Schwere Bürde Verantwortung

in Jugendbuch

Jugendbuch | Jen White: Als wir fast mutig waren

Als älteres Geschwisterkind bekommt man ihn häufig zu hören, den Satz von der Verantwortung für die Kleineren. Erzieherisch ist er nicht falsch. Dennoch sollten Eltern es sich nicht zu leicht machen damit. Zuweilen nämlich nehmen Kinder Verantwortung zu ernst. Dann wird’s gefährlich. Jen White hat eine clevere Geschichte darüber geschrieben. Von MAGALI HEIẞLER

Jen White - Als wir fast mutig waren - 9783551556806 - 350White wirft die Leserin mitten ins Geschehen. Nach den ersten Sätzen schon spürt man Ängste, Beklemmung, die Hitze an der abgelegenen Tankstelle an einer Straße durch die Wüste Arizonas. Dort hängen Liberty und Billie fest, zwölf und acht Jahre alt. Gekommen sind sie vor Kurzem erst mit ihrem Vater, doch der ist fort. Samt Wohnmobil. Warum? Die beiden Mädchen wissen es nicht. Vor allem Liberty ist ein Bündel von Sorgen. Was soll aus ihnen werden, wenn ihr Vater nicht zurückkommt?
In den Ohren hat sie immer noch die Worte ihrer Mutter. Als ältere Schwester hat sie die Verantwortung für die Kleine. Ihre Mutter weiß, dass sie sich auf Liberty verlassen kann, immer.

Was ihre Mutter nie wusste, ist, dass Liberty selbst bezweifelt, ob sie wirklich alles so bewältigen kann, wie ihre Mutter sich das vorstellt. Die Krise beginnt gerade.
Liberty weiß nicht mehr, wem sie trauen kann oder was sie tun soll. Sie weiß nur, dass Billie nicht geschehen darf. Die Kleine darf keine Angst bekommen, sie muss versorgt und behütet werden. Das tut Liberty, ohne Rücksicht auf Verluste. Dass sie damit auf eine Katastrophe zusteuert, kommt ihr nicht in den Sinn.

Überlebensinstinkt

White hat sich ein raffiniertes Gedankenspiel für ihre Protagonistin einfallen lassen, um ihre eigentliche Absicht zu demonstrieren. Wer an der hochspannenden Handlung kleben bleibt, übersieht den Kern und wird am Ende ein bisschen ratlos zurückbleiben. Kurz gesagt: White verpackt ihre ›Moral‹ fast zu geschickt.
Liberty ist höchst interessiert an den Lebensweisen der Tiere. Ausgelöst wurde das vom Beruf ihres Vaters, Fotograf. Jahre zuvor hat der Vater die Familie verlassen, ein paar Tierfotos nur sind geblieben. Das wird in kleinsten Stückchen nach und nach aus den Rückerinnerungen Libertys zugefüttert. Was sie Interessantes von Tieren erfährt, notiert sie in einem kleinen Buch, das sie immer bei sich trägt. Das Verhalten von Tieren in Gefahrensituationen fasziniert sie am meisten und – das ist wesentlich für das Verständnis ihres Handelns – die Bildung von Tiergruppen, vornehmlich Familien.

Eine Familie ist es, was Liberty vermisst, einen sicheren Ort, etwas, worauf sie sich verlassen kann. Nichts davon hat sie. Was sie, vermeintlich, gelernt hat, ist, dass man Erwachsenen am besten nicht traut. Überhaupt sind menschliche Verhaltensweisen meist undeutbar, grausam, gefährlich. Daher orientiert sie sich am Instinkt wie ein Tier. Es geht ihr um die Befriedigung der Grundbedürfnisse, Essen, Schlafen, ein wenig Sauberkeit, vor allem aber um das Überleben auf der Flucht. Dementsprechend sich die Kapitelüberschriften gestaltet. Überlesen sollte man sie nicht.

Die Autorin lässt sich Zeit, Libertys Entwicklung zu schildern. Das Mädchen erzählt selbst davon. Ihre Irrtümer, die falschen Erkenntnisse und daraus resultierend ihre zahlreichen Fehlentscheidungen sind nicht leicht zu ertragen. Ihre wachsende Angst ebenso wenig, die Beklemmung wächst von Seite zu Seite. Überraschend und beeindruckend ist auch die Konsequenz der Autorin bei der Benennung der auftretenden Personen. Einen Klarnamen haben nur die, die zu Libertys engstem Kreis gehören. Für alle anderen findet sie sprechende Namen, Star Wars Kid, Lavendeldame, Tatooman, etwa. Das regt die Fantasie der Leserin an, sagt aber auch alles, was sie wissen muss.

Der eingeschränkte Horizont einer Zwölfjährigen wird sehr deutlich. Überraschend reife Einsichten, Kleinkinderdummheiten, Altklugheit, Kindliches und Kindisches wechseln sich ab, vermischen sich, verwirren sich. Liberty eine Achtjährige an die Seite zu hexen, kommt einer manchmal fast gemein vor. Aber White ist eine so gute Autorin, dass man sich auch dabei ganz auf sie verlassen kann. Billie ist ein Mädchen, mit dem gerechnet werden muss – und zwar ganz anders, als Liberty (und die Leserin) sich das vorstellt.

Was Menschen ausmacht

Liberty ist enorm mutig. Sie muss zwei schwere Verluste ertragen und einen bösen Konflikt mit dem wiederaufgetauchten Vater. Das ist hartes Brot für eine Zwölfjährige. Ihre Vergehen bleiben dennoch schwerwiegend. Dazu hätte sich White ein wenig ausführlicher äußern können, schließlich ist Verantwortung etwas, das sie immer wieder in den Mittelpunkt rückt. Wer wie viel Verantwortung übernehmen und tragen kann, wird immer wieder gefragt. Selbst die Figuren mit den winzigsten Nebenrollen haben mindestens eine Verantwortung anderen gegenüber. Freiwillig, unfreiwillig, akzeptiert, zurückgewiesen, übersehen, vergessen, aufgezwungen, ganz gleich, die Verantwortung ist stets präsent.
Ohne Vertrauen schlägt das jedoch leicht in Bevormundung, Zwang und Unfreiheit um. Das ist eine der Lektionen, die Liberty lernen muss. Ein kühnes Thema für ein Buch für diese junge Zielgruppe.

Verantwortung wird hier gegen das Handeln aus Instinkt gesetzt, nicht nur bei Tieren. Einzustehen für etwas, die Folgen des eigenen Handelns zu ertragen, sich mit anderen auseinanderzusetzen und nicht nur über sie zu bestimmen, macht das Menschliche im Menschen aus. Liberty treibt es zu weit, warum, wird beim aufmerksamen Lesen gut verständlich. Es ist einem glücklichen Zufall zu verdanken, dass sie am Ende auf ihrer Flucht angehalten wird. Das schenkt ihr aber auch Zeit zum Nachdenken und damit zur Rückkehr zum Menschsein. Der Schluss ist voller Gefühle, aber nicht kitschig. Die freie Entscheidung für Verantwortung ist das Wesentliche.
Zuviel davon sollte man aber niemandem zumuten. Gerade sehr junge Menschen können eher Schaden nehmen dabei. Das ist eine Mahnung in Richtung Erwachsener, über die man einmal nachdenken sollte.

Äußerst spannend, gut formuliert, prima übersetzt, mit überzeugenden Figuren und jeder Menge Stoff zum Nachfragen und Nachdenken ausgestattet, ist Whites Geschichte auf jeden Fall ein Platz im Regal der ganz besonderen Jugendbücher einzuräumen.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Jen White: Als wir fast mutig waren
(Survival Strategies of the Almost Brave, 2015)
Aus dem US-Amerikanischen übersetzt von Sylke Hachmeister
Hamburg: Carlsen 2017
315 Seiten, 14,99 Euro
Jugendbuch ab 12 Jahren
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