Dem »Milchbrötchen« gefolgt

Roman | Siegfried Lenz: Der Überläufer

Knapp zwei Jahre nach dem Tod des bedeutenden Romanciers Siegfried Lenz ist ein bisher unveröffentlichter, 65 Jahre alter Roman ›Der Überläufer‹ aufgetaucht, der in den 1950er Jahren nicht erscheinen durfte und den Lenz später nie erwähnt, aber auch nicht vernichtet hat. Im Nachlass wurde das Schreibmaschinenmanuskript entdeckt und nun von Hoffmann und Campe veröffentlicht. Von jenem Verlag, der Lenz‘ erschütternden Kriegsroman damals abgelehnt hat. Von PETER MOHR

Ueberlaeufer»Ich halte es für äußerst gefährlich, den Roman im bisherigen Zustand zu publizieren. Er würde, was seine ‚Gesinnung‘ betrifft, scharf unter die Lupe genommen werden«, schrieb der verantwortliche Lektor einst an den 25-jährigen Lenz, der gerade mit seinem Erstling ›Es waren Habichte in der Luft‹ auf sich aufmerksam gemacht hatte.

Als »gefährlich« wurde im politischen Klima der frühen Adenauer-Zeit offensichtlich Lenz‘ Beschreibung eines »Überläufers« erachtet, eines Mannes, der zwischen die Fronten geraten ist, sich gegen den »Heldentod« fürs Vaterland und fürs eigene Überleben entschieden hat.

Die Hauptfigur Walter Proska, 35 Jahre alt und von eher schlichtem Gemüt, stammt wie Lenz selbst aus dem masurischen Städtchen Lyck. Im Sommer 1944 wird er einer kleinen Einheit an der Ostfront zugeteilt, die sich in einer Waldfestung verschanzt hat. »Waldeslust« nennt die aus sieben deutschen Soldaten bestehende Gruppe ihre Stellung. Ein Bahndamm soll bewacht werden, Kontakt zur nächsten Dienststelle gibt es nicht mehr – eine unsinnige Mission, ein Todesurteil auf Raten. Der Kommandant Stehauf, ein gnadenloser Disziplin- und Gehorsamsfanatiker, heizt die Untergangsstimmung noch zusätzlich durch seine zynischen Landsersprüche an: »Halten Sie Ihr Maul, sonst erkältet sich Ihr Darm.«

Der Kugelhagel der Partisanen und gigantische Mückenschwärme setzen der versprengten Gruppe im schlesischen Moorgebiet gleichermaßen zu. Eine schier aussichtslose Situation, in der sich Proska befindet – hin und hergerissen in seinen wirren Gedanken zwischen der unglücklichen Liebe zur Polin Wanda, dem drohenden Tod fürs Vaterland und der vagen Überlebenshoffnung als Deserteur.

Der entscheidende Impulsgeber für Proskas Entschluss war jener Kamerad Wolfgang, der in der Gruppe wegen seiner schwachen körperlichen Konstitution nur »Milchbrötchen« genannt wurde. Der besonnene Intellektuelle passt so gar nicht in die martialische Krieger-Welt: »Du kennst mich doch, Walter, und du darfst gewiss sein, dass mein Schritt einen größeren Nutzen als Schaden bringen wird. Weil ich Mitleid mit ihnen habe, darum verriet ich sie.« Der Protagonist Walter Proska folgt dem »Milchbrötchen«, desertiert zu den Russen und erlebt Schrecken, Grauen und Entsetzen nun aus der entgegengesetzten Perspektive.

Siegfried Lenz, den der verstorbene Alt-Kanzler Helmut Schmidt einmal als »Ombudsmann des menschlichen Anstands« bezeichnet hat, beschreibt in diesem Frühwerk auf drastische, manchmal an Hemingways raue Diktion erinnernde Art und Weise die Unmenschlichkeit des Krieges, die Grausamkeiten, die unendlich vielen Toten, aber auch die schweren seelischen Deformationen der Überlebenden. Vor allem geht es um die Schwere der Schuld, die jeder Einzelne auf sich geladen hat – um den kaum zu bewältigenden Spagat zwischen Kollektiv- und Individualschuld. Eine Fragestellung, die auch im späteren Werk von Siegfried Lenz (u.a. in Deutschstunde) von zentraler Bedeutung war.

Zum dramatischen Handlungshöhepunkt kommt es, als der »übergelaufene« Proska seinen eigenen Schwager erschießt. Er findet später den Mut, seiner Schwester zu gestehen, dass er sie zur Kriegerwitwe gemacht hat. Welch eine Konstellation, welch ein seelischer Druck, der da auf den Figuren lastet?

Schuld und Sühne, Verzeihen und Gnade – durch diese schmerzhafte, ja beinahe zerstörende Achterbahnfahrt der Gefühle hat Lenz seine Hauptfigur geschickt und damit schon früh sein enormes Talent zur Schöpfung authentischer Menschenbilder offenbart.

Man merkt diesem frühen Roman bisweilen noch den relativ ungestümen Umgang mit der Sprache an. Ein gewisses Naserümpfen lässt sich nicht unterdrücken, wenn man vom »zähen eigenbrötlerischen Gestrüpp von wilden Brombeerranken« oder von einem »Schmerz spitz wie eine Haarwurzel« liest.

Aber das lässt sich fraglos als Jugendsünde abhaken. Viel wichtiger ist der schon enorm klare, beinahe sezierende Blick des jungen Lenz auch für Nebenfiguren. Und vielleicht ist es gerade jener Apotheker Adomeit, der sich Betäubungsmittel injiziert und auf den ersten Seiten des Romans die emotionale Disparatheit so treffend auf den Punkt bringt: »Darum schicke ich die Erinnerungen zum Teufel, und damit sie niemals wiederkehren, spritze ich mir das ein. Können Sie das verstehen?«

Der wieder aufgetauchte »Überläufer« ist ein für Siegfried Lenz‘ Oeuvre ganz wichtiger Mosaikstein. Nicht nur für Literaturwissenschaftler, sondern auch für den Leser ein ganz wichtiger Fund. Es ist noch kein erzählerisches Meisterwerk, aber als authentisches Zeitzeugnis heute noch so erschütternd und beklemmend wie vor 65 Jahren.

| PETER MOHR

Titelangaben
Siegfried Lenz: Der Überläufer
Hamburg: Hoffmann und Campe 2016
358 Seiten. 25 Euro
Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Anfang und Ende

Nächster Artikel

Bluttaten im Burgtheater

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Skrupellose Karrieristen gibt es in jeder Zeit

Roman | Jo Nesbø: Macbeth Im Jahr 2012 rief The Hogarth Press, 1917 von Virginia und Leonard Woolf ins Leben gerufen, international bekannte Autoren dazu auf, rund um den 400. Todestag des berühmten Dramatikers ihre ganz persönliche Neuerzählung eines Werkes von William Shakespeare (1564 – 1616) zu präsentieren. Renommierte Autorinnen und Autoren wie Anne Tyler, Margaret Atwood, Edward St. Aubyn und Howard Jacobson beteiligten sich bisher an dem so genannten »Hogarth Shakespeare Project«. Von DIETMAR JACOBSEN

Zwischen Humor und Weltpolitik

Roman | Jakob Augstein: Die Farbe des Feuers

»Ich habe immer schon geglaubt, dass die Vorstellung, dass wir Herr dessen sind, was wir tun, eine notwendige Vorstellung und ein Irrtum ist. Wir müssen das glauben, sonst bricht alles zusammen. Aber ich glaube, das ist Quark«, bekannte kürzlich Jakob Augstein. Von PETER MOHR

Der Mann im Dunkeln

Roman | Jacob Ross: Shadowman

Nach Die Knochenleser (Suhrkamp 2022) ist Shadowman der zweite ins Deutsche übertragene Roman von Jacob Ross. Erneut stehen die jungen Polizisten Michael »Digger« Digson und Kathleen Stanislaus im Mittelpunkt. Und es geht um viel, nämlich um ihrer beider Karrieren, die auf dem Spiel stehen, nachdem Miss Stanislaus den Mann, der sie im Alter von 14 Jahren brutal vergewaltigte, erschossen hat. Muss sie deshalb ihren Dienst quittieren? Oder gelingt es ihr mit Diggers Hilfe, den Kopf noch einmal aus der Schlinge zu ziehen und nachzuweisen, dass sie in Notwehr gehandelt hat und nicht aus schlichter Rachsucht? Von DIETMAR JACOBSEN

Zwischen Glaswolle und Gummiknüppeln

Roman | Frank Goldammer: Juni 53

Mit seiner Reihe um den Dresdener Kriminalpolizisten Max Heller hat Frank Goldammer (Jahrgang 1975) es längst in die Bestsellerlisten geschafft. Band 5 heißt Juni 53 und spielt mit seinem Titel auf die Tage der Arbeiterproteste in der DDR an. Auch in Dresden gehen aufgebrachte Werktätige auf die Straße. Man protestiert gegen kaum erfüllbare Produktionsnormen, Versorgungsengpässe und eine Regierung, die ihre Direktiven gnadenlos nach unten durchdrückt und vor der bedrückenden Realität die Augen verschließt. Dass der brutale Mord im VEB Rohrisolation, den Heller und sein Kollege Oldenbusch aufklären sollen, etwas mit den am 17. Juni in vielen Städten in Gewalt umschlagenden Aufständen zu tun hat, steht für einen mitermittelnden Stasi-Offizier schnell fest. Doch Max Heller verfolgt eine andere Spur. Von DIETMAR JACOBSEN

Kassandra verstummt nicht

Roman | Friedrich Christian Delius: Wenn die Chinesen Rügen kaufen, denkt an mich

»Jedes Buch entsteht aus neuen Fragen, aus neuen Erfahrungen heraus«, hatte Friedrich Christian Delius 2013 in einem Interview über seine eigene Arbeit erklärt. Ein spürbarer politischer Klimawechsel, gewaltige Veränderungen in der Medienlandschaft und handfeste Probleme mit dem Älterwerden sind die zentralen Motive im neuen, etwas sperrigen Erzählwerk des Georg-Büchner-Preisträgers von 2011. Von PETER MOHR