Mädchenträume

Jugendbuch | Karen Foxlee: Das nachtblaue Kleid

Die magische Wirkung eines nachtblauen Kleides führt zu einer Katastrophe: in einer schwülen Sommernacht, in der ein lange herbeigesehnter Ball stattfindet, verschwindet ein Mädchen spurlos. Die Suche nach ihr birgt so manche Überraschung. Von ANDREA WANNER

Kleid600Die 15jährige Rose strandet zusammen mit ihrem rastlosen Vater an der australischen Küste auf einem weiteren Campingplatz. Eine neue Schule erwartet sie, neue Mädchen, mit denen sich näher zu befassen nicht lohnt, weil sie sowieso bald wieder weiterziehen werden. Fast gegen ihren Willen freundet sich Rose mit der offenen, lebensfrohen Pearl an und nimmt Anteil an dem, was um sie herum geschieht. Sogar beim Fest der Zuckerrohrernte will Rose mitmachen. Es ist der Höhepunkt des Jahres, Kleidung und Frisuren werden monatelang vorher geplant, jede will die Schönste sein. Und weil Rose sich kein Kleid leisten kann, schlägt ihr Pearl vor, die alte Edie Baker zu fragen, die früher einmal genäht hat, jetzt aber als Hexe verschrien ist. Es wird eine schicksalhafte Begegnung und gemeinsam nähen sie tatsächlich für Rose das Kleid ihrer Träume.

Ankerstich – Korallenstich – Hexenstich – Vorstich – Kettenstich – Spinnwebstich – Umschlungener Rückstich –Doppelt durchzogener Vorstich – Farnkrautstich – Fliegenstich – Schlingstich – Gedrehter Kettenstich – Flechtstich – Leiterstich – Knopflochstich – Blindsaumstich – Federstich – Pfeilstich – Flammenstich … Was wie ein Kompendium der Näh- und Stickkunst klingt, sind die Kapitelüberschriften, die Karen Foxlee für die geheimnisvolle Geschichte gewählt hat. Es ist eine Reise in eine Welt voller Sinnlichkeit und Foxlee gestaltet diese Momente mit Hingabe. Wenn Edie Rose bei ihrem ersten Besuch durch ein dem Verfall preisgegebenes Haus führt, wo an allen Stellen Stoffe lagern – Leinen, Tweed, Serge, Chalon, Batist, Gabardine, Georgette, Samt, Dimity, Gingham, Chintz, Seide … – und Rose genau weiß, was sie sucht: Ein Kleid, das so dunkel ist wie ihre Stimmung. Schwarz, düster, zieht diese eigentümliche Stimmung in ihren Bann. Und dann der magische Moment, in dem das Mädchen entdeckt, was sie sucht:

»Nur ein Kleid hängt in dem Schrank. Es riecht nach Erde, denkt Rose, nach Erde und Regen und Himmel. Sie berührt das Kleid, wie es da hängt auf einem einfachen Holzbügel, es ist aus glänzendem, nachtblauen Seidentaft. Es macht ein sanftes Geräusch, als wäre es froh, nach so vielen Jahren berührt zu werden.«

Aus diesem alten Kleid wird ein neues entstehen. Stich für Stich, so wie auch heute Haute Couture noch immer meist mit der Hand genäht wird. Die Nähstunden füllt Edie mir Erinnerungen an alte Zeiten, an vergangene Lieben, an Tragödien. Und um die Tage mit der alten Edie ranken sich die Begegnungen mit Pearl, die voller Geheimnisse steckt, die sie Rose anvertraut.

Die Katastrophe steht am Anfang des Buches: Ein Mädchen ist verschwunden. Foxlee lässt die Leserinnen in Unklaren darüber, welches Mädchen es ist. Beim Lesen sammelt man Vermutungen, setzt Puzzleteilchen zusammen, folgt Irrwegen und falschen Fährten. Rose oder Pearl. Wer von beiden ist verschwunden? Und warum? Mehr als 300 Seiten spannendes Rätselraten mit vielen poetischen Momenten machen den Roman zu einem ungewöhnlichen Lesevergnügen, das buchstäblich bis zur letzten Zeile mit Überraschungen aufwartet.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Karen Foxlee: Das nachtblaue Kleid
(The Midnight Dress, 2013) Aus dem Englischen von Beatrice Howeg
Weinheim: Beltz & Gelberg 2014
333 Seiten, 17,95 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren

Reinschauen
Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

»Wie wollen wir leben?«

Nächster Artikel

Der überwältigende Charme des Alltäglichen

Weitere Artikel der Kategorie »Jugendbuch«

Gegen alle (Natur-)Gesetze

Jugendbuch | Gregory Hughes: Den Mond aus den Angeln heben Die Wege sind weit in dieser Geschichten und das Geschwisterpaar, das sie zurücklegen muss, noch klein. Deswegen wurden die zwei mit besonderen Eigenschaften ausgerüstet, die eine davon sogar sehr besonders. Was den Kindern begegnet und was mit ihnen geschieht, ist gleichfalls ungewöhnlich, streckenweise geradezu wunderbar. Ein Wunder der Kinderliteratur ist der Debütroman von Gregory Hughes Den Mond aus den Angeln heben trotzdem nicht geworden, eher eine Geschichte, über die man sich hin und wieder wundern muss. Von MAGALI HEISSLER

Blick in den Garten nebenan

Erzählungen | Eulenglück und Hasenleid

Geschichten für Kinder gibt’s überall, auf der ganzen Welt werden sie erzählt – ganz gleich, wohin man schaut. Warum nicht einmal gleich über den Zaun in ein Nachbarland? Der NordSüd Verlag hat sich etwas besonders Feines ausgedacht und einen dicken Band herausgebracht, der elf der schönsten Schweizer Bilderbuchgeschichten enthält. Von MAGALI HEIẞLER

Bindungswillig

Jugendbuch | Arne Svingen: Die Ballade von der gebrochenen Nase Das stolze Individuum, ein Held, der allem trotzt und am Ende in den Sonnenuntergang trabt, aufrecht und ungebrochen in seiner emotionalen Genügsamkeit, scheint als Vorbild zu verblassen. »Kein großer Verlust«, kann man nur sagen, vor allem, wenn man sieht, was statt seiner kommt. Menschen nämlich, die bereit sind, sich auf andere einzulassen, sich zu binden. Einer von ihnen heißt Bart. Der norwegische Autor Arne Svingen erzählt uns die wild-schöne Geschichte. Von MAGALI HEISSLER

Abenteuer auf dem Containerschiff

Jugendbuch | Kirsten Fuchs: Mädchenmeuterei

In ›Mädchenmeute‹ hat Kirsten Fuchs eine bunt zusammengewürfelte Mädchenschar in ein Abenteuer im Erzgebirge geschickt, nun geht es auf einem Containerschiff nach Marokko. Geheimnisvolle Videos, ein böser Erster Offizier, seltsame Begegnungen und ein Kuss schweißen die Meute noch enger zusammen. GEORG PATZER ist sehr angetan

Ein unerkannter Freund fürs Leben

Jugendbuch | Pascale Osterwalder: Daily Soap

Händewaschen war und ist eine der wichtigsten Hygieneregeln in Coronazeiten. Um die um die Ausbreitung von krankmachenden Keimen zu stoppen, wurden in öffentlichen Toiletten Händewaschplakate aufgehängt, das Prozedere in mehreren Sprachen erklärt, das Robert Koch Institut empfiehlt, die Hände etwa 20 Sekunden lang zu waschen. Das beginnt damit, dass man sie nass macht. Und dann kommt die Seife zum Einsatz, direkt aus dem Seifenspender. ANDREA WANNER freut sich, dass dem jetzt ein ganzes Buch gewidmet ist.