Notgemeinschaft und die Folgen

Jugendbuch | Patrycja Spychalski: Heute sind wir Freunde

Fünf Jugendliche, die in der leeren Schule festsitzen, draußen ein tobender Sturm – das kommt einer so bekannt vor, dass man das Buch eher mit geringen Erwartungen aufschlägt. Zwei, drei Seiten genügen für die Einsicht, dass man sich selten so geirrt hat. Spychalski ist eine Autorin, die immer überrascht, und das tut sie auch mit ihrer neuen Geschichte einer kleinen Notgemeinschaft. Und den Folgen. Von MAGALI HEISSLER

Spychalski Heute sind wir FreundeAls Nell die Sturmwarnungen hört, findet sie das aufregend. Nicht aufregend ist die Aussicht, deswegen ein Wochenende lang mit ihren Eltern zusammen zu sein. Noch unangenehmer ist, dass sie vorher noch einen Aufsatz nachschreiben muss. Die heftige Windstärke auf dem Schulweg entspricht demgemäß etwa dem Grad von Nells schlechter Laune. Allerdings gibt es einen Sonnenstrahl. Das ist die Tatsache, dass auch Leo den Aufsatz wiederholen muss. Bad Boy Leo ist Nells große Liebe, auch wenn er keine Ahnung davon hat.

Leo wäre am liebsten Rockstar. Der Musik wegen, klar, aber auch wegen der Frauen. Vor allem derjenigen, die ein wenig älter sind, ein bisschen verrucht, eigensinnig, ungewöhnlich. Am schönsten wäre die große Liebe, aber hey, noch ist er jung und was zählt, ist Sex. Vor allem, wenn er am Reden ist. Leo redet gern und viel.

Das nervt sowohl Chris, den stillen Beobachter als auch Anton, den keiner richtig mag. Anton ist ein Streber. Dass die beiden auch nachschreiben müssen, nimmt Nell gerade mal zur Kenntnis. Dass Valeska dasitzt, das schönste Mädchen der Schule und von Nell insgeheim heftig beneidet, ist schon interessanter.

Als durch eine Verkettung von Zufall und unglücklichen Umständen ausgerechnet sie fünf in der Schule festsitzen, ist nicht nur Nell überrascht und befremdet. Sie kennen sich ja kaum. Was sollen sie denn miteinander anfangen?

Außenwelt und Innenwelt

Spychalski lässt alle fünf abwechselnd zu Wort kommen. Rasch wird klar, dass es nicht um ein Abenteuer und rasante Handlungsabläufe geht. Im Mittelpunkt steht vielmehr, was die erzwungene Gemeinsamkeit innerlich auslöst.

Zunächst geht es um Äußerliches, die bedrohlichen Folgen des Wetters, die Unsicherheit angesichts des plötzlichen Alleinseins, aber auch um die Vorstellungen, die die beiden Mädchen und die drei Jungen von den anderen haben. Eigentlich sind sie in dem Alter, in dem sie von vorgefassten Meinungen, und Schubladendenken abgestoßen werden. Von den Klischees, wie Anton es für sich nennt.

Sie müssen entdecken, dass sie selber nicht frei sind davon. Sie träumen Träume aus vorgegebenen Versatzstücken, haben ihre Meinung über die anderen flink gefasst, ohne nachzudenken. Sich selbst kennen sie auch nicht besonders gut. Der Wind, der draußen heult und tobt, reißt bald auch seelische Wände ein.

Spychalski erzählt gelassen vom Ende romantischer Träumerei, von unangenehmer Selbsterkenntnis und vom Entdecken unvermuteter Stärken. Es sind die eigenen Stärken, derer sich die Jugendlichen am wenigsten bewusst sind. Es ist eine Stärke der Autorin, dass es ihr gelingt, die Verblüffung über die eigene Entwicklung während dieser seltsamen Stunden zwischen Zeit und Raum ganz realistisch wiederzugeben. Das Staunen, aber auch ihre Ängste angesichts der veränderten Person, der sie sich unvermutet gegenübersehen, sind unmittelbar spürbar.

Der Einbruch der Außenwelt in das Innere geschieht immer auf überraschende Weise. In einem Text, in dem es um Klischees geht, vermeidet es Spychalski meisterlich, in Klischees zu verfallen. Das Wechselspiel zwischen Wetter und Schule, Bedrohlichem und Schutz, Fremdeinschätzung und Selbsteinschätzung wird durchgängig mit einer Leichtigkeit aufrechterhalten, die einer ehrliche Bewunderung abnötigt.

Jung sein

Die Geschichte steht und fällt mit dem Evozieren der ganz besonderen Atmosphäre, die das Gefühl, jung zu sein, ausmacht. Spychalski weiß nicht nur, wovon sie schreibt, sie weiß auch genau, wie man es macht, um sowohl die erfundenen Figuren lebendig werden zu lassen, als auch in Leserinnen mit wenigen Worten nur exakt die Gefühle zu wecken, die nötig sind, um sich mit dem Erzählten rundum identifizieren zu können. Halbdunkle Gänge, das Getrommel von Regen gegen die Scheiben, Bäume, wildgewordene Ungeheuer im Wind, die sich bedrohlich gegen die Mauern neigen, das eigene Herz, das ebenso wild pocht, rasende Gedankenfetzen, plötzliche Abenteuerlust und ebenso plötzlich die Sehnsucht nach Trost.

Nell, Anton, Chris, Valeska und Leo leben aus, wovon viele Sechzehn-, Siebzehnjährige träumen. Durch leere Räume toben, verschlossene Türen aufbrechen, sich küssen, die Cafeteria plündern, sich in Gefahr begeben und eben nicht umkommen. Sie machen Musik, reden, streiten, verkleiden sich. Am Ende gibt es selbstverständlich eine Party, so rauschend, wie man es zu fünft in dem Alter nur schafft. Dann folgt tiefer Schlaf, den sie schlafen wie kleine Kinder, nur um von der Realität in Gestalt besorgter Eltern unsanft eingeholt zu werden. Aber noch haben die Fünf das letzte Wort nicht gesagt.

Spychalski schreibt verhalten, aber es gibt einige Seitenhiebe auf überdrehte Eltern, kleine Racheaktionen gegen Lehrer, Großmäuligkeit und herbe Wahrheiten.

Die interessantesten Überlegungen aber liefert sie, wenn es um die Frage der eigenen Entwicklung geht. Wohin führt der Weg? Wie fühlt es sich an, wenn man vertraute Pfade verlässt? Die Jugendlichen sind sich und den anderen gleichermaßen Katalysatoren wie Betroffene. Am nächsten Morgen wissen sie, dass sie sich verändert haben. Vor allem haben sie erfahren, wie viel in ihrer Hand liegt.

Was daraus wird, lässt die Autorin offen. Das ist die größte Leistung dieses Romans. Eine solche Ehrlichkeit gegenüber der Realität verbunden mit echtem Respekt vor erfundenen Figuren findet man selten in Jugendbüchern, vor allem, wenn sie eher der Unterhaltung dienen sollen. Spychalski gelingt die Verbindung von Leichtigkeit und Ernst, die schon ihren ersten Roman auszeichnete, mit jedem Buch besser. Wer bei der Suche nach Lektüre bis jetzt noch nicht auf ihren Namen gestoßen ist, sollte ihn sich schleunigst notieren.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Patrycja Spychalski: Heute sind wir Freunde
München: cbt 2016.
317 Seiten, 14,99 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren
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