiner etwa 25.000 Soldaten aus Europa rekrutiere – an der kaltschnäuzig betriebenen Entsolidarisierung dieser ›Zivilgesellschaft‹ gescheiterte Existenzen. Unübersehbar hängt eins am anderen, die Gesamtlage hat unverkennbare Qualitäten von Schizophrenie.

Realiter führe der Weg einer ›alternativlosen‹, ›marktkonformen‹ Demokratie in ein Schreckensszenario zwischen einerseits diktatorischem IS und andererseits einer die Grundlagen der Zivilgesellschaft ruinierenden neoliberalen Politik. Markus Metz und Georg Seeßlen zeigen in ihrer hochaktuellen Untersuchung, wie sehr die Lage derzeit Spitz auf Knopf steht.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Markus Metz, Georg Seeßlen. Hass und Hoffnung. Deutschland, Europa und die Flüchtlinge
Berlin: Bertz + Fischer 2016
260 Seiten, 9,90 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Inhaltsverzeichnis
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Auf der Suche nach dem fehlenden Vater

Nächster Artikel

Bringing down the System one song at a time

Neu in »Gesellschaft«

Wendepunkte

Gesellschaft | Dan Diner: Rituelle Distanz. Israels deutsche Frage Lange bevor die Bundesrepublik Deutschland und Israel 1965 diplomatische Beziehungen aufnahmen, öffnete das Luxemburger Abkommen von 1952 den Weg zu einer behutsamen Annäherung beider Staaten. Die Ereignisse sind längst ausführlich historisch beleuchtet worden, nicht wenige der Protagonisten haben ihre Erinnerungen veröffentlicht. Dan Diner, 1999-2014 Direktor der Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte in Leipzig, interessieren in ›Rituelle Distanz‹ allerdings gerade nicht die bekannten diplomatischen, politischen und wirtschaftlichen Aspekte. Von PETER BLASTENBREI PDF erstellen

Unter Minderheiten

Gesellschaft | Weltecke / Gotter / Rüdiger: Religiöse Vielfalt und der Umgang mit Minderheiten JOSEF BORDAT bespricht den Sammelband ›Religiöse Vielfalt und der Umgang mit Minderheiten‹, herausgegeben von Dorothea Weltecke, Ulrich Gotter und Ulrich Rüdiger. In ihm werden Erfahrungen aus Vergangenheit und Gegenwart behandelt, die einen anderen Blick auf das Phänomen ermöglichen: Religiöse Vielfalt ist normal. PDF erstellen

Ausgebuffte Kampagnen

Sachbuch | Peter Strutynski (Hg.): Töten per Fernbedienung. Kampfdrohnen im weltweiten Schattenkrieg Plumpe, dumme, nein dümmste Marketingstrategien sind bemüht, unser Handeln und unseren Blick auf die Welt zu steuern. Wir können das bedauern. Ändern? Wir können nur immer von neuem versuchen, uns nicht mitziehen zu lassen. Gibt ne Menge Namen dafür. Neulich sagten wir noch Werbefeldzüge, davor gab’s das Wort Propaganda. Die Sprachregelung der Political Correctness hat sich feines Tuch angetan und lernt von den krawattentragenden Usançen des Consulting, man spricht von »Präsentation«. Die Tatsachen sind unverändert. Von WOLF SENFF PDF erstellen

»G«-Dienst zwischen Sehnsucht und Scham

Gesellschaft | Bruno Latour: Jubilieren Jubilieren. Über religiöse Rede heißt Bruno Latours Buch über die Sprachnot angesichts des Heiligen und die Gott- bzw. »G«-Suche des modernen Menschen. JOSEF BORDAT folgt ihm beim Versuch der religiösen Orientierung inmitten von Anfechtung und Zweifel. PDF erstellen

Fabriken der Biotechnologie

Gesellschaft | Bernard Lown: Heilkunst. Mut zur Menschlichkeit Da scheiden sich die Geister – es immer wieder eine denkwürdige Erfahrung, dass öffentliche Aussprache über Medizin hierzulande üblicherweise nach den Vorgaben und Regeln einer übermächtigen Gesundheitsindustrie erfolgt. Was jenseits dieses regulierten Territoriums stattfindet, dringt nicht durch. So erscheint auch der hier rezensierte Band in einem medizinischen Fachverlag, einer Nische, und gewinnt nicht die Öffentlichkeit, die er von vornherein verdient hätte. Von WOLF SENFF PDF erstellen